sid

Mai 2022

Top-Thema

Peking (SID) Nach den unverhofften Erfolgen der Toptalente Linn Kazmaier und Leonie Walter steht der deutsche Behindertensport vor einer goldenen Zukunft. Oder etwa nicht? Friedhelm Julius Beucher bremst.

Linn Kazmaier und Leonie Walter überraschten alle. Völlig unbekümmert stürmten die Toptalente bei ihren Debüts zu ihren ersten Paralympics-Siegen – und befeuerten den Traum von einer goldenen Zukunft im deutschen Para-Sport. Friedhelm Julius Beucher schlägt dennoch Alarm. „Wir können auch in Momenten des Jubels nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir Riesen-Nachwuchsprobleme haben“, sagte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Die erst 15-jährige Kazmaier und die drei Jahre ältere Walter stiegen mit ihren spektakulären Leistungen zu Gesichtern der Winterspiele in Peking auf. Kazmaier sammelte mit Guide Florian Baumann insgesamt fünf Medaillen, darunter Gold im Skilanglauf. Ihre WG-Mitbewohnerin Walter holte mit Guide Pirmin Strecker neben ihrem Sieg im Biathlon drei weitere Male Edelmetall.

„Das setzt nicht nur Ausrufezeichen, sondern hat hoffentlich auch viele Nachahmer in Para-Deutschland“, sagte Beucher über die Coups der Youngster. Schon im Vorfeld der Spiele hatte der 75-Jährige über Schwierigkeiten im Nachwuchsbereich geklagt. In China trat Deutschland mit einem ebenso kleinen wie unerfahrenen Team an – fast die Hälfte der Athletinnen und Athleten war 22 Jahre oder jünger.

„Der Umbruch hat begonnen, der ist noch nicht vollzogen“, sagte Beucher. Die starke Ausbeute in Peking müsse „eine Strahlkraft in alle deutschen Wintersportorte entwickeln“. Doch das erscheint derzeit alles andere als leicht. Die Zahlen der Sport treibenden Menschen mit Behinderung in Deutschland waren zuletzt rückläufig – gerade im Wintersport.

„Wir haben weiter eine große Aufgabe im Nachwuchsbereich“, sagte Karl Quade: „Die Basis ist noch lange nicht breit genug, da müssen wir arbeiten.“ Doch der Chef de Mission zeigte sich zugleich „sehr optimistisch, weil ich weiß, wer während der Spiele noch zu Hause war. Wenn wir das noch weiter ausbauen, sind wir auf der sicheren Seite“.

Die internationale Konkurrenz schläft jedoch nicht. Immer mehr Nationen setzen auf eine leistungsbezogene Ausbildung ihrer Behindertensportler, schon in jungen Jahren geht es in die Weltspitze. „Mehr junge Athleten, die Medaillen gewinnen, bedeuten, dass wir bekannte Namen sehen, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben“, resümierte Andrew Parsons.

Die Nachwuchsathleten seien „ein Übergang“, führte der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) aus. Es dürfte nun zu einem Generationswechsel kommen. Im deutschen Team verkündete Biathlon-Spezialist Martin Fleig seinen Rücktritt, der den Weg für weitere ambitionierte Talente freimacht. Ohnehin war im Team D Paralympics angedacht, die jungen Sportlerinnen und Sportler in Peking Erfahrungen sammeln zu lassen. Der Blick galt bereits den Spielen in Mailand/Cortina d’Ampezzo 2026.

Dort werden Kazmaier und Walter als amtierende Paralympics-Siegerinnen an den Start gehen. Nach den Spielen in Sotschi 2014, Pyeongchang 2018 und Peking dürfte das besondere Flair in einem traditionsreichen Wintersportort die beiden Athletinnen zusätzlich beflügeln – und vielleicht für weitere goldene Momente sorgen.