sid

November 2021

Top-Thema

Hamburg/Frankfurt (SID) Der Gedanke an mögliche Geisterspiele kann die Vorfreude im Team Deutschland nicht ersticken. Die DOSB-Bosse sehen die Olympischen Spiele als „gutes Signal“ für den deutschen Sport.

Das drohende Szenario von olympischen Geisterspielen konnte Dirk Schimmelpfennig die gute Laune nicht verderben. „Sicherlich wären Zuschauer in den Sportstätten schöner, als wenn wir Geisterspiele austragen“, sagte der Chef de Mission der deutschen Olympia-Mannschaft im SID-Interview, bevor er am 6. Juli die Reise nach Tokio antrat: „Es ist den Sportlern aber lieber, nur vor ganz wenigen oder gar keinen Zuschauern anzutreten als gar nicht.“

Zwei Wochen vor dem Start der ersten olympischen Wettbewerbe verdichten sich die Anzeichen, dass die von den Organisatoren ohnehin schon streng limitierten Zuschauerkapazitäten noch einmal herabgesetzt werden – sofern überhaupt noch Fans zugelassen werden. Aktuellen japanischen Medienberichten zufolge soll die Eröffnungsfeier am 23. Juli wegen der angespannten Coronalage mit einer reduzierten Anzahl an VIPs und Funktionären aber wohl ohne Fans stattfinden.

„Es wird in Tokio kein zweites Wembley geben“, sagte DOSB-Vorstandschefin Veronika Rücker: „Die Veranstalter werden die Kapazität der Hallen und Stadien nicht annähernd ausschöpfen. Wir begrüßen es sehr, dass die Gastgeber diese Frage laufend an die aktuelle Pandemie-Situation anpassen. Im Mittelpunkt steht der Schutz unserer Athletinnen und Athleten, denen wir alle den Traum von olympischen Wettkämpfen ermöglichen wollen, und der japanischen Bevölkerung. Hierzu gehört auch ein verantwortungsbewusster Umgang mit dem Thema Zuschauer.“

Momentan gilt für die Wettbewerbe ein beschlossenes Limit von 10.000 Zuschauern oder der Hälfte der Kapazität jedes Veranstaltungsortes. Diese Zahlen könnten je nach Pandemieverlauf in den kommenden Tagen aber weiter nach unten korrigiert werden. Denn die Sorgen, dass die Sommerspiele zu einem Superspreader-Event werden könnten, sind in der Bevölkerung allgegenwärtig. Zuschauer aus Übersee sind in Japan bereits ausgeschlossen worden.

„Schutzmaßnahmen und Hygienekonzepte sind das Wichtigste“, sagte Schimmelpfennig: „Eine Regelung mit Zuschauern unter Einhaltung aller zu treffenden Vorsichtsmaßnahmen wäre uns natürlich am liebsten, aber wir wollen auf keinen Fall eine Zuschauerzulassung für den Preis der Gesundheit.“

Trotz der ungeklärten Zuschauerfrage und nach wie vor steigender Inzidenzzahlen in Japan startete Schimmelpfennig am 6. Juli mit „großer Vorfreude“ in das Tokio-Abenteuer. In der Mannschaft herrsche Euphorie. „Für viele Sportarten sind die Olympischen Spiele eine Art Startschuss. Sie sehen, es geht jetzt wieder los. Das kann ein gutes Signal sein“, sagte der DOSB-Leistungssportchef.

Ähnlich formulierte es Rücker. „Sportdeutschland braucht Hoffnung und Zuversicht“, sagte sie und wies auf den Verlust von rund einer Million Mitgliedschaften in den Vereinen allein in 2020 hin. Die Olympischen und Paralympischen Spiele seien ein „starkes Signal mit Strahlkraft weit über Tokio hinaus“: „Wir brauchen die Vorbilder aus dem Team D, damit Kinder und Jugendliche sich für die Sportarten begeistern und den Helden im Verein nacheifern. Hier gibt Olympia einen entscheidenden Motivationsschub.“

434 Sportlerinnen und Sportler umfasst die deutsche Olympiamannschaft, die in den kommenden Tagen und Wochen nach und nach in Japans Hauptstadt eintrudeln. Deutsche Ruderer und Boxer sind bereits vor Ort. Besorgt um die Sicherheit und Gesundheit der Athleten ist Schimmelpfennig nicht. „Wir wissen, dass eine große Herausforderung auf uns wartet und es im Vergleich zu den Olympischen Spielen zuvor eine Herkulesaufgabe wird mit all den Einschränkungen und Corona-Maßnahmen, die man in Japan ergreift. Aber all das ist notwendig, um die Athleten und die Betreuer vor Ort in Tokio zu schützen“, sagte er.

Das deutsche Team sei dank der Hilfe der Politik weitestgehend durchgeimpft, die Impfquote liege „deutlich“ über 90 Prozent. „Trotz aller Vorsicht und aller Sicherheitsmaßnahmen müssen wir aber darauf vorbereitet sein, dass es auch unsere Athleten treffen kann“, sagte Schimmelpfennig. Aber, und das betonte er, „wir haben keine Angst“.