sid

Juli 2021

Sport-Informations-Dienst (SID)

London (SID) Angelique Kerber ist in Wimbledon nicht zu stoppen. Nach einem Sieg gegen Karolina Muchova steht die Siegerin von 2018 im Halbfinale.

Sie brauchte inmitten des tosenden Jubels einen kurzen Moment, um ihre nächste Meisterleistung zu begreifen. Ungläubig legte Angelique Kerber sich die Hand vor die Augen – doch dann warf sie strahlend Küsschen ins Publikum, ging in die Knie und schrie ihre ganze Freude heraus. Mit einer weiteren souveränen Vorstellung ist die 33-Jährige in ihr viertes Halbfinale in Wimbledon gerauscht. Nach schwierigen Monaten mit vielen Enttäuschungen ist der sensationelle zweite Titel auf dem „heiligen Rasen“ nach 2018 auf einmal ganz nah – und „die Reise ist noch nicht zu Ende“, betonte Kerber.

„Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich es zurückschaffen kann“, sagte Kerber nach dem hochverdienten 6:2, 6:3 gegen die Tschechin Karolina Muchova: „Es waren keine leichten Zeiten, aber ich habe nie den Glauben an mich und mein Team verloren.“ Direkt nach der Partie hatte sie den Fans auf dem fast vollbesetzten Court No. 1 zugerufen, sie „genieße jeden Moment hier“ und habe ihr „Herz auf dem Court gelassen“.

Die Hürde vor ihrem dritten Wimbledon-Endspiel könnte aber höher nicht sein: Kerber trifft am Donnerstag auf die starke Weltranglistenerste Ashleigh Barty, die ihre australische Landsfrau Ajla Tomljanovic 6:1, 6:3 bezwang. „Ich werde alles dafür geben, das Match gegen Ash gut zu spielen und am Ende für mich zu entscheiden“, sagte die deutsche Nummer eins: „Ich weiß, dass ich gegen sie mein bestes Tennis spielen muss. Ich muss das Match in meine Hände nehmen.“

Für Kerber spricht im Rennen um den Titel auf jeden Fall die Erfahrung – als einzige verbliebene Spielerin im Feld hat sie an der Church Road schon triumphiert, zudem ist sie die einzige Ü30-Akteurin.

Die beiden bisherigen Vergleiche mit Muchova hatte Kerber gewonnen, doch sie war gewarnt. Die Tschechin, in der Weltrangliste sechs Plätze vor der Kielerin klassiert, hatte im Februar bereits mit ihrem Halbfinaleinzug bei den Australian Open für Aufsehen gesorgt. „Aber ich muss mich auf mein Spiel konzentrieren und aggressiv bleiben“, sagte Kerber vor dem Match.

Dass sie es überhaupt nochmals in ihr elftes Grand-Slam-Viertelfinale, ihr fünftes in Wimbledon, schaffte, hatten ihr noch vor wenigen Wochen nicht viele zugetraut. Doch nach harten Monaten mit vielen Niederlagen tankte Kerber mit dem Turniergewinn in Bad Homburg neues Selbstvertrauen – und das wuchs in Wimbledon mit jedem Match weiter an.

Das bewies die frühere Nummer eins der Welt, nach dem Achtelfinal-Aus von Alexander Zverev die letzte deutsche Hoffnung, auch am Dienstag unter dem geschlossenen Dach des Court No. 1 eindrucksvoll. Kerber war vom ersten Ballwechsel an hochkonzentriert und agierte mit guter Körpersprache. Sie attackierte Muchova immer wieder auf der schwächeren Vorhand und schnappte sich sofort ein Break. Auch eine erste brenzlige Situation bei eigenem Aufschlag (4:2) überstand sie, nach 34 Minuten gehörte Satz eins ihr.

Doch auf einmal schlichen sich bei Kerber leichte Fehler ein. Zu Beginn des zweiten Durchgangs wehrte sie noch drei Breakbälle nervenstark ab, in ihrem folgenden Aufschlagspiel konnte sie sich aus gleicher Bedrängnis nicht mehr befreien. Die Schwächephase dauerte aber nur kurz, mit ihren berüchtigten Kämpferqualitäten gelang Kerber sofort das Rebreak.

Die vielen vergebenen Chancen schienen bei Muchova Wirkung zu zeigen, und Kerber witterte ihre Chance. Eiskalt packte sie zum vorentscheidenden 4:2 zu, nach 1:15 Stunden machte sie den Halbfinaleinzug mit ihrem zweiten Matchball perfekt.