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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln/Milton (SID) Der frühere Teamsprint-Weltmeister Robert Förstemann (Gera) hat ein gelungenes WM-Debüt im Para-Bereich gefeiert. Im Tandem mit dem sehbehinderten Schweriner Kai Kruse bestätigte der 33 Jahre alte Olympia-Dritte von 2012 bei den Titelkämpfen im kanadischen Milton durch die Bronzemedaille Ambitionen auf einen Start bei den Paralympics in Tokio. Insgesamt standen für das deutsche Team vor dem letzten Wettkampftag sechs Medaillen zu Buche.

Denn der Podiumsplatz von Förstemann/Kruse war nur eine von insgesamt vier Medaillen am vorletzten WM-Tag. Straßen-Weltmeisterin Maike Hausberger (Cottbus) holte bei ihrer WM-Premiere auf der Bahn in der C2-Klasse sowohl im Scratch als auch im Omnium Silber, nachdem die 25-Jährige bereits zum WM-Auftakt in der Verfolgung Bronze gewonnen hatte. Die frühere Zeitfahr-Weltmeisterin Denise Schindler (Cottbus) sicherte sich in der C3-Klasse wie zuvor schon in der Verfolgung auch im Omnium Bronze.

Köln/Milton (SID) Robert Förstemann ist einer der erfolgreichsten deutschen Bahnradsprinter der letzten Jahre. Nach seinem Wechsel in den Behindertensport machte er bei der Para-Bahnrad-WM Anfang Februar den nächsten Schritt zu den Paralympics in Tokio.

Robert Förstemanns gewaltige Oberschenkel können einen Toaster mit Strom versorgen – doch bei seiner neuen Aufgabe wurden sie vor eine ganz neue Herausforderung gestellt. Der erfolgreiche Bahnradsprinter ist zum Para-Sport gewechselt und fährt seit knapp einem Jahr Tandem mit dem sehbehinderten Kai Kruse. Ein zumindest anfangs ungewohnter Ballast für den Teamsprint-Weltmeister von 2010. 

„Er zieht hinten heftig am Lenker“, sagte Förstemann dem Tagesspiegel: „Manchmal hat er mich damit fast ausgehebelt. Und das bei 70 km/h.“ Mittlerweile hat sich der 33-Jährige daran längst gewöhnt. Bei der Para-Bahnrad-WM im kanadischen Milton fuhr das Gespann nicht nur um Medaillen, sondern machte gleichzeitig den nächsten Schritt in Richtung Paralympics in Tokio (25. August bis 6. September).

Der Wechsel Förstemanns in den Behindertensport kam für viele durchaus überraschend, gehörte er doch immer noch zu den besten deutschen Sprintern. Seine Wattzahlen auf den Kurzdistanzen waren dank seiner kraftvollen Oberschenkel mit einem Umfang von 74 Zentimetern stets absolute Weltklasse. Bei einem Experiment trat der gerne auch als „Mr. Oberschenkel“ bezeichnete Geraer einst 700 Watt und röstete damit Toastbrot.

„Ich will eine Vorreiterrolle einnehmen und den paralympischen Sport auf ein neues Niveau heben“, erklärte der Olympiadritte von 2012 der Berliner Morgenpost seinen Wechsel: „Das macht es spannend. Mit dem Wechsel will ich ein Zeichen setzen.“ Ein Zeichen für Inklusion. Dafür sei das Tandem ein „Paradebeispiel. Es ist so ziemlich die einzige paralympische Disziplin, in der es auch darauf ankommt, was der Partner draufhat“, sagte Förstemann.

Deshalb musste er auch nicht lange grübeln, als der ehemalige Ruderer Kruse, der mit Olympiasieger Stefan Nimke bereits zuvor einen prominenten Partner hatte, mit der Anfrage auf ihn zukam. Statt nach seiner zweiten Olympiamedaille zu jagen, träumt er nun von paralympischem Edelmetall. Dafür zog er sich sogar aus dem Olympia-Kader zurück und verzichtete auf sämtliche Weltcup-Einsätze: „Eine Medaille bei den Paralympics ist nicht weniger wert als eine Olympia-Medaille“, sagte der Weltrekordhalter im Teamsprint: „Die Para-Sportler stecken genauso viel Fleiß und Schweiß in ihren Sport wie die Nicht-Behinderten – das sollte anerkannt werden.“

Gemeinsam mit Kruse fand er rechtzeitig vor dem ersten Großereignis 2020 auch immer besser in die Spur, als Achter im Qualifikationsranking hat das Gespann ordentliche Chancen auf die Paralympics. Bei den Sixdays im Berliner Velodrom stellte das Tandem am vergangenen Wochenende einen deutschen Rekord im 1000-m-Zeitfahren auf. In den Sprintdisziplinen traut Bundestrainer Tobias Bachsteffel den beiden deshalb sogar eine WM-Medaille zu.

Die besten Chancen auf Edelmetall haben aus deutscher Sicht aber wohl 2018er-Weltmeisterin Denise Schindler in der 3000-m-Verfolgung und Straßenrad-Weltmeisterin Maike Hausberger bei ihrem WM-Debüt auf der Bahn. Raphaela Eggert und Pierre Senska haben Außenseiterchancen.