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November 2022

Sport-Informations-Dienst (SID)

London (SID) Kai Havertz und Jamal Musiala haben sich für die WM aufgedrängt. Hansi Flick hat dadurch offensiv noch mehr Optionen – nur keine für den Sturm.

Kai Havertz und Jamal Musiala umdribbelten selbst noch die Journalisten. Mit dicken schwarzen Sponsor-Plastiktüten in der Hand huschten sie durch die Interview-Zone von Wembley in die Londoner Nacht, alle Bitten stoisch ignorierend. Ihre starken Leistungen hatten längst für sich gesprochen.

Bundestrainer Hansi Flick war keineswegs uneingeschränkt gut gelaunt, aber er lächelte schon bei der Frage nach seinen Gewinnern des turbulenten 3:3 (0:0) gegen England. „Kai und Jamal haben es richtig gut gemacht“, schwärmte Flick, er pries Musialas „außergewöhnliches Talent, er hilft uns defensiv wie offensiv“. Und „der Kai“, wie Flick sagt, „einfach toll, mutig, klasse“.

In seiner offensiven Dreierreihe drängeln sich die Stars wie an der Disco-Tür am Samstagabend. Leroy Sané, Serge Gnabry, Thomas Müller, Musiala, Havertz, Jonas Hofmann, dazu Marco Reus (derzeit verletzt): Flick hat die Wahl zwischen jugendlichem Überschwang, völliger Abgezocktheit und allem dazwischen. Das Problem: Einen Eingang weiter vorn steht Timo Werner ganz allein in der Schlange „Sturm“, aus dem Hintergrund winkt schüchtern Lukas Nmecha.

Werner wird sehr wahrscheinlich in Katar in vorderster Linie spielen. Das hilft auch Havertz, denn: Dann muss er dort nicht spielen. Im Angriffszentrum war der Chelsea-Profi am Montag eine 45-minütige Fehlbesetzung, nach hinten gezogen blühte er in der zweiten Halbzeit zu voller Pracht auf.

Dort ist Müller der Platzhirsch – und auch ein Spieler mit dem Spitznamen „Bambi“ kratzt am Denkmal. Musiala, 19, habe exakt gezeigt, „was ihn auszeichnet“, lobte Flick, „genau das brauchen wir“.

Wenn Müller ein Raumdeuter ist, ist Musiala, der lange in London lebte, ein Raumöffner: Er kann mit dem Gegner Slalom tanzen, er ist geschmeidig und katzengewandt. Englands Teammanager Gareth Southgate ärgerte sich während der Pressekonferenz darüber, dass die Bayern-Spieler ihn angeblich für Deutschland gewonnen haben: „Es ist eine Schande.“ Kai Havertz spielt gleichfalls elegant, aber mit mehr Wucht und Torgefahr.

Doch wie nun diese Teile zum perfekten Mosaik zusammensetzen? Musiala spielte gegen England rechts besser als zentral, beide bedrohen aber in der Mitte Müