arag sid

August 2019

Sport-Informations-Dienst (SID)

Frankfurt/Main (SID) Das Rampenlicht mied Steffi Graf auch vor ihrem 50. Geburtstag am 14. Juni – wie so oft während, und noch viel öfter nach ihrer schillernden Karriere. Glückwünsche und Huldigungen rund um den ganzen Globus erreichten die wohl prominenteste deutsche Sportlerin der Geschichte dennoch. Die Tenniswelt verneigte sich noch einmal vor einer ihrer größten Ikonen.

So etwa Boris Becker, selbst Protagonist des großen deutschen Tennis-Booms der Achtziger und Neunziger. „Man hat sie ja nicht umsonst die Gräfin genannt, weil sie einfach einmalig ist. So eine Spielerin werden wir wahrscheinlich nie wieder haben“, sagte er. Nach seinem eigenen runden Geburtstag im November 2017 hatte er zudem einen Rat für Graf übrig: „Es tut ein bisschen weh, 50 zu werden, aber man kommt drüber.“ Via Twitter gratulierte Becker seiner langjährigen Weggefährtin bereits am Mittwoch – und damit zwei Tage zu früh.

Viele ehemalige Kolleginnen und Kontrahentinnen zollten Graf ihre Anerkennung. Als beispielsweise Martina Navratilova am Rande der French Open gefragt wurde, was sie beim Namen „Steffi Graf“ denke, antwortete sie lachend nur mit einem Wort: „Rückhand-Slice“. Der Schlag, der Grafs Spiel neben der krachenden Vorhand am meisten bestimmte, hat eine Ära geprägt.

Graf war stilbildend – und das nicht nur aus ästhetischer Sicht. „Steffi hat das Tennis bereichert, vor allem athletisch hat sie neue Maßstäbe gesetzt“, sagt Martina Hingis. Die Schweizerin verlor 1999 bei Grafs finalem Grand-Slam-Triumph im Finale von Paris in einem denkwürdigen Generationenwettstreit: „Das letzte Duell bei den French Open war wohl eines der besten Frauenspiele der Tennisgeschichte“, meint Hingis.

Auch die Argentinierin Gabriela Sabatini, eine von Grafs größten Rivalinnen in den Achtzigern und Anfang der Neunziger, schwärmt noch heute von den Aufeinandertreffen. „Ich konnte mich glücklich schätzen, sie auf der anderen Seite des Netzes zu haben“, sagt Sabatini: „Ich war eine bessere Spielerin, wenn ich gegen sie gespielt habe.“

Doch nicht nur ihre Gegnerinnen, auch ihre Mitspielerinnen hat die „Gräfin“ mitgerissen – nicht zuletzt zu den beiden deutschen Fed-Cup-Triumphen 1987 und 1992. „Steffi Graf ist, wenn man das so sagen kann, eine Jahrhundertsportlerin, deren Glanz so schnell nicht verblassen wird“, sagte ihre damalige Teamkollegin Anke Huber dem SID. Barbara Rittner, ebenfalls 1992 mit von der Partie, schwärmte: „Sie war immer ein Vorbild für mich – im Tennis, aber auch als Mensch.“

Und dann sind da ja noch die unzähligen Mädchen und Jungs, die Graf mit ihren Erfolgen und ihrer Aura für den Tennissport begeistert hat. Die, geprägt von den Eindrücken des deutschen Weltstars, selbst den Schläger in die Hand nahmen. Eine davon war Wimbledonsiegerin Angelique Kerber, die sich nun in der Bild am Sonntag mit einer Art Liebesbrief an ihr großes Idol wandte.

„Du hast mit Deinen großen Triumphen nicht nur ganz Deutschland verzaubert, sondern auch meine Biographie geprägt“, heißt es darin: „Danke für die Inspirationsquelle, die Du für mich bist.“ Steffi Grafs Erbe wird auch nach ihrem 50. Geburtstag weiter wirken. Unabhängig davon, ob sie selbst das Rampenlicht sucht oder nicht.

 

Schlaglichter der Karriere von Steffi Graf

Am 14. Juni 1969 erblickte Stefanie Maria Graf in Mannheim das Licht der Welt, am 14. Juni 2019 wurde Deutschlands erfolgreichste Tennisspielerin 50 Jahre alt. Der Sport-Informations-Dienst (SID) blickt auf Triumphe, Rekorde und dunkle Stunden im Leben der Jahrhundertsportlerin zurück.

