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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Athleten leiden, Verbände und Vereine bangen – am Schlimmsten könnte die Coronakrise jedoch die Trainer treffen.

Deutschlands Spitzenathleten ächzen unter den Auswirkungen der Coronakrise, für tausende Trainer wird die Pandemie aber erst recht existenzbedrohend. Weil den oft auf Honorarbasis geringbezahlten und mit Kurzverträgen ausgestatteten Machern die Geschäftsgrundlage wegbricht, schrillen im deutschen Sport die Alarmglocken. Und Topathleten wie Thomas Röhler rufen zu schneller Hilfe auf.   

„Hier muss jetzt genauso schnell wie für uns Sportler Sicherheit geschaffen werden. Ich sehe hier definitiv den DOSB und das Bundesministerium in der Pflicht“, sagte der Speerwurf-Olympiasieger dem SID: „Das ist eine klare Forderung, denn sonst gibt es die nächste Lücke in der Sportpyramide.“

Die Virenkrise droht zur bundesweiten Trainerkrise zu werden, die alle Alters- und Leistungsklassen betrifft, vom kleinen Übungsleiter beim Mutter-Kind-Turnen bis hin in die obersten Olympia-Kader. Bei einer Umfrage des Berufsverbandes der TrainerInnen im Deutschen Sport (BVTDS) unter 100 Bundestrainern äußerten gut zwei Drittel Sorgen um ihren Arbeitsplatz. 

„Bei den Berufstrainern trifft die Krise vielfach auf eine ohnehin schon kritische Situation. Der Trainermarkt gehört zu den Branchen, denen es auch vor der Krise nicht so gut ging“, sagt BVTDS-Präsident Holger Hasse im Gespräch mit dem SID. Schon für Spitzensportler sind öffentliche Zuwendungen oder Zahlungen der Vereine teilweise nicht kostendeckend. Bei Trainern kommt oft noch weit weniger an. 

„Es gibt gerade im Leistungssport extrem viele Stellen, in denen wir prekäre Verhältnisse haben. Das fängt damit an, dass die meisten Stellen im olympischen Zyklus befristet sind“, sagt Hasse. Der frühere Badminton-Bundestrainer hat bei Olympia 2016 in Rio erlebt, „dass Kollegen, die dort mit ihren Athleten Erfolge erzielt haben, nach Hause kamen und sich arbeitssuchend melden mussten. Diese Trainer hatten durch Kettenverträge zum Teil drei, vier Verlängerungen bekommen und wussten nach den Olympischen Spielen nicht, wie es weitergeht.“

Das war der Normalzustand ohne Corona. Dass die Seuche diese missliche Lage dramatisch verschärft, veranlasst auch Hasse zum eindringlichen Appell: „Wichtig ist, dass die zugesagten Unterstützungsmaßnahmen schnell und unbürokratisch umgesetzt werden. Es ist bereits fünf nach zwölf, denn die Einnahmen für die selbstständigen Trainer sind durch die Anordnungen der Kommunen und Länder von heute auf morgen weggebrochen.“

Die Schließung von Sportstätten in der Krise nimmt vielen Honorartrainern die teils einzige Möglichkeit zum Broterwerb. Die Folge: Wer noch kann, sucht berufliches Glück und Auskommen abseits des Sports, damit fehlen gut ausgebildete Kräfte in der Nachwuchsförderung – dies könnte sich auf längere Sicht im Abschneiden bei sportlichen Großereignissen niederschlagen.

Vor allem der Fußball leidet. 150.000 Mannschaften aus 24.500 Klubs nehmen am DFB-Spielbetrieb teil – entsprechend viele Trainer und Übungsleiter sind betroffen. „Vielleicht stehen wir erst am Anfang eines Desasters. Je länger die Krise dauert, desto bedrohlicher wird es, vor allem für jene, die mit ihrer Trainertätigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen“, sagt Lutz Hangartner, Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL).

Schon in Liga vier beginnen laut Hangartner die Probleme: „Wenn du als Regionalliga-Trainer davon leben und eine Familie ernähren musst, kann es eng werden. Da wird teilweise gut bezahlt, etwa bei Klubs, die nach oben wollen. Aber noch mal eine Klasse tiefer: Die haben schlechte Karten.“

Selbst wenn (Sport-)Deutschland mit einem blauen Auge in der Coronakrise davonkommt: Das Problem der prekär bezahlten Trainer wird bleiben, und es könnte vielversprechenden Jungsportlern den Weg blockieren. „Wie wollen wir erwarten, dass junge Talente optimal gefördert werden, wenn Trainer mit einem Honorar von 200 Euro abgespeist werden? Das kann nicht funktionieren“, sagte Hindernis-Europameisterin Gesa Felicitas Krause bei Spox. Ein Umdenken ist auch in Zeiten nach Corona bitter nötig.