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Mai 2022

Landessportbünde

Wie treiben die Menschen in Zukunft Sport? Im Interview diskutieren die Ministerinnen Theresa Schopper und Nicole Razavi mit LSVBW-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis.

Wie wird sich das Freizeitverhalten der Bevölkerung in den kommenden 20 Jahren verändern? Werden die Menschen eher mehr oder eher weniger Sport treiben?

Elvira Menzer-Haasis: Nicht nur im Kindes- und Jugendalter haben Menschen einen Bewegungsdrang. Dass ihnen dieses Grundbedürfnis wichtig ist, ist gerade in den vergangenen zwei Jahren mehr als deutlich geworden. Das Bewusstsein, was Bewegung, Spiel und Sport zur Gesundheit beitragen, wird in den kommenden Jahren noch viel mehr in den Fokus rücken.

Theresa Schopper: Auch wenn uns Studien aufzeigen, dass wir immer mehr Zeit vor Bildschirmen und Smartphones verbringen und damit weniger Zeit für Bewegung im Alltag bleibt, ist meine Prognose, dass Sport immer ein wichtiger Teil unserer Freizeit sein wird.

Nicole Razavi: Ich hoffe doch sehr, dass die Menschen eher noch mehr Sport treiben werden. Ich bin mein Leben lang dem Sport verbunden. Das gibt mir auch viel zurück. Diese Erfahrung wünsche ich jedem.

Schopper: Absolut, denn beim Sport geht es nicht nur um motorische oder gesundheitliche Aspekte. Wir haben in den letzten beiden Jahren gespürt, wie wichtig gerade der soziale und emotionale Charakter des Sporttreibens für uns ist. Ich vermute, dass die Entwicklung dahin geht, dass es zukünftig eine zunehmende Nachfrage nach Angeboten geben wird, die individuell und flexibel in Anspruch genommen werden können, bin mir aber auch sicher, dass für viele das gemeinsame Sportreiben in einer stabilen Sport- oder Trainingsgruppe zu festen Trainingszeiten immer ganz oben stehen wird.

Wo wird das sein? In Sportvereinen, bei kommerziellen Anbietern oder individuell?

Schopper: In Baden-Württemberg ist die Vereinslandschaft stark ausgeprägt und das Ehrenamt wird traditionell großgeschrieben. Es ist uns wichtig, dass wir weiterhin starke Vereine haben, weswegen wir sie unter anderem in der Corona-Pandemie auch mit Hilfsprogrammen gestützt haben. Die Klubs sind zudem kreativ, sie reagieren bereits heute auf die gesellschaftlichen Entwicklungen mit neuen Modellen, um die Menschen auch weiterhin für den Vereinssport zu begeistern.

Menzer-Haasis: Trotzdem wird es sowohl gemeinnützige Sportvereine als auch kommerzielle Anbieter geben. Die Vereine müssen ihre Stärken ausspielen – Gemeinschaft und Heimat. In Zeiten, in denen alles zunehmend globalisiert und in Teilen immer unpersönlicher wird, wird es umso wichtiger, dass man Sport in einer Gemeinschaft treiben kann. Und die Qualität muss stimmen. Aber da mache ich mir keinerlei Sorgen, weil unsere Übungsleiter und Trainer gut ausgebildet sind und die Vereine, entgegen mancher Prognose, gut mithalten.

Razavi: Ich will niemandem vorschreiben, wie er zu leben und Sport zu treiben hat. Aber die Bedeutung von Sportvereinen und Ehrenamt – auch für den Zusammenhalt und das gesellschaftliche Leben in einer Gemeinde – liegt auf der Hand. Ich setze daher auch in Zukunft auf starke Sportvereine mit vielfältigen Angeboten  für Jung und Alt.

Die Corona-Pandemie hat den Trend zum mobilen, frei einteilbaren Arbeiten beschleunigt. Weil viele Sportvereine Schulsporthallen nutzen, kann es zu Kollisionen mit den Schulen kommen. Welche Konsequenzen haben die sich verändernden Nachfragen auf die Vergabe von Nutzungszeiten? 

Menzer-Haasis: Das ist immer ein Thema, weil die Schulen immer die Kernzeiten blockieren. Als ich früher beruflich in der Schulleitung tätig war, war es immer schön flexibel zu sein. Andererseits kann es auch Lücken in der Hallenbelegung geben. Das muss man kommunizieren und eine örtliche Regelung finden. In diesem Fall muss der Verein genauso flexibel sein. Er kann nicht damit rechnen, dass für die nächsten fünf Jahre alles fix ist. Vereine und Hallenverwaltung müssen da ein gegenseitiges Verständnis entwickeln und sich gegenseitig unterstützen. Gute Modelle sind „Kooperation Schule bzw. Kindergarten – Verein“, Schülermentorenprogramme, Jugendbegleiterprogramme und „Schau mal, was ich kann!“. Und in ausgeprägter Weise natürlich FSJ Sport und Schule. Entscheidend wird ein gegenseitiges Verständnis zwischen Schulleitung und Verein sein. Inklusive Offenheit und Flexibilität.

