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November 2022

Sport-Informations-Dienst (SID)

London (SID) Das Halbfinale gegen Ons Jabeur war für Tatjana Maria Endstation. Die 34-Jährige verpasste es, als sechste Deutsche ins Endspiel von Wimbledon einzuziehen.

Die Siegerin wollte gar nicht über sich selbst reden, stattdessen überschüttete Ons Jabeur ihre gute Freundin Tatjana Maria mit Lobeshymnen. „Sie ist solch eine Inspiration für alle Spielerinnen, auch für mich“, sagte die Nummer zwei der Welt, nachdem sie mit dem 6:2, 3:6, 6:1 gegen Maria das Finale von Wimbledon erreicht hatte: „Sie ist nach zwei Babys zurückgekommen, ich habe immer noch keine Ahnung, wie sie das gemacht hat. Sie ist physisch ein Beast. Ich liebe es, sie auf dem Platz so glühen zu sehen.“

Tatjana Maria, die alle nur „Tadde“ nennen, war auf der einen Seite enttäuscht, „natürlich, wenn man auf dem Platz steht, will man das Match auch gewinnen“. Auf der anderen Seite war sie „trotzdem stolz auf das, was ich geleistet habe in diese zwei Wochen. Ich versuche, das Positive rauszuziehen, und glaube, dass noch einiges möglich ist.“

Das ändert nichts daran, dass Tatjana Marias Wimbledon-Traumreise beendet ist: Auf den Tag genau 37 Jahre nach Boris Beckers erstem Triumph im All England Club stand die 34-Jährige gegen Jabeur letztlich auf verlorenem Posten. Jabeur ist die erste Afrikanerin im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers, Maria verabschiedete sich lächelnd und mit vielen Kusshänden ans Publikum vom heiligsten Rasen der Tenniswelt.

Mit einem leisen Lächeln hatte Maria diesen Rasen knapp zwei Stunden zuvor betreten. Gleich ihr erstes Aufschlagspiel dauerte sieben Minuten – inklusive der Abwehr von drei Breakbällen, unzähligen Stops und vielen Netzattacken. Die Deutsche behielt ihren Aufschlag, weil Jabeur vor allem auf der Vorhand Schwächen offenbarte.

Dann aber kam die „African Queen“ besser ins Match, das Break zum 3:1 konnte Maria noch zum 3:2 kontern, dann zog die Favoritin mit ihrem schnellen, druckvollen Spiel auf 5:2 davon. Jabeur, mit mittlerweile 84 Siegen in den letzten beiden Jahren die erfolgreichste Spielerin der Tour, wurde immer souveräner. Maria konnte sich aus der Defensive kaum einmal befreien, nach 38 Minuten verwandelte Jabeur ihren ersten Satzball zum 6:2.

Jabeur war im gesamten ersten Durchgang die aggressivere, mutigere Spielerin. „Tatjana darf sich nicht immer auf dieses klein-klein einlassen, sie muss auch mal richtig durchziehen“, sagte der frühere Wimbledonsieger Michael Stich als Co-Kommentator von Sky: „Da ist noch keine Taktik in Tatjanas Spiel zu erkennen.“

Von hinten konnte Maria das Match nicht gewinnen, sie musste sich einen anderen Weg einfallen lassen. Das tat sie. Im zweiten Durchgang wurde ihr Spiel deutlich sicherer, sie hatte mehr Länge in ihren Schlägen und agierte auch druckvoller von der Grundlinie und am Netz. Das Break zum 3:1 war der Lohn.

Das Match gewann an Qualität, beide Spielerinnen hatten ihre anfängliche Nervosität abgelegt. „Sie sind jetzt beide bemüht, den Punkt zu gewinnen, und nicht, ihn nicht zu verlieren“, sagte Stich. Maria erhöhte auf 4:1, blieb über 5:2 dran und schaffte nach einer Stunde und 17 Minuten mit 6:3 den Satzausgleich.

Im dritten Durchgang ging bei Maria nichts mehr. Nach zwei Breaks von Jabeur stand es schnell 4:0 für die Tunesierin. Jabeur ließ nichts mehr zu, Maria wirkte müde und resigniert, nach insgesamt 1:42 Stunden Spielzeit war das am Ende sehr einseitige Match beendet.

Wenigstens eine gute Nachricht gab es für Maria an diesem Tag: Die Frau ihres Bruders hatte am Morgen ihr zweites Kind zur Welt gebracht. „Heute Morgen bin ich wieder Tante geworden“, sagte sie vor dem Match: „Die Familie ist wieder ein bisschen größer geworden.“ Auch Tante Ons wird sich bestimmt darüber freuen.