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März 2020

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Berlin (SID) Die Heim-WM in Berlin war für die deutschen Bahnrad-Asse ein voller Erfolg. Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio untermauerten sie ihre Ambitionen für den Saisonhöhepunkt.

Nach der letzten Machtdemonstration auf der Bahn stemmte Emma Hinze stolz ihr Rad in die Höhe, freudestrahlend genoss die frisch gekürte Dreifach-Weltmeisterin den lautstarken Jubel über das sensationelle Gold-Triple. Die neue deutsche Sprint-Königin hatte zum Abschluss der Bahnrad-WM auch im Keirin triumphiert und wie einst Kristina Vogel drei Titel bei nur einer WM gewonnen. 

„Ich brauche ein paar Tage oder Wochen, um das zu realisieren. Ich bin jetzt richtig fröhlich, freue mich aber auch auf meinen Urlaub“, sagte Hinze, die Vergleiche mit Vogel vermied: „Ich vergleiche mich eigentlich nicht. Wir sind zwei unterschiedliche Personen.“

Hinze, die erfolgreichste Athletin der Titelkämpfe, sorgte für einen goldenen Abschluss einer Heim-WM, bei der nicht nur die erst 22-Jährige mit ihren Leistungen im Berliner Velodrom ein eindrucksvolles Versprechen für die Olympischen Spiele in Tokio abgab.

Acht Medaillen gewannen die Athleten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), vier Mal glänzten diese golden. „Von dieser Weltmeisterschaft nehmen unsere Sportlerinnen und Sportler mehr Rückenwind und Motivation mit als von zehn guten Trainingseinheiten“, sagte BDR-Sportdirektor Patrick Moster.

Allen voran die Sprinterinnen rasten in die Favoritenrolle für Olympia. Jegliche Bedenken, dass nach den Karriereenden der einstigen Sprint-Königinnen Kristina Vogel und Miriam Welte eine Lücke entstehen würde, wurden in Berlin ausgeräumt.

Die neuen deutschen Sprint-Stars heißen Emma Hinze, Lea Sophie Friedrich und Pauline Grabosch. Ihre starke Bilanz in Berlin: Gold im Teamsprint, Gold im Sprint und Keirin (Hinze), Gold im 500-m-Zeitfahren (Friedrich). „Das ist so unfassbar krass vor Olympia“, hatte Friedrich nach ihrem Triumph im Kampf gegen die Uhr am Samstag gesagt: „Ich bin einfach nur stolz, dass wir das hier so rocken.“

Bundestrainer Detlef Uibel, für gewöhnlich ein kritischer, strenger Geist, verzichtete auf Understatement. „Wir können um die Medaille mitfahren, egal, in welcher Disziplin“, sagte er: „Aber wir werden keine Goldvorgabe geben, mit Sicherheit nicht.“

Einen großen Anteil an den Bahnrad-Festspielen hatten auch die Ausdauerspezialistinnen. Der wiedererstarkte Vierer der Frauen fuhr deutschen Rekord (4:11,039 Minuten) und holte Bronze, in der Einerverfolgung legten Lisa Brennauer und Franziska Brauße mit Silber und Bronze nach.

„Wie wir als deutsche Mannschaft gefahren sind, das ist eine ganz große Nummer. Wir können froh sein über die WM“, sagte Brennauer: „Vor dieser WM hat keiner die Vorstellung gehabt, wie weit wir wirklich kommen können in Tokio. Da sollten wir ganz viel Mut und Aufwind mitnehmen.“

Der Traum vom dritten Gold erfüllte sich für Roger Kluge und Theo Reinhardt zwar nicht, mit Bronze im Madison feierten sie dennoch einen gelungenen WM-Abschluss. Das Duo, das 2018 und 2019 das begehrte Regenbogentrikot erobert hatte, musste sich mit 32 Punkten den Teams aus Dänemark (60) und Neuseeland (33) geschlagen geben.

Die vor allem mit viel Frauen-Power erzielten Erfolge überstrahlten aber auch die Schwachpunkte der deutschen Mannschaft. Der Vierer der Männer verpasste eine Medaille und die angestrebte Zeit von unter 3:50 Minuten. Die Lücke zur Weltspitze dürfte bis Tokio aber verkleinert werden.

Größere Sorgen bereiten die Sprinter. Während Uibel bei den Frauen ein Luxusproblem hat, fehlen auf der Gegenseite die Möglichkeiten. „Bei den Männern ist ein gewisses Egomanentum eingetreten“, sagte Uibel. Im Teamsprint fehlt ein Anfahrer auf Weltklasse-Niveau, auch in den Einzeldisziplinen herrscht Steigerungspotenzial.