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August 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Es war nicht gerade Wimbledon – aber am vergangenen Wochenende war die kleine Keramikstadt Höhr-Grenzhausen der Nabel der Tenniswelt.

Boris Becker warnte aus dem Londoner Lockdown vor der großen Tennis-Krise. Doch fernab von Gras und Glamour Wimbledons, in der beschaulichen Gemeinde Höhr-Grenzhausen im Westerwald, erfolgte am Tag der Arbeit der erste Aufschlag zu einer neuen Normalität . Unter strengen Schutzmaßnahmen wurde vom 1. bis 4. Mai auf Asche professionelles „Geistertennis“ gespielt – und es war gar nicht mal so schlimm.

„War cool, eigentlich“, sagte Yannick Hanfmann dem SID nach seinem ersten Match ohne Zuschauer in einer recht trostlosen Dreifach-Halle. „Ein bisschen strange, ja. Aber schön, wieder da zu sein. Endlich!“

Das Keramikstädtchen im „Kannenbäckerland“ bewirbt zwar stolz die einzige Burg Deutschlands mit dreieckigem Bergfried, der heimische TTC Zugbrücke war in den 80ern Europapokalsieger im Tischtennis. Aber dass sogar CNN, die New York Times und ESPN berichteten: Das war neu.

Es war gerechtfertigt. Höhr-Grenzhausen gab den Vorreiter einer vorsichtigen Öffnung. Die Tennis-Base hat ein Schauturnier mit acht deutschen Teilnehmern auf die Beine gestellt, Hanfmann war mit seiner Weltranglistenposition 143 der Beste unter ihnen. Am 1. Mai ging er mit Mund-Nasen-Maske auf den Platz, am Netz musste nach dem Matchball eine Verbeugung vor dem Verlierer reichen: Händeschütteln ist strengstens verboten.

„Wir sind auf Abstand, überall steht Desinfektionsmittel. Am Morgen war sogar die Polizei da und hatte noch mal alles gecheckt“, berichtete Hanfmann. Allein der Schiedsrichter auf seinem Hochstuhl durfte mit den Spielern auf den Platz, es gab weder Zuschauer noch Ballkinder. „Es war wie ein Trainingsmatch mit einem Kumpel“, sagte der 28-Jährige. Aber es war Tennis.

Boris Becker würde das wohl gefallen. Hanfmann, der ein paar Hundert Euro mit dem „Turnierchen“ verdient, gehört genau zu jener Kategorie Spieler, um die sich der dreimalige Wimbledonsieger mächtig sorgt.

„Wir stecken in der Krise. Abgesehen von den Top 50 oder 75 bei Männern und Frauen brauchen die Spielerinnen und Spieler Woche für Woche ihre Preisgelder“, sagte Becker in einem Interview bei laureus.com. Hanfmann entgegnet, er könne schon noch die eine oder andere Woche durchhalten – jedoch nicht endlos.

Also ist Kreativität gefragt. Live-Streaming ist eine gute, preiswerte Sache, der Tennis Channel strahlt die Matches aus dem Westerwald allein in den USA an potenziell 62 Millionen Menschen aus. Auch die Wettanbieter wie bwin freuen sich. Das könnte Zukunft haben, zumindest für die weitere Corona-Zeit.

Großartiges Flair allerdings verbreitet die Übertragung nicht. „Sie könnten Musik einspielen, irgendwie“, rufen sich Hanfmann und sein Gegner Johannes Härteis beim Seitenwechsel zu. Wenn der Turnier-Twitteraccount jubelt, Jan Choinski und Florian Broska hätten sich „ein elektrisierendes Duell“ geliefert – naja. Geht so. 

Am 2. Mai kam es übrigens zum Spitzenspiel zwischen Hanfmann und Dustin Brown, der einst Rafael Nadal in Wimbledon überrumpelte. Hanfmann behielt mit 4:3 (7:3), 4:0 klar die Oberhand.

Es sind die kleinen Turniere, die den großen Zirkus am Laufen halten. Boris Becker sieht sie akut in ihrer Existenz bedroht: „Es ist eine Frage der Zeit.“ Allein die Reisebeschränkungen machen international besetzte Events wahrscheinlich noch für Monate zu einem Ding der Unmöglichkeit. 

„Nationales Tennis“, sagte Hanfmann, „können wir so hinkriegen.“ Immerhin: ein erster Aufschlag.

Apropos: Gewonnen hat den ersten Teil der vielbeachteten Turnierserie in Höhr-Grenzhausen übrigens Yannick Hanfmann, der im entscheidenden Match am 4. Mai gegen Dustin Brown (Winsen/Aller) mit 4:2 und 4:0 letztlich einen Favoritensieg perfekt machte