sid

Juli 2021

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Für die Skispringer und Eiskunstläufer ist Ende März die Saison zu Ende gegangen. Das nächste Großereignis mit den Olympischen Spielen in Peking naht. Der Sport-Informations-Dienst (SID) zieht eine Bilanz des vorolympischen Winters und wagt einen Ausblick.

BIATHLON

DAS WAR GUT: Franziska Preuß schaffte mit Platz drei im Gesamtweltcup endgültig den Sprung in die Weltspitze. Bei den Männern überzeugte Arnd Peiffer als Fels in der Brandung mit sechs Podestplätzen und dem einzigen Einzelsieg. Jeweils ein Erfolg in den Staffeln bei Männern und Frauen zeigten das durchaus vorhandene Potenzial.

DAS WAR SCHLECHT: Die WM verlief mit nur zwei Medaillen historisch schlecht, passte aber generell zur durchwachsenen Saison. Die Defizite am Schießstand und in der Loipe waren teils gravierend. Erstmals seit der Wiedervereinigung blieben die Frauen ohne Saisonsieg, die vermeintliche Frontfrau Denise Herrmann lief statt um den Gesamtweltcup meist hinterher.

DIE PERSPEKTIVE: Nach dem Rücktritt von Arnd Peiffer dürften auf die deutschen Biathleten schwere Zeiten zukommen. Auch die verbliebenen Leistungsträger sind fast alle in die Jahre gekommen und konkurrenzfähiger Nachwuchs ist kaum in Sicht. Punktuell können die Deutschen sicher weiter das Podest angreifen, Erfolge in Serie gehören erstmal der Vergangenheit an.

BOB UND RODELN

DAS WAR GUT: Die deutschen Leistungen im Eiskanal waren herausragend. Die Rodel-Aushängeschilder Natalie Geisenberger und Felix Loch jubelten über den Triumph im Gesamtweltcup, Julia Taubitz wurde erstmals Weltmeisterin. Bob-Rekordweltmeister Francesco Friedrich feierte sein viertes WM-Double. Die Skeletonis um Tina Hermann und Christopher Grotheer räumten bei der WM in Altenberg so viel ab wie nie zuvor.

DAS WAR SCHLECHT: Trotz der guten Leistungen ist noch Luft nach oben. Im Viererbob etwa ist die Abhängigkeit von Dominator Friedrich ebenso groß wie die der Rodler von Loch.

DIE PERSPEKTIVE: Mit den Erfolgen des vorolympischen Winters sind auch die Ansprüche gestiegen. Nicht allen dürften die deutschen Athletinnen und Athleten gerecht werden, vielen aber schon. Es ist fest davon auszugehen, dass im Eiskanal von Xiaohaituo Medaillen erzielt werden – auch goldene.

EISKUNSTLAUF

DAS WAR GUT: Die Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot werden in Peking nicht zu ersetzen sein. Aber die beiden Berliner Paare Annika Hocke/Robert Kunkel und Minerva-Fabienne Hase und Nolan Seegert nähern sich langsam der Weltspitze. Auch weil es nur einen deutschen Startplatz bei Olympia geben wird, was die interne Konkurrenz beflügeln dürfte.

DAS WAR SCHLECHT: Bei den Herren ist die Deutsche Eislauf-Union (DEU) mittlerweile in die Drittklassigkeit abgerutscht. Nach Rang 26 für den Berliner Paul Fentz bei den Weltmeisterschaften steht man in dieser Disziplin bislang ohne Olympiaticket da. Und die nationalen Konkurrenten können den 28-Jährigen seit Jahren nicht mehr unter Druck setzen.

DIE PERSPEKTIVE: Die DEU wird in Peking erstmals seit 16 Jahren ohne Medaille bleiben. Mittelfristig erhofft man sich eine positive Entwicklung durch junges Führungspersonal. Seit Jahresbeginn sind Sportdirektorin Claudia Pfeifer (30) sowie der nur zwei Jahre ältere Einzel-Bundestrainer Robert Dierking im Amt.

EISSCHNELLLAUF UND SHORTTRACK

DAS WAR GUT: Vereinzelt ließen die deutschen Kufenflitzer aufhorchen. Sprinter Joel Dufter verkürzte den Abstand zur Weltspitze, überraschte bei der WM mit Bronze. Inline-Expertin Mareike Thum erwies sich als Gewinn für das Frauen-Team.

DAS WAR SCHLECHT: Die Außendarstellung des Verbandes. Wie schon in der Vergangenheit wurde mehr über die Politik der DESG gesprochen als über die Leistungen der Athleten. Daran hatte Präsident Matthias Große einen nicht unwesentlichen Anteil.

DIE PERSPEKTIVE: Vier Wettkämpfe in vier Wochen wurden in der stark verkürzten Saison ausgetragen. Wirklich repräsentativ waren die Ergebnisse nicht. Die Tendenz war trotzdem zu erkennen: Medaillen sind in Peking nicht zu erwarten. Es drohen erneut Spiele ohne Edelmetall der deutschen Eisschnellläufer – zum dritten Mal nach 2014 und 2018. Bei den Shorttrackern ruhen die Hoffnungen auf Anna Seidel. Ein Trainingssturz vor der WM warf sie vor ihren letzten Winterspielen zurück.

SKILANGLAUF

DAS WAR GUT: Laura Gimmler und Katharina Hennig zeigten mit einzelnen Top-Plätzen während der Saison, welches Potenzial in ihnen steckt. Zudem machte die U23-WM Mut: Lisa Lohmann holte Gold im Sprint, Friedrich Moch und Jan-Friedrich Doerks gewannen Silber, Helen Hoffmann Bronze.