Schopper: Klar ist, dass der Schulsport Sporthallen und Schwimmbäder zu den Zeiten belegen muss, in denen Schule stattfindet – da haben wir wenig Flexibilität. Das gilt also ab der ersten Stunde bis zum Schulschluss am Nachmittag. Inwieweit es in diesem Zeitraum Lücken gibt, muss vor Ort geprüft werden. Bei aller gewonnenen Flexibilität durch Homeoffice glaube ich, dass im Verein weiterhin hauptsächlich in Übungs- oder Trainingsgruppen Sport getrieben wird – und das wird auch künftig hauptsächlich ab dem frühen Nachmittag stattfinden.

Müssen die Vereine mehr auf hauptamtliche Mitarbeiter setzen?

Menzer-Haasis: In diesem Punkt bin ich zwiegespalten. Schon als Vizepräsidentin Sportentwicklung beim WLSB habe ich gesagt, dass sich kleinere Vereine überlegen müssen, ob sie nicht eine gemeinsame Geschäftsstelle betreiben wollen. Nur so können sie sich vom Alltagsgeschäft entlasten. Ich bin ab er auch der festen Überzeugung, dass das Hauptamt nicht das allein Seligmachende ist.

Razavi: Die Vereine müssen mit der Zeit gehen – und das tun sie auch. Herzstück eines Vereins ist das ehrenamtliche Engagement, das ist durch nichts zu ersetzen. Damit das Ehrenamt Zukunft hat, braucht es an manchen Stellen dennoch Entlastung durch hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Schopper: Ich sehe das auch so. Die vielen ehrenamtlich Engagierten in unseren Vereinen sind weiterhin unverzichtbar. Dennoch gibt es gesellschaftliche Trends, die das Ehrenamt an Grenzen bringen können und vor denen Vereine nicht die Augen verschließen sollten. Durch den Trend zum mobilen Arbeiten können die Vereine aber auch flexibleres Ehrenamt ermöglichen. Die ehrenamtliche Tätigkeit müsste dann also nicht zwingend abends nach der Arbeit stattfinden.

Menzer-Haasis: Ich bin mit Ministerin Schopper einig, dass die flexiblen Arbeitszeiten Chancen fürs Ehrenamt bieten. Flexibilität ist gewissermaßen das Markenzeichen der Vereine. Wie sie ihre Angebote über die Jahrzehnte immer wieder hin zu Trends und neuen Sportarten verändert haben, so werden sie sich auch künftig immer weiterentwickeln.

Werden künftig die Quartiere in den Städten und Kommunen so weiterentwickelt, dass im Sinne von Nachhaltigkeit Sport direkt vor der Haustüre betrieben werden kann? Oder wird es Sportzentren am Stadtrand, natürlich mit Anschluss an den ÖPNV, geben?

Menzer-Haasis: Sportzentren am Stadtrand wären für mich die falsche Entwicklung. Man sieht, was passiert, wenn Einkaufszentren nur noch am Rande von Kommunen liegen. Das schließt ältere Menschen aus, die nicht mehr so mobil sind. Sport muss innerhalb der Quartiere stattfinden.

Razavi: Ich bin ein großer Anhänger von Gemeinden und Quartieren mit kurzen Wegen. Ein vielfältiges Sportangebot und ihre schnelle Erreichbarkeit sind ein Stück Lebensqualität. Klar kann nicht jede Sportart in der Ortsmitte betrieben werden, aber auch im Sinne unseres Ziels, den Flächenverbrauch zu reduzieren, sind Sportangebote im Innenbereich oder zumindest wohnortsnah erstrebenswert. Das schafft auch Begegnung und stärkt die Gemeinschaft. Die Entwicklung von Quartieren zu attraktiven und identitätsstiftenden Standorten ist ein wichtiger Förderschwerpunkt im Rahmen der städtebaulichen Erneuerung. Dazu zählen auch geeignete Sportstätten innerhalb der Quartiere.

