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Oktober 2019

Sport-Informations-Dienst (SID)

Sotschi (SID) Vettel gegen Leclerc, die Dritte – auch in Sotschi gönnten die Teamrivalen einander nichts, es brodelt gewaltig unter der Oberfläche. Und eigentlich ist spätestens jetzt klar: Diese Fahrerpaarung kann für Ferrari nur ins Chaos führen.

Bei Ferrari gingen erstmal die Türen zu. Im kleinen Kreis wurden Sebastian Vettel und Charles Leclerc die Köpfe gewaschen, erst danach trat Teamchef Mattia Binotto mit seinen beiden Sorgenkindern vor die Presse. Und dann standen sie da mit gesenkten Blicken, rechts und links neben dem schlaksigen Italiener, und sie wussten: Nach dem Drama von Sotschi wäre jedes Wort ein Wort zu viel.

„Ich denke, das Beste ist es jetzt, gar nichts mehr zu sagen“, stellte Vettel schmallippig fest, und wollte sich dann eine Spitze doch nicht verkneifen: „So viel sei gesagt: Ich habe mich heute an die Abmachungen gehalten.“

Das Ergebnis des Großen Preises von Russland war dramatisch schlecht für die Scuderia, gemessen an den Möglichkeiten. Vettel schied mit einem Antriebsschaden aus, Leclerc wurde nur Dritter hinter dem Mercedes-Duo Lewis Hamilton und Valtteri Bottas – obwohl der Ferrari das schnellste Auto war.

Was aber wirklich hängen bleibt und mit Blick auf die Zukunft Sorgen bereiten sollte nach diesem 16. Saisonrennen, ist die Dynamik innerhalb des Teams. Ferrari hatte sich für den Start in Sotschi eine Strategie überlegt, die so gut funktionierte, dass sie bei normalem Rennverlauf zum Doppelsieg geführt hätte – doch dann kamen der Ehrgeiz und die Eitelkeiten der beiden Piloten ins Spiel.

Vettel und Leclerc beanspruchen jeweils die Führungsrolle bei der Scuderia, und sie beide haben gute Argumente. Vettel ist viermaliger Weltmeister und gehört damit zu den erfolgreichsten Piloten der Formel-1-Geschichte, und er hat seit 2015 geholfen, den stolzen Rennstall wieder zu einem Siegerteam zu machen. Leclerc ist neben Max Verstappen das größte Talent seiner Generation – und hat in den vergangenen Monaten schlicht und einfach bewiesen, dass er momentan meist schneller ist als Vettel.

Diese Ausgangslage wird erst dadurch so brisant, dass Ferrari seit der Sommerpause wieder ein Siegerauto hat. Zwischen den Teamrivalen geht es plötzlich um alles, und das hat in den vergangenen drei Rennen dreimal zu deutlichen Verwerfungen geführt. In Monza verwehrte Leclerc dem Deutschen eigenmächtig den Windschatten im Qualifying. In Singapur nutzte Vettel, protegiert vom Team, einen Strategievorteil eiskalt aus. Und nun in Sotschi beanspruchten beide die Führung nach dem Start für sich. Und beschwerten sich in jedem der Fälle deutlich über ihren Gegenüber.

„Offener Krieg zwischen Vettel und Leclerc!“, titelte der Corriere dello Sport am Montag. Der Corriere della Sera unkte: „Wenn das Verhältnis zwischen Vettel und Leclerc bereits so angespannt ist, wenn es nicht um den WM-Titel geht, was wird nächstes Jahr passieren, sollte Ferrari die Führung übernehmen?“

Bei Ferrari versucht man dieser Herausforderung bislang mit Gelassenheit zu begegnen, zumindest öffentlich gab es kein Machtwort von Binotto, die beiden Piloten sollen weiterhin gleichberechtigt antreten. Den sportlichen Konkurrenten lässt das bereits frohlocken: Bei Mercedes weiß man, welche Sprengkraft eine solche Konstellation birgt.

„Immer, wenn zwei Alphatiere um die erste Position im Team kämpfen, bringt das die Gefahr einer Eskalation mit sich“, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, „wir hatten das ja selbst schon mal.“ Denn das Klima zwischen Hamilton und Nico Rosberg, die einst sogar Jugendkumpels waren, war am Ende dermaßen vergiftet, dass die Lösung mit zwei Nummer-eins-Fahrern wohl bis auf weiteres nicht mehr der Wunsch ist bei Mercedes.

„Für uns ist das Ganze ein Vorteil“, sagt Wolff, „weil sie sich gegenseitig die Punkte wegnehmen.“ Wobei das wohl noch zu kurz gegriffen ist. Denn so, wie sich das Duell in den vergangenen Wochen entwickelt, kann das Nebeneinander von Vettel und Leclerc für Ferrari eigentlich nur ins Chaos führen.