DAS WAR SCHLECHT: Bei der Heim-WM lief das deutsche Team mit Ausnahme von Gimmler den Erwartungen hinterher. Der Plan von Bundestrainer Peter Schlickenrieder sah eigentlich vor, in Oberstdorf Medaillen zu holen. Doch dieses Ziel gab er schon vor dem ersten Wettkampf auf. „Wir haben es nicht geschafft, zum Jahreshöhepunkt unsere Topleistungen abzurufen“, sagte der Chefcoach.

DIE PERSPEKTIVE: Gimmler und Hennig können an guten Tagen vorne mitlaufen, doch die Dominanz der Läuferinnen aus Norwegen wird weder kurz- noch langfristig zu brechen sein. Bei den Männern wächst in Friedrich Moch ein Hoffnungsträger heran, hier ist der Abstand des gesamten Teams zur Weltspitze aber noch größer.

NORDISCHE KOMBINATION

DAS WAR GUT: Vinzenz Geiger überragte mit vier Saisonsiegen und Platz zwei im Gesamtweltcup, Routinier Eric Frenzel glänzte bei der WM mit vier starken Wettkämpfen. Mannschaftlich agierte das deutsche Team geschlossener als die vermeintlichen Überflieger aus Norwegen und sicherte sich nach der Klatsche im Vorjahr nun wieder die Nationenwertung.

DAS WAR SCHLECHT: Die Heim-WM in Oberstdorf verlief mit nur zwei Medaillen enttäuschend, erstmals seit 2009 blieben die Kombinierer ohne Titel. Die Probleme liegen trotz kleiner Fortschritte weiter auf der Schanze, der Rückstand auf die Topspringer um Gesamtweltcupsieger Jarl Magnus Riiber ist meist zu groß.

DIE PERSPEKTIVE: Die Zeiten der deutschen „Dominierer“ scheinen erstmal vorbei. Sollten Geiger und Co. die Lücke auf der Schanze allerdings noch weiter schließen können, sind in Peking Medaillen in allen drei Wettkämpfen im Bereich des Möglichen.

SKI ALPIN

DAS WAR GUT: Das Abschneiden bei der WM. Dreimal sensationell Silber durch Kira Weidle (Abfahrt), Romed Baumann (Super-G) und Andreas Sander (Abfahrt), einmal Bronze im Team-Wettbewerb. Im Weltcup: Der Aufstieg von Linus Straßer (einziger DSV-Saisonsieg) in Richtung Weltklasse, die Leistungen der Abfahrer.

DAS WAR SCHLECHT: Mit Ausnahme von Kira Weidle und ansatzweise Lena Dürr: die auch heftig von Verletzungen gebeutelten Frauen. Vor allem in der Basisdisziplin Riesenslalom ist die Mannschaft „nicht konkurrenzfähig“, sagt DSV-Alpinchef Wolfgang Maier. Und: Siegfahrer Thomas Dreßen konnte nur bei der WM starten, ist schon wieder verletzt.

DIE PERSPEKTIVE: Bei der WM waren die Deutschen auf den Punkt voll da, die Bilanz dürfte in Peking dennoch kaum zu wiederholen sein. Im Nachwuchsbereich ist der DSV durch die Corona-Einschränkungen im Vergleich zu den anderen Nationen weit zurückgeworfen worden.

SKISPRINGEN

DAS WAR GUT: Karl Geiger und Markus Eisenbichler flogen vom ersten bis zum letzten Tag regelmäßig in die Weltspitze. Vor allem Geiger sahnte ab: Nie zuvor war es einem Skispringer gelungen, in einem Winter sechs Medaillen bei Großereignissen zu holen. Zudem bleibt Geigers Tagessieg bei der Vierschanzentournee in seiner Heimat Oberstdorf in Erinnerung.

DAS WAR SCHLECHT: Hinter Geiger und Eisenbichler klafft eine Lücke. Als drittbester DSV-Adler landete Pius Paschke auf dem 15. Rang – und der ist mit 30 Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Zudem klappte es mal wieder nicht mit dem erhofften Gesamtsieg bei der Tournee, auch wenn Geigers zweiter Platz aller Ehren wert war.

DIE PERSPEKTIVE: Olympiasieger Andreas Wellinger kämpfte nach seinem Kreuzbandriss vergeblich um die Rückkehr in die Weltspitze, kommende Saison dürfte der Bayer wesentlich weiter vorne landen. Zudem kommt der lange verletzte Stephan Leyhe zurück. Auf lange Sicht gesehen macht der fehlende Nachwuchs Sorgen, bei der Junioren-WM landete keine Deutscher unter den besten 20.

SNOWBOARD

DAS WAR GUT: Die Frauen um Ramona Hofmeister (wieder Gesamtweltcupsiegerin) und Selina Jörg (wieder Riesenslalom-Weltmeisterin). Auch die kleine Freestyle-Abteilung holt international auf, jüngstes Beispiel: Der dritte Rang in der Halfpipe von Andre Höflich beim Weltcup-Finale in Aspen oder der zweite von Leon Vockensperger im Slopestyle bei den Laax Open.

DAS WAR SCHLECHT: Bei den Alpin-Männern lief wenig zusammen. Stefan Baumeister, zweifacher Bronzemedaillengewinner bei der WM 2019, kam nur im Teamwettbewerb mit Jörg auf das Podest. Die Snowboardcrosser standen nie in einem Finallauf.

DIE PERSPEKTIVE: Jörg und Podestfahrerin Cheyenne Loch hören auf. Hofmeister ist in der 17 Jahre alten Russin Sofia Nadyrschina eine große Konkurrentin erwachsen. Dennoch: Bei Olympia sind wieder Medaillen möglich – vielleicht sogar im Freestyle-Bereich.