Schopper: Es muss in Zukunft beides geben. Wenn ein Quartier neu geplant wird, muss man Freizeit- und Sportanlagen mitdenken. Die Städte und Gemeinden machen sich im Rahmen ihrer kommunalen Sportentwicklung ja bereits Gedanken, wo es Sinn ergeben könnte, Vereinsgelände zusammenzulegen, um dort optimale Bedingungen zu schaffen und unter anderem Ressourcen zu sparen. Trotzdem ist die Sportstätte „vor der Haustüre“ für viele Menschen unverzichtbar.

Razavi: Das Schöne am Sport ist doch, dass man sich so gut wie überall bewegen kann: in der Natur, im eigenen Garten, im Wohnzimmer oder eben in Sportanlagen.

Menzer-Haasis: Die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure muss verbessert werden, die diversen Förderprogramme von Bund und Ländern effizienter ineinandergreifen und die Expertisen des organisierten Sports und der Kommunen integriert werden. Letztendlich haben wir alle dasselbe Ziel, dass sich alle nachhaltig, ohne große Anfahrtswege, bewegen und Sportvereine Entwicklungsmöglichkeiten erhalten können.

Wie werden die unterschiedlichen Altersklassen die Sportstätten nutzen?

Razavi: Die Sportstätten werden ja schon immer von Alt und Jung genutzt. Unsere Vereine schaffen großartige Angebote für alle Altersklassen – vom Turnen mit Eltern und Kind bis zur Seniorengymnastik. Das macht sie so stark und unverzichtbar.

Menzer-Haasis: Sport hat schon immer auch in nicht normierten Sportstätten stattgefunden. Entscheidend ist doch: Was braucht wer für sein Angebot? Es gibt auch Gemeindehäuser, in denen es große Räumlichkeiten gibt, wo problemlos Seniorensport angeboten werden kann. Manche Kindergärten haben große Bewegungsräume. Warum soll man die nicht auch als Verein nutzen? Auch um für Kinder wohnortnah und sichtbar zu sein. Der Fantasie und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Schopper: Wir haben wirklich eine große Bandbreite vom „Schlümpfe-Turnen“ über das Training der aktiven Wettkampfmannschaften bis hin zum Gesundheits- und Seniorensport. Das haben unsere Städte und Gemeinden aber schon im Blick. Vor Ort wird bei jeder Sanierung oder jedem Neubau
geprüft, welche aktuellen sportlichen Entwicklungen für die jeweiligen Altersklassen notwendig sind.

Menzer-Haasis: Im Sinne einer bedarfsgerechten Planung von Sport- und Bewegungsräumen müssen an einer integrierten Sportentwicklungsplanung alle
Bevölkerungsgruppen aller Altersklassen berücksichtigt werden.

Landet das „Betreten des Rasens verboten“-Schild im Müll?

Menzer-Haasis: Das wäre super. Manchmal tut es schon weh. Mir hat ein Austauschstudent mal gesagt: „Frau Menzer-Haasis, so viele Sportplätze – und alle leer.“ Natürlich kann man nicht auf einem Acker spielen, aber es muss nicht immer der englische Rasen sein. Da bedarf es der richtigen Balance.

Razavi: Letztlich ist das eine kommunale Entscheidung. Allerdings habe ich solche Schilder schon lange nicht mehr gesehen.

Schopper: Wir brauchen sicherlich eine Balance. Ich glaube aber, das Schild ergibt auf dem Sportplatz weiterhin Sinn, wenn es z. B. darum geht, eine Überbeanspruchung zu vermeiden, um auf einem „gepflegten Rasen“ Wettkampfspiele ausrichten zu können.

Wenn es Konflikte wegen des Lärms gibt, wie lässt sich der lösen?

Razavi: Das ist nicht einfach – insbesondere in reinen Wohngebieten sind die Lärm-Vorgaben vergleichsweise restriktiv. In gemischt genutzten Gebieten kann ein Nebeneinander von Sport, Freizeit und Wohnen deutlich leichter realisiert werden, was ich auch sehr wichtig finde. Gerade Einrichtungen für Jugendliche, wie etwa Bolzplätze oder Skateanlagen, sollten fußläufig erreichbar sein. Das Land unterstützt die Kommunen dabei, die besten Lösungen zu finden, zum Beispiel mit einer „Städtebaulichen Lärmfibel“.

Schopper: Bezogen auf den Lärmschutz gibt es ja bundesweit geltende Richtwerte, die gerade dazu da sind, einen Ausgleich zwischen dem Ruhebedürfnis der Anwohner und Anwohnerinnen und den Anforderungen des Sportbetriebes herzustellen. Für den Sport außerhalb von Sportanlagen gelten zunächst die Regelungen für den Freizeitlärm. Ich denke, wenn man auf beiden Seiten Toleranz zeigt, dann bekommt man ein gutes Miteinander hin.

