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September 2022

Sport-Informations-Dienst (SID)

Bonn (SID) Bernd Neuendorf ist der 14. Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Das „System Koch“ endet krachend.

Der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf (Foto mit der Stellvertretenden DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich)  genoss im Plenarsaal „New York“ noch seinen Sieg, da bereiteten die Delegierten mit einer krachenden Absage an das „System Koch“ endgültig den Weg für einen Neuanfang. Ein glaubwürdiger Mann für den Aufbruch ist gewählt, die alten Seilschaften sind gekappt – nach Jahren voller Skandale und Schlammschlachten wächst die Hoffnung auf ruhigere Zeiten.

Der einer breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Neuendorf soll den krisengeplagten Verband ohne den umstrittenen Funktionär Rainer Koch im Präsidium aus der Dauerkrise führen. Bei der Wahl auf dem Bundestag in Bonn setzte sich der 60-Jährige klar gegen seinen Konkurrenten Peter Peters durch.

Nun solle der Fußball „wieder im Mittelpunkt stehen“, die Menschen seien es leid, „im Zusammenhang mit dem DFB nur von Machtkämpfen, Streitereien und Razzien zu hören“, sagte Neuendorf, der sich in der ersten Kampfabstimmung der DFB-Geschichte um das Spitzenamt die klare Mehrheit der Stimmen (193:50) sicherte. „Wir haben viele Themen vor der Brust. Ich verspüre große Lust, aber auch Respekt.“

Mit Koch rechneten die Verbandsdelegierten im World Conference Center gnadenlos ab. Schon bei seiner bizarren Bewerbungsrede wurde der bisherige Interimschef ausgelacht, nach der Niederlage (68:163) gegen die Sportwissenschaftlerin Silke Sinning blickte Koch entgeistert durch den Saal. Nach 15 Jahren flog er aus dem Präsidium, sitzt allerdings weiter im DFB-Vorstand.

Dem lange einflussreichen Koch (63) werden von seinen Kritikern zahlreiche Verfehlungen und Verstrickungen in dubiose Machenschaften vorgeworfen. Kurz vor dem Bundestag hatten drei Ex-Präsidenten scharf ein Ende des „Systems Koch“ gefordert. Reinhard Grindel und Fritz Keller nahmen Kochs Aus im SID-Gespräch mit großer Genugtuung auf.

Neuendorf richtete den Blick nach vorn. „Der Fußball muss seine gesellschaftliche und politische Verantwortung wieder wahrnehmen“, sagte er. Der SPD-Mann appellierte: „Wir müssen den Laden zusammenhalten. Wer den kulturellen Wandel nicht mitgeht, wird mich als entschiedenen Gegner haben.“

Schon vor der Wahl galt Neuendorf als Favorit und hatte die Unterstützung des Amateurlagers sicher. Peters (59) war als Kandidat der Profis angetreten. Von vielen Seiten wurde im Vorfeld an der Kompetenz des früheren Finanzchefs von Schalke 04 gezweifelt – seine Stimmung hellte sich angesichts von Kochs Niederlage aber schnell wieder auf.

Neuendorf tritt die Nachfolge Kellers an. Keller musste seinen Hut nehmen, nachdem er seinen damaligen Vize Koch mit einem Nazi-Vergleich diffamiert hatte. Zuvor war der DFB von einem monatelangen Machtkampf erschüttert worden, dem neben Keller auch Generalsekretär Friedrich Curtius zum Opfer fiel.

Neuendorf wechselte aus dem Journalismus 2003 in die Politik. Er arbeitete unter anderem als Sprecher für die SPD, war ab 2012 fünf Jahre Staatssekretär im NRW-Familienministerium. 2019 wurde er zum Präsidenten des Fußball-Verbandes Mittelrhein gewählt, nun legt er das Amt nieder.

Ihn erwartet viel Arbeit, eine Aufgabe, an der die Präsidenten zuletzt reihenweise scheiterten. Wie Keller mussten auch Grindel und Wolfgang Niersbach vorzeitig abtreten. Machtkämpfe, Skandale, Affären, Razzien, Strafverfahren und Rücktritte haben die Glaubwürdigkeit des DFB stark erschüttert. Das Image ist desaströs.

Hans-Joachim Watzke, der neue Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball Liga (DFL), zeigte sich daher erfreut: „Mehr Neuanfang geht fast nicht mehr.“ Er warb für eine bessere Zusammenarbeit zwischen DFB und DFL. „Wenn wir diese zwei Züge weiter aufeinander zurasen lassen, wird der deutsche Fußball dramatisch verlieren“, warnte Watzke. 2023 steht die Neuverhandlung des Grundlagenvertrages an.

Die finanzielle Situation des DFB ist angespannt. Zudem muss Neuendorf einen Umgang mit der Frauen-Initiative „Fußball kann mehr“ finden, die unter scharfer Kritik auf eine eigene Kandidatur verzichtet hatte. „Wir reden nicht über Diversität, wir leben Diversität!“, kündigte Neuendorf an.

Die Positionen in den internationalen Gremien sind ein brisantes Thema. Neuendorf will auf Zeit spielen und Koch (bis 2025) im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) sowie Peters (bis 2024) im Council des Weltverbandes FIFA belassen.

Ins DFB-Präsidium rückte zudem Ex-Nationalspielerin Celia Sasic, die das Amt der neuen Vizepräsidentin für Gleichstellung und Diversität übernimmt. „Das ist eine besondere Ehre“, sagte Sasic. Watzke und die neue DFL-Chefin Donata Hopfen („Der DFB steht vor enormen Herausforderungen“) wurden als Ligavertreter bestätigt.

Tatsachen schufen die Delegierten auch bei der Personalie Gerhard Schröder. Der DFB entzog dem Alt-Bundeskanzler die Ehrenmitgliedschaft wegen dessen Nähe zu Russland.