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Oktober 2021

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Köln (SID) Hansi Flick hat die DFB-Elf im Rekordtempo auf links gedreht – und traut ihr bei der WM den großen Wurf zu.

Ein Gläschen Rotwein aufs WM-Ticket? Hansi Flick schaute auf die Flasche nordmazedonischen Wassers in seiner Hand und wiegelte ab. „Ich trinke jetzt erstmal die ‚Rosa‘, dann gucken wir weiter“, sagte er und schmunzelte. Doch nach Alkohol war dem kränkelnden Bundestrainer nicht zumute, obwohl der neue Chef die deutsche Nationalmannschaft in Rekordzeit zurück auf die Weltbühne geführt hat.

Dort, bei der WM in 13 Monaten Katar, müssten sich seine „Mentalitätsmonster“ vor niemandem verstecken, glaubt Flick – auch wenn schon in der Vorrunde ein Hochkaräter als Gegner droht. „Wenn man die Qualität unserer Spieler anschaut und wo sie spielen, muss man sagen: Sie können auch gegen Italien, Spanien, Frankreich, Belgien bestehen“, sagte der Bundestrainer und betonte: „Ich bin da sehr zuversichtlich.“

Kein Wunder: Er hat ja sogar sein größtes Sorgenkind Timo Werner hinbekommen, der beim 4:0 (0:0) in Nordmazedonien als Doppelpacker glänzte.

Stimmung, Spielstil, Selbstvertrauen – Flick hat die DFB-Auswahl in nur fünf Spielen auf links gedreht. „Wir haben tolle Spiele gezeigt und tolle Akzente gesetzt“, schwärmte Manuel Neuer. Man werde die Zeit bis zur WM noch für Verbesserungen benötigen, aber: „Wir wollen da eine große Rolle spielen.“ Der fünfte Stern, behauptete der Kapitän, sei „ein realistisches Ziel“.

Weil bei der Gruppenauslosung aber wohl die Weltrangliste zugrunde gelegt wird, könnte es schon früh zu einem Gigantenduell mit Rekordchampion Brasilien, Weltmeister Frankreich oder Europameister Italien kommen.

Dass das DFB-Team in Skopje beim einstigen Löw-Schreck das weltweit erste Ticket nach Katar gelöst hat, sei aber „auf jeden Fall ein Statement“, meinte Neuer. Der Torwart freute sich deshalb „auf ein gutes Essen“ im noblen Teamhotel Double Tree by Hilton, ehe es am Dienstagmorgen mit dem neuen Teamflieger zurück nach München ging.

Bei aller Begeisterung über die vielen Fortschritte und Flicks Startrekord mit fünf Siegen hatte die Nationalelf auch Aufgaben im Gepäck. „Wir müssen uns entwickeln bis zur WM“, sagte Flick und bekannte: „Es ist ein weiter Weg.“ Den Glauben, dass die Strecke machbar ist, hat er zurückgebracht. „Wie weit wir dann sind, weiß ich nicht“, sagte Flick, „aber mit dieser Mentalität ist auf jeden Fall einiges machbar.“

In der Tat: Im nasskalten Skopje ließ sich seine Elf weder von den widrigen Verhältnissen, dem feurigen Publikum oder von anfangs zähen Nordmazedoniern beeindrucken. Kai Havertz (50.), der viel kritisierte Werner (70./73.) und Jamal Musiala (84.) trafen.

Werner, meinte Flick, sei für sein Team „enorm wertvoll“. Mit zahlreichen Einzelgesprächen hat er den 25-Jährigen wieder in die Spur gebracht, er dankte es ihm mit fünf Toren in fünf Spielen.

Zehner Thomas Müller überzeugte mit zwei Vorlagen; auf seiner Position hat Flick ohnehin ein Überangebot. Auch der Maschinenraum mit dem „wahnsinnig wichtigen“ (Flick) Taktgeber Joshua Kimmich und Leon Goretzka funktioniert bestens, Youngster wie Musiala, Florian Wirtz, Karim Adeyemi oder David Raum sind gute Alternativen. Ob die Abwehr höchsten Ansprüchen genügt, muss sich aber zeigen.

Goretzka hält nichts von zu früher Euphorie. „Wir sollten weiterhin kleine Brötchen backen“, sagte er, „wir müssen viele Dinge besser machen, um in die Weltspitze zurückzukommen.“ Die Qualität stehe „außer Frage“ – um ein echtes Team zu werden, bleibe aber wenig Zeit. Um es zu schaffen, sei „kaum jemand besser geeignet als Hansi“, betonte der Bayern-Profi.

Die nächste Gelegenheit bietet sich mit den letzten Qualispielen im November beim Abschied für Joachim Löw gegen Liechtenstein (11.) in Wolfsburg und in Armenien (14.). Flick will schauen, „wen wir noch dazunehmen können“, um viel belastete Profis zu schonen, doch er weiß: „Das ist ein schmaler Grat.“

Um die Freigabe bitten werde niemand, versprach Neuer. „Jeder hat Bock auf die Nationalmannschaft.“ Dank Flick.