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Juli 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Olympiadritter 1996, neun Jahre später ältester Weltmeister, mit 43 noch ein Comeback: Mark Warnecke, der etwas andere Schwimmer, wurde am 15. Februar 50.

Geschwommen ist Mark Warnecke schon länger nicht mehr. „Letztes Jahr im Sommer war ich mit meinen Kindern im Wasser“, erzählt der älteste Weltmeister der Schwimmgeschichte im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) und lacht: „Sie haben mich versägt.“

Die Zwillinge Colin und Tristan sind elf Jahre alt, ihr Vater wurde am 15. Februar 50 Jahre alt – und muss tricksen, um sie zu schlagen. „Ich habe die Serien, die wir geschwommen sind, umgestellt nach ihren Schwächen, dann war ich schneller.“ Knapp 15 Jahre ist es her, da war Warnecke bei der WM in Montreal schneller als alle anderen über 50 m Brust – und älter als jeder andere Schwimmweltmeister.

„Ich wollte wissen: Alter, was ist in deinem Körper noch drin?“, erinnert sich Warnecke. Neun Jahre zuvor hatte er in Atlanta Olympia-Bronze gewonnen und damit „alles erreicht, was ich erreichen wollte“. Als er mit 35 noch einmal ins WM-Becken sprang, hatte er schon als Arzt und Unternehmer Berufserfahrung gesammelt und für sich selbst eine Diät entwickelt. Aus „fettigen Fleischstangen“ wurden wieder Arme, und Warnecke schwamm schneller als je zuvor.

Mit 43 machte er sich selbst noch einmal zum „Versuchskarnickel“, wollte wissen, „was man im Alter verändern muss, damit der Körper wieder Leistung bringt“. Als Ernährungsberater hatte er die 41-jährige Amerikanerin Dara Torres bei Olympia 2008 zu drei Silbermedaillen geführt, „ich wollte nicht nur rumlabern, sondern gucken, wie weit ich komme“.

Bei der Kurzbahn-DM 2013 in Wuppertal schwamm er aus dem Training heraus ins Finale und dachte noch im Wasser: „Geil, es klappt. Danke, das war’s. Das Feuer war wieder aus. Ich hatte ausgerechnet: 1+1=2, was sollte ich noch weiter rechnen?“ Danach war endgültig Schluss.

Seinem Sport ist Warnecke allerdings noch immer verbunden, nicht nur weil er mit Ex-Weltmeister Marco Koch in Sachen Ernährung zusammenarbeitet. Den sportlichen Niedergang mit den medaillenlosen Olympischen Spielen 2012 und 2016 hat er genau verfolgt und sich mehrmals kritisch zu Wort gemeldet.

Trotz des neuen Schwimmstars Florian Wellbrock, der bei der WM im vergangenen Sommer Doppel-Gold gewann, sieht Warnecke weiter grundlegende Probleme. „Ich würde den Verband ganz anders führen“, sagt er, „es braucht ganz andere Strukturen: klein, modern, schnell.“ Er könne sich eine Aufgabe im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vorstellen, „wenn ich die Freiheit hätte, alles zu verändern“.

Dass der DSV ohne Präsident und Bundestrainer in die Sommerspiele in Tokio geht, will Warnecke nicht kommentieren: „Draufkloppen macht keinen Sinn.“ Sorgen bereiten ihm Probleme auf anderen Ebenen: „Trainer, die keine Sicherheit im Beruf haben und deshalb nicht mutig sind, Neues zu probieren“ und „Schwimmhallen, die geschlossen werden, Trainingszeiten, die gestrichen werden“. Davon sind auch seine Söhne in Bochum betroffen, die mittlerweile schneller schwimmen als ihr Vater.