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Juli 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) 1970 veränderte ein Gastspiel von Borussia Mönchengladbach in Tel Aviv die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nachhaltig.

Willy Brandt und Helmut Schmidt sprachen ein Machtwort. Der Bundeskanzler sowie sein Verteidigungsminister ordneten den Geheimflug einer Bundeswehr-Maschine vom Militär-Flughafen Köln-Wahn an. Ziel: Israel. An Bord: die „Fohlen“ von Borussia Mönchengladbach, die einen Tag später am 25. Februar 1970 in Tel Aviv als erste deutsche Fußball-Mannschaft ein wirklich historisches Spiel auf israelischem Boden bestreiten sollten.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Holocaust markierte Gladbachs rauschender 6:0-Erfolg gegen Israels Nationalelf einen einschneidenden Wendepunkt im Verhältnis von Deutschland und Israel. Die Elf von Trainer und Mitinitiator Hennes Weisweiler eroberte kurz vor ihrem ersten Meisterschafts-Triumph die Herzen der Israelis im Sturm: 22.000 einheimische Zuschauer bejubelten Deutsche frenetisch, und auf der Anzeigetafel blinkte „Vivat, Germania“ – bis dahin unvorstellbar.

„Wir wurden gefeiert von Menschen aus dem Volk, das eine so fürchterliche Geschichte mit uns hatte. Wir fanden das unglaublich“, erinnert sich Borussias damaliger Spielmacher Günter Netzer in der ARD-Dokumention „Geheimmission Tel Aviv“. 

Quasi durch Diplomatie per Doppelpass waren die Nachfolge-Generationen von Tätern und Opfern aufeinander zugegangen und zu Brückenbauern geworden. Netzers damaliger Teamkollege Ulrik Le Fevre beschreibt die Ereignisse eindringlich: „Als wir hinterher zum Bus gingen, haben die israelischen Zuschauer uns immer wieder umarmt. Einigen von uns liefen Tränen über die Wangen.“

Dabei hatte der politisch hochbrisante Trip noch 48 Stunden zuvor trotz monatelanger Planung auf der Kippe gestanden: Eine Terrorwelle gegen israelische und jüdische Ziele hielt die Welt bereits seit Wochen in Atem.

Zehn Tage nach dem Brandanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in München mit sieben Toten explodierten am 23. Februar in Maschinen der Austrian Airlines und Swiss Air mit Ziel Tel Aviv Paketbomben. Das österreichische Flugzeug konnte noch notlanden, beim Absturz der Schweizer Convair dagegen kamen alle 47 Insassen ums Leben. „Wir waren“, erzählt Netzer, „einhellig der Meinung, dass wir nicht nach Tel Aviv sollten.“

Nur fünf Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel stand aber viel auf dem Spiel. Zwar hatten der frühere Trainer-Ausbilder Weisweiler und Israels Nationalcoach Emanuel „Eddy“ Schaffer, Ende der 1950er Jahre ein Schüler von „Don Hennes“ an der Sporthochschule in Köln, das Match nur als private Freunde angeschoben. Zusehends jedoch war die Austragung für Israel offiziell „eine Prestigesache“ geworden, und auch für die deutsche Politik wäre die Absage ein Gesichtsverlust gewesen.

Weil zudem just am Abflugtag der Gladbacher Abba Eban als erster israelischer Außenminister die Bundesrepublik besuchte, machten Brandt und Schmidt das Freundschaftsspiel zur Chefsache. Unter strenger Geheimhaltung – das Außenministerium von Walter Scheel blieb lange ahnungslos – wurde Weisweilers Team morgens inkognito nach Köln gebracht. Die Hoheitsabzeichen der Bundeswehr-Boeing 707 sollten abgeklebt und die beiden Majore im Cockpit zivil tragen – 1970 war noch „jeglicher Kontakt deutschen militärischen Personals und Materials mit Israel“ verboten. 

Doch auch im Gelobten Land war Borussias Gastspiel nicht unumstritten. „Wir sollten keine deutschen Autos fahren oder Zahlungen des Bundestages akzeptieren“, schildert Israels Idol und damaliger Nationalmannschafts-Kapitän Mordechai Spiegler die Stimmung: „Warum sollten wir gegen eine deutsche Mannschaft Fußball spielen?“ 1965 war Deutschlands erster Botschafter bei seiner Vorstellung mit Eiern und Tomaten beworfen und mit einem Transparent mit der Aufschrift „Acht Millionen Gründe dagegen“ empfangen worden.

Die „Fohlen“ erlebten das Gegenteil. „Der deutsche Botschafter teilte uns mit, dass vorher kein Mensch und auch nicht Politik es geschafft hatten, in Israel solch eine Akzeptanz für unser Land zu schaffen“, berichtet Netzer. „Das Spiel hat gezeigt“, sagt Spiegler, „was Fußball für die Menschlichkeit erreichen kann.“

Ein Phänomen, das der israelische Historiker Moshe Zimmermann mit Gladbachs begeisternder Spielweise erklärt: „Die Menschen in Israel dachten: ‚Wenn der deutsche Fußball so gut ist, dann müssen die Deutschen auch gut sein.'“

Weisweiler ließ „sein“ Spiel, das so viel zwischen Deutschland und Israel verändert hatte, öffentlich immer unkommentiert. Von der Trainer-Legende ist nur eine Aussage nach der Heimkehr in den deutschen Winter überliefert: „Endlich hatten wir mal wieder grünen Rasen.“