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September 2021

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Bei der Schlussfeier in Tokio nährte Paris die Hoffnung auf eine unbeschwertere olympische Zukunft. Allerdings folgen schon in sechs Monaten zunächst die umstrittenen Spiele von Peking.

Es waren stimmungsvolle Bilder, Bilder, die tatsächlich Vorfreude wecken. Paris legte sich ins Zeug, Paris durfte bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Tokio eine erstaunlich lange Show abziehen und dabei suggerieren: In drei Jahren wird alles schöner, besser, unbeschwerter sein. Dem IOC mit Präsident Thomas Bach an der Spitze dürfte diese Aussicht gefallen. Allerdings: Zunächst kommt Peking. In nicht mal sechs Monaten (ab 4. Februar 2022). Und das wird kein Spaß werden.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte Bach am Tag nach Tokio auf, endlich Stellung zur Lage der Menschenrechte zu beziehen. Bach „tritt mit seinem Schweigen zum Völkermord der chinesischen Regierung an der uigurischen Volksgruppe nicht nur die Werte der Olympischen Charta mit Füßen, sondern missachtet auch die Stellungnahmen von vielen UN-Experten“, sagte Hanno Schedler, GfbV-Referent für Genozidprävention. Das IOC könne auch nicht so tun, als wisse es von nichts.

Das IOC wird aber wohl weiter tun, als wisse es von nichts – vermutet auch Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Trotz der „bekannt inakzeptablen Menschenrechtslage“ werde das IOC „vermutlich dennoch versuchen“, mit Blick auf Peking die „bekannten Nebelkerzen zu zünden, und die Spiele erneut als friedliches, völkerverbindendes Fest preisen“, sagte sie dem SID. Wer klare Worte von Bach erwarte, werde „einmal mehr enttäuscht werden“.

In Tokio redete sich Bach auf konkrete Nachfragen zu China heraus – genau genommen: Er ließ sich von seinem Medienchef Mark Adams herausreden. Als Bach von einem Journalisten gefragt wurde, ob er die Internierung von Menschen der ethnischen und religiösen Minderheit der Uiguren in China verurteile, konterte Adams: Man sei hier in Tokio. Basta. Schedler sagt: „Wenn er sich nicht vollends lächerlich machen will, muss Thomas Bach Farbe bekennen und den Völkermord an Uiguren verurteilen.“

Fast scheint es, als wolle sich das IOC wegducken und warten, bis das Sturmtief „Peking“ vorübergezogen ist. Auf der IOC-Website für „Beijing 2020“ stammt die letzte nichtssagende Nachricht über den kommenden Gastgeber vom 21. Juli. In einer Meldung vom 5. Mai steht: Bach habe mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping telefoniert, man habe über den Fortschritt der Vorbereitungen im Zuge der sich verbessernden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Situation in China gesprochen.

Tatsächlich aber verzeichnet mittlerweile auch China wieder steigende Infektionszahlen, die Pandemie wird auch in knapp sechs Monaten noch eine große Rolle spielen. Und sei es nur, damit China unter dem Vorwand des Infektionsschutzes Regeln installiert, die etwa kritischen Journalisten eine Einreise erschweren. Derzeit muss jeder, der nach China will, für zwei bis drei Wochen in einem Hotel in Quarantäne. Für Athleten und Betreuer wird es wohl eine Ausnahme geben. Aber ansonsten?

Kritische Stimmen kommen aus den USA, also dem Land der größten Olympia-Geldgeber. Neben dem Mediengiganten NBC, für den Tokio ein Einschaltquoten-Debakel war, sitzen dort fünf große IOC-Sponsoren. Der demokratische Senator Jeff Merkley, Vorsitzender der China-Exekutivkommission des Kongresses, warf den Unternehmen Ende Juli bei einer Anhörung vor, sie unterstützten das chinesische Regime dabei, die „Erfolge seiner Propaganda“ einzuheimsen.
Angesichts des Genozids an den Uiguren zog Merkley sogar Vergleiche zu den Nazi-Spielen: Die Situation in China sei „schlimmer als 1936 in Berlin – weil der Völkermord bereits im Gange ist“.