Menzer-Haasis: Ich bin auch überzeugt, dass dies mit Toleranz bewältigt werden kann. Aus einer Nachbargemeinde kann ich von einem bezeichnenden Beispiel berichten: Eltern, die neben einem Fußballspielplatz wohnen, haben erst dann vehement gegen den Lärm geklagt, als ihre Kinder dort nicht mehr gespielt haben. Ein bisschen Toleranz, auf beiden Seiten, wäre zielführend.

Lassen sich die Bedürfnisse von Leistungssport mit normierten Feldern sowie Breiten- und Freizeitsport mit immer individuelleren Ausstattungen in einer Sportstätte zusammenführen?

Menzer-Haasis: Warum denn nicht? Wem schadet eine normierte 400-Meter-Rundbahn? Es geht darum, dass man die Bahn gemeinschaftlich nutzt und die Zeitfenster festlegt. Nichtsdestotrotz braucht der Freizeitsport nicht immer die normierte Bahn.

Schopper: Auf jeden Fall. Auch ein Leistungssportler trainiert nicht ausschließlich auf normierten Feldern. Das Training auf dem Weg zur individuellen Höchstleistung findet in vielfältiger Form statt. Und gerade Abwechslung ist zur Vermeidung einer Trainingsmonotonie besonders wichtig.

Razavi: Ja, auf alle Fälle. Das ist überall Realität. Wir brauchen ja auch beides.

Schwimmbäder sind teuer, nicht mehr jede Kommune kann sich eines leisten. Wie kann jedoch eine Grundversorgung sichergestellt werden, damit alle Kinder schwimmen lernen können?

Menzer-Haasis: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich sind Schwimmbäder teuer. Aber ein so reiches Bundesland wie Baden-Württemberg muss es sich leisten können, dass die Schwimmfähigkeit von Kindern gewährleistet wird. Und zwar zu 100 Prozent. Dies funktioniert nur mit Schwimm-, aber nicht immer mit Freizeitbädern. Die Vereine haben in diesem Thema ihre Rolle, aber ich sehe durchaus die Schule in der Pflicht. Doch dies hat auch Auswirkungen auf die Ausbildung von Grundschullehrern.

Schopper: Die Betriebskosten sind die Herausforderung. Daher ist es verständlich, dass nicht jede Kommune ein eigenes Bad vorhält. Wichtig ist die Absprache unter den Kommunen und deren Zusammenarbeit, um auch weiterhin flächendeckend Schwimmbäder zur Verfügung zu haben.

Razavi: Dass Kinder schon früh Schwimmen lernen können, ist mir sehr wichtig. Deshalb halte ich eine solche Grundversorgung für den Schul-, Vereins- und Breitensport für unerlässlich, und wir engagieren uns hier auch. Im Rahmen der Städtebauförderung wurde im Jahr 2020 erstmalig der Bund-Länder-Investitionspakt für Sportstätten aufgelegt. Damit konnten in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr mit rund 19 Millionen Euro insgesamt 23 kommunale Sportstätten in städtebaulichen Sanierungsgebieten saniert oder ausgebaut werden. Darunter waren auch sieben Schwimmbäder. Der Bedarf ist natürlich riesig – und die Sanierung von Freibädern oder Schwimmhallen besonders kostenintensiv. Ich hoffe daher, dass der Bund bei seinen Haushaltsmitteln in Zukunft noch eine Schippe drauflegt.

Hintergrund

Theresa Schopper ist seit Mai 2021 Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Schopper, in Füssen im Allgäu geboren, studierte Soziologie, Psychologie und Kriminologie. Die ehemalige Landesvorsitzende der Grünen in Bayern wechselte 2012 ins Staatsministerium Baden-Württemberg.

Nicole Razavi ist seit Mai 2021 Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg. Sie wurde in Hongkong geboren und wuchs in Ebersbach an der Fils auf. In Tübingen und Oxford studierte sie Anglistik, Politologie und Sport. Seit 2006 ist Nicole Razavi Landtagsabgeordnete. Die staatlich geprüfte Skilehrerin steht seit 2007 dem Turngau Staufen vor und gehört dem Präsidium des Schwäbischen Turnerbundes an.

Elvira Menzer-Haasis ist seit 2016 Präsidentin des LSVBW. Sie hat sowohl Sport und Germanistik wie auch Sonderschulpädagogik studiert. Zahlreiche ehrenamtliche Stationen auf Vereins-, regionaler und Sportbund-Ebene gingen dem Engagement beim LSVBW voraus. Beruflich war sie im Kultusministerium für den Naturschutz zuständig und Leiterin des Ehrenamtsbüros im Sozialministerium.

Quelle: lsvbw.de