Die Triumphe:
Steffi Graf hat alles gewonnen, was es im Tennis zu gewinnen gibt. Mit 17 Jahren schaffte sie am 6. Juni 1987 mit dem Finalsieg bei den French Open gegen Martina Navratilova ihren großen Durchbruch. 1988 gewann sie alle Grand-Slam-Titel in einem Jahr und vollendete mit Olympia-Gold als bis heute einzige Spielerin den Golden Slam. Am 9. Juli 1989 sorgte sie gemeinsam mit Boris Becker für die größte Sternstunde im deutschen Tennis, als innerhalb von drei Stunden beide Wimbledon-Trophäen nach Deutschland wanderten. Olympisches Silber sowie fünf Siege beim WTA-Masters, darunter zwei im Damen-Tennis seltene Fünfsatz-Siege gegen Anke Huber und Martina Hingis, rundeten ihre fulminante Einzelbilanz von insgesamt 107 Turniersiegen, davon 22 Grand-Slam-Titel, ab. Zudem war sie an beiden deutschen Fed-Cup-Erfolgen 1987 und 1992 entscheidend beteiligt.

Die Rekorde:
Mit ihren Triumphen hat sich Steffi Graf in zahlreichen Rekordlisten verewigt. 377 Wochen war sie die Nummer eins der Weltrangliste, achtmal beendete sie ein Tennisjahr an der Spitze des Klassements. Graf war zudem mit 13 Jahren und vier Monaten die jüngste Spielerin, die je in der Weltrangliste geführt wurde. In 32 Minuten fertigte sie Natalia Zwerewa 1988 im Finale der French Open mit 6:0, 6:0 ab, bis heute der schnellste Finalsieg in der Grand-Slam-Geschichte. 13 Grand-Slam-Finals in Serie, mindestens vier Siege sowie eine erfolgreiche Titelverteidigung bei jedem Grand Slam sind ebenfalls einmalig.

Ihr Spiel:
Keiner bewegte sich an der Grundlinie so elegant wie Steffi Graf. Mit ihrer herausragenden Beinarbeit brachte sie nahezu jeden Ball ins Feld zurück und die Gegnerinnen gleich reihenweise zur Verzweiflung. „Fräulein Vorhand“ donnerte mit ihrer krachenden Vorhand gleich reihenweise Winner ins Feld. Der nahezu fehlerfrei funktionierende Rückhand-Slice wurde ebenfalls zu ihrem Markenzeichen.

Die Gegner:
Steffi Graf duellierte sich mit verschiedenen Tennisgenerationen und behielt fast immer die Oberhand. In der Anfangszeit ihrer Karriere lieferte sie sich mit Martina Navratilova ein heißes Duell um die Spitze der Weltrangliste. Arantxa Sanchez Vicario, Jana Novotna und Gabriela Sabatini begleiteten Graf nahezu über ihre gesamte Karriere, einzig Sanchez Vicario fand auf Sand regelmäßig ein Mittel gegen Graf. Erst mit dem Auftreten von Monica Seles kam Anfang der 90er eine Kontrahentin hinzu, die sie auf allen Belägen ernsthaft fordern konnte. In der Endphase der Karriere wies sie auch noch die Generation „Power-Tennis“ um die heute noch aktiven Schwestern Serena und Venus Williams in die Schranken.

Die Niederlagen:
Steffi Graf verlor nicht oft – in ihren besten Jahren von 1987 bis 1989 in der ganzen Saison nur zwei bis drei von knapp 80 Spielen. Lediglich in Wimbledon leistete sich Graf bei einem Grand-Slam-Turnier einen Komplettaussetzer, als sie 1994 in der ersten Runde der krassen Außenseiterin Lori McNeil unterlag. 1991 verlor sie gegen Jana Novotna im Viertelfinale der Australian Open in einem dramatischen Match im dritten Satz mit 6:8 und verpasste ihren vierten Turniersieg nacheinander in Australien. Das letzte Grand-Slam-Finale ihrer Karriere verlor sie 1999 in Wimbledon gegen die Amerikanerin Lindsay Davenport. Besonders bitter war die Finalniederlage bei den French Open 1990 gegen die erst 16 Jahre alte Monica Seles. Diese Pleite läutete eine Jahre andauernde Rivalität mit Seles ein.

Das Attentat:
Steffi Grafs Dauerkontrahentin Monica Seles wurde am 30. April 1993 Opfer eines Attentats. Der psychisch gestörte Günter Parche attackierte die damalige Weltranglistenerste während ihres Viertelfinalspiels am Hamburger Rothenbaum. Der fanatische Steffi-Graf-Fan stach Seles während ihrer Begegnung gegen Magdalena Maleewa nieder, um die härteste Konkurrentin seines Idols aus dem Weg zu räumen. Vor allem wegen der massiven psychischen Folgen kehrte Seles erst 27 Monate später auf die Tour zurück und fand nie mehr zu ihrer herausragenden Form der Anfangsjahre. Graf besuchte Seles zwei Tage später im Krankenhaus, musste aber nach wenigen Minuten zum Finale des Turniers aufbrechen. Seles ist bis heute bestürzt über die Fortsetzung des Turniers: „Ich bin niedergestochen worden, auf dem Tennisplatz, vor Tausenden von Leuten, und das Turnier läuft weiter, als ob nichts gewesen wäre.“

Die Weggefährten:
Für eine der schönsten Entwicklungen im Leben Grafs war Heinz Günthardt verantwortlich. Der Schweizer führte Graf nicht nur nach ihren Verletzungen immer wieder in die Weltspitze zurück, sondern verkuppelte sie 1999 in Wimbledon auch mit ihrem heutigen Ehemann Andre Agassi. Eine ganz besondere Rolle in ihrem Leben spielte Vater Peter Graf. Der gelernte Versicherungskaufmann trainierte Steffi ab ihrem dritten Lebensjahr und führte sie im Teenageralter in die Weltspitze. Auch der langjährige Bundestrainer Klaus Hofsäss begleitete Steffi Graf durch ihre gesamte Karriere.

Der Steuerskandal:
1995 geriet Steffi Graf mit ihrem Vater Peter ins Visier der Steuerfahndung. Peter Graf hatte dem deutschen Fiskus rund 42 Millionen D-Mark der Antrittsgelder und Preisgelder seiner Tochter verschwiegen. Er wurde 1997 schließlich zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Das Verfahren gegen Steffi Graf wurde frühzeitig eingestellt, da sie nachweisen konnte, nichts von der Steuerhinterziehung gewusst zu haben.

Die Geschäftsfrau:
Als Werbeikone der 90er aß Steffi Graf in einem Werbespot sogar Nudeln aus der Siegerschale von Wimbledon. Graf setzte bereits während der Karriere auf die Vermarktung abseits des Platzes und ging sehr defensiv mit dem verdienten Geld um. Neben zahlreichen Werbeverträgen brachte sie ihre eigene Mode-Kollektion auf den Markt und gründete eine Sport-Marketing-Firma. Heute hat sie weiterhin bedeutende Werbeverträge, ist Teilhaberin einer Fitness-Kette für Frauen und engagiert sich vor allem intensiv für ihre Stiftung „Children for Tomorrow“, die sich um Hilfe für traumatisierte Kinder kümmert.

Die Verletzungen:
Im letzten Karrieredrittel wurde Steffi Graf immer wieder von ihrem eigenen Körper ausgebremst. 1994/95 musste sie wegen Rückenproblemen monatelang pausieren. Später stoppte Graf eine Knieverletzung, nach einer Patellasehnenoperation fiel sie zwölf Monate aus. In dieser Zeit verlor sie die Führung in der Weltrangliste an die junge Schweizerin Martina Hingis. Doch Graf feierte ein sensationelles Comeback mit einem Finalsieg gegen Hingis bei den French Open und bezeichnete dies später als „wundervollste Erinnerung“ ihrer Karriere. Nach neuerlichen Knieproblemen trat sie am 13. August 1999 im Alter von 30 Jahren zurück. Auch knapp 20 Jahre nach ihrem Karriereende klagt Graf immer noch über Knie- und Hüftbeschwerden.

Die Familie:
Im Gegensatz zu Boris Becker hält Steffi Graf ihr Privatleben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Von Eskapaden gibt es bei der „Gräfin“ keine Spur. Seit 2001 ist sie mit dem langjährigen Berufskollegen Andre Agassi verheiratet. Mit dem achtmaligen Grand-Slam-Sieger hat sie den 17 Jahre alten Sohn Jaden Gil und die 15 Jahre alte Tochter Jaz Elle. Drei Hunde machen das ruhige Leben am Wohnsitz in Las Vegas fernab der deutschen Heimat perfekt. Vor Agassi war sie sieben Jahre mit dem deutschen Rennfahrer Michael Bartels zusammen. Ihre Eltern Heidi und Peter Graf ließen sich 1999 kurz nach dem Gefängnisaufenthalt von Peter scheiden. Peter Graf ist im November 2013 verstorben. Ihr jüngerer Bruder Michael Graf lebt mit seiner Familie ebenfalls in Las Vegas, seine Tochter Talia strebt eine Model-Karriere an.

Die Auszeichnungen:
Der Trophäen-Schrank von Steffi Graf ist prall gefüllt. Graf wurde in Deutschland fünfmal als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet – so oft wie keine andere Sportlerin. Entsprechend wurde sie von den deutschen Sportjournalisten 1999 zur Jahrhundertsportlerin in Deutschland gewählt. Von der Gazzetta dello Sport und der Women’s Sport Foundation wurde Graf jeweils als Weltsportlerin des Jahres geehrt. Die Vereinigung der europäischen Sportjournalisten machte sie gleich dreimal zu Europas Sportlerin des Jahres. Von der WTA wurde Graf achtmal zur Spielerin des Jahres gekürt. 2009 erhielt die Ehrenbürgerin Baden-Württembergs das Bundesverdienstkreuz. Mittlerweile gehört Graf sowohl der International Tennis Hall of Fame als auch der Hall of Fame des deutschen Sports an.