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November 2022

Sport und Verein

Hamburg (SID) Die Coronapandemie ist längst nicht gemeistert, da wird der Breitensport von der nächsten Krise heimgesucht. Vereinen und Verbänden drohen massive Auswirkungen, die Angst vor einem Energie-Lockdown geht um.

Frank Fechner ist in Sorge. „Es ist eine extrem schwierige Situation“, sagt der Vereinschef vom Eimsbütteler TV in Hamburg. Erst die Coronapandemie, nun die starke Inflation und vor allem die in ihren Folgen kaum absehbare Energiekrise: Fechner und sein Verein ächzen unter den enormen Belastungen für den Breitensport.

„Die größte Sorge ist die Planungsunsicherheit der Kosten für Energie“, sagt Fechner und rechnet vor: „Wir müssen momentan von einer Verdrei- bis Verfünffachung der Energiekosten ausgehen. Das kann Mehrkosten für unseren Verein von 500.000 bis 700.000 Euro ausmachen, das ist richtig viel Geld für uns.“

Und so sieht sich der ETV nach vier Jahren auf stabilem Niveau zu einer empfindlichen Beitragserhöhung von durchschnittlich 14 Prozent gezwungen. Erwachsene müssen ab dem 1. Oktober 28 Euro zahlen anstatt 24,50. Nicht nur für Fechner ist das „sehr viel“ Geld. „Es ist mir fast unangenehm, dass wir nach der Coronapandemie die Beiträge so stark erhöhen müssen“, so der 1. Vorsitzende, „aber wir können die Kosten sonst nicht mehr decken“.

Das Schicksal des ETV, mit seinen 16.500 Mitgliedern einer der größten Sportvereine Hamburgs, noch dazu mit vereinseigenen Sportanlagen, für deren Unterhaltung man selbst zuständig ist, steht exemplarisch für die vielen Verbände und Vereine, aber auch für die Fitnessstudios in Deutschland. Dem System droht der Kollaps.

„Es werden schwierige Wochen und Monate werden, denn die immensen Kosten werden auf die Mitglieder umgelegt werden müssen“, sagte Prof. Dr. Theodor Stemper, Vorsitzender des Bundesverbandes Gesundheitsstudios Deutschland e.V., dem SID: „Während der Pandemie sind den Fitness- und Gesundheitsstudios im Schnitt 20 bis 25 Prozent der Mitglieder weggebrochen. Die Gefahr ist da, dass es jetzt nochmal deutlich mehr werden. Wir spüren neue existenzielle Nöte.“

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat die prekäre Lage längst erkannt. Schon im Juli setzte der Dachverband ein Positionspapier auf, das darauf abzielte, einen Energie-Lockdown für den Sport zu verhindern. Eine weitere Zwangspause würden viele Vereine, vor allem die kleinen, womöglich nicht überleben. Von den physischen und psychischen Folgen bei den Menschen ganz zu schweigen.

„Wir haben große Sorgen davor, dass sich Fehler, die während der Coronapandemie gemacht worden sind wie pauschale Schließungen, jetzt wiederholen“, sagte Michaela Röhrbein, DOSB-Vorstand Sportentwicklung, dem SID am Donnerstag: „Wir sollten aus der Coronapandemie lernen. Das heißt, dass wir nicht kurzfristige adhoc-Handlungen vornehmen, sondern kluge Maßnahmen angehen.“

Kurzfristig sollen die Auswirkungen der Energiekrise mit unkomplizierten Maßnahmen wie Temperaturabsenkungen in Schwimmbädern und Sporthallen oder kalten Duschen abgemildert werden. Zugleich müssten die Sportvereine nach Wunsch des DOSB in den Genuss von Energiekostenentlastungspauschalen kommen. Mittel- bis langfristig müssten laut Dachverband schließlich die vielen überalterten Anlagen modernisiert und auf einen energetisch aktuellen Stand gebracht werden. Die jüngst vom Bund bereitgestellten 476 Millionen Euro für die Sanierung kommunaler Einrichtungen dürften dabei bei Weitem nicht ausreichen.

„Unsere Forderung war vor der Energiekrise eine Milliarde Euro pro Jahr. Aber jetzt wird das nicht mehr ausreichen, wir brauchen mindestens diese eine Milliarde pro Jahr über mehrere Jahre hinweg, damit die 30 Milliarden Euro Sanierungsstau abgebaut werden“, sagte Röhrbein.

Unabhängig von den langfristigen Investitionen ist Fechner „überzeugt, dass wir Hilfen brauchen werden, auch staatliche Hilfen“, um auch diese Krise zu meistern. „Die Menschen werden weniger Geld in den Taschen haben“, sagt er mit ruhiger Stimme und nachdenklichem Blick, „und ich hoffe sehr, dass sie die Kosten nicht beim Sportverein einsparen wollen“.