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November 2019

Sport-Informations-Dienst (SID)

Berlin/Teheran (SID) – Sie lachten, schwenkten Nationalfahnen und machten jede Menge Selfies. Rund 3500 Frauen haben mit ihrer Party im Azadi-Stadion von Teheran beim Männer-Länderspiel zwischen dem Iran und Kambodscha (14:0) eine neue Ära im iranischen Sport eingeleitet und eine Debatte neu belebt: Wie politisch darf der Sport sein?

Erstmals seit knapp 40 Jahren durften zum WM-Qualifikationsspiel im Oktober im Iran wieder Frauen ins Stadion. Und diese machten reichlich Gebrauch von dem Angebot. Das erste Kartenkontingent war in weniger als einer Stunde verkauft, zusätzlich freigegebene Sitze waren ebenfalls in kurzer Zeit vergriffen, wie staatliche Medien berichteten.

Die iranische Regierung hatte im Vorfeld offenbar eingesehen, dass sie den Wandel in ihrer Gesellschaft nicht mehr aufhalten kann – zu groß war der Druck. Zuvor war Frauen das Live-Erlebnis im Stadion nicht vergönnt gewesen. Die erzkonservativen Geistlichen wollten sie vor dem Anblick halbnackter Männer und einem vulgären Umfeld bewahren.

International hatte der Tod der Iranerin Sahar Khodayari für zusätzlichen Druck gesorgt. Die 30-Jährige hatte im März versucht, bei einem Spiel ihres Lieblingsvereins Esteghlal Teheran als Mann verkleidet ins Azadi-Stadion zu gelangen. Als ihr eine Gefängnisstrafe drohte, zündete sich Khodayari vor dem Gerichtsgebäude an und erlag schließlich ihren Verbrennungen.

Auch der Fußball-Weltverband FIFA zeigte endlich Profil und forderte die Aufhebung des Verbots. Die Diskriminierung von Frauen ist laut der Statuten des Weltverbandes verboten. Die FIFA hatte als Sanktion mit dem Ausschluss der Nationalmannschaft von allen Wettbewerben gedroht.

Der iranische Fußball-Verband FFIRI hatte daraufhin nachgegeben und damit gezeigt, dass die großen Verbände im Weltsport doch viel bezwecken können. Gerne halten sich führende Vertreter von FIFA oder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit Aussagen über politische Verhältnisse mit dem Verweis auf ihre politische Neutralität zurück, insbesondere wenn es um die Lage in einem der Ausrichterländer ihrer Großevents geht. 

Nun aber pfiff die FIFA auf ihre politische Neutralität und setzte ein Land sogar unter Druck. FIFA-Präsident Gianni Infantino freute es am Ende des Tages. „Die Leidenschaft, Freude und Begeisterung, die die Frauen heute gezeigt haben, war bemerkenswert und ermutigt uns umso mehr, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen“, sagte er. Die Geschichte lehre, dass „der Fortschritt schrittweise erfolgt und dies nur der Anfang einer Reise ist. Jetzt kann es kein Zurück mehr geben.“

Das Sportliche geriet fast zur Nebensache, auch wenn der Torreigen die Party enorm befeuerte. Mit dem 14:0-Sieg setzte sich die vom früheren Schalker Bundesliga-Profi Marc Wilmots trainierte iranische Nationalelf in der Gruppe C der asiatischen WM-Qualifikation an die Tabellenspitze.