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Oktober 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Dem Tod ist Alessandro Zanardi schon zweimal von der Schippe gesprungen. 1993, als er in Spa als Formel-1-Pilot in die Mauer der Eau Rouge raste und ein infernalisches Trümmerfeld mit nicht mehr als einer Gehirnerschütterung verließ. Und 2001, als er auf dem Lausitzring so schwer verunglückte, dass ihm die Ärzte beide Unterschenkel amputieren mussten. Nun betet die gesamte Sportwelt, dass der Italiener, der nach einem Handbike-Unfall Ende Juni um sein Leben ringt, dem Sensenmann ein drittes Mal die lange Nase zeigen kann.

„Du warst immer ein Kämpfer und wirst immer einer sein“, rief Jean Todt, der Präsident des Automobil-Weltverbandes FIA, Zanardi aus der Ferne zu. Und deshalb steht für Zanardis einstigen Königsklassen-Weggefährten Giancarlo Fisichella fest: „Du wirst es auch diesmal schaffen.“

Ob es der 53-Jährige diesmal wirklich schaffen wird, steht noch völlig in den Sternen. Die Verletzungen, die sich Zanardi, der bei einem Rennen in der Toskana offenbar die Kontrolle über sein Bike verloren, sich zweimal überschlagen hatte und dann gegen einen LKW auf der Gegenfahrbahn geprallt war, zugezogen hat, sind lebensbedrohlich. Zwar klangen die Bulletins der behandelnden Ärzte am zweiten Tag nach dem Unfall ein wenig zuversichtlicher. Sorgen bereiten aber nach wie vor Zanardis Kopfverletzungen, etwaige neurologische Schäden können nicht ausgeschlossen werden. Zanardi muss kämpfen, und Italien kämpft mit.

Der überaus populäre Sportsmann aus Bologna hat sich, und das gibt Hoffnung, trotz schwerster Rückschläge noch nie unterkriegen lassen. Die Liebe zum Wettkampf fing ihn nach dem Lausitzring-Desaster auf und trieb zu einer grandiosen Karriere in paralympischen Disziplinen an. „Jeder Trainingstag war ein Geschenk“, sagte Zanardi, als er sich auf seine ersten paralympischen Spiele in London vorbereitete.

Auch mit bald 54 Jahren dachte der viermalige Paralympics-Sieger noch nicht ans Aufhören, das Rennen in der Toskana sollte nur eine Zwischenstation in seinem zweiten Sportlerleben sein.

In seinem ersten als Formel-1-Pilot war Zanardi nicht gerade eine große Nummer (ein Punkt in 41 Rennen zwischen 1991 und 1999), dann gewann er aber zweimal die amerikanische Konkurrenz-Serie Champ Car (1997 und 1998). Bei deren Europa-Debüt in der Lausitz am 15. September 2001 – kurz nach den Anschlägen von New York ohnehin eine Veranstaltung in beklemmender Atmosphäre – schoss der Kanadier Alex Tagliani den unkontrolliert trudelnden Zanardi-Wagen mit 320 km/h ab.

Zanardis Überleben war damals ein Wunder, siebenmal musste er wiederbelebt werden, verlor knapp drei Viertel seines Blutes. „Laut Wissenschaft hatte ich nicht den Hauch einer Chance“, sagte Zanardi, der nie mit Groll auf jenen Tag zurückschaute: „Der Unfall war kein dunkler Moment meiner Karriere. Es war einer der leuchtendsten Augenblicke.“ Und: „Seitdem mag ich Bier. Das muss an dem vielen deutschen Blut liegen, das ich bekommen habe.“

Zanardi nutzte die Zeit, die ihm geschenkt wurde, mit aller Intensität. Er, der auch eine TV-Show in seiner Heimat bekam, wurde ein Star im Behindertensport, bestritt – mit Handbike und Rollstuhl – den Ironman und fuhr wieder Autorennen.

Dass gerade ihn nun das Schicksal erneut auf derart brutale Weise auf die Probe stellt, die vielleicht härteste in diesem einzigartigen Leben, erschüttert und bewegt. Denn Zanardi ist vor allem für die Italiener längst mehr als ein Athlet. „Seine Kraft, seine Selbstironie und seine menschliche Tiefe haben einen Sportler zu einer Ikone gemacht“, schrieb Corriere dello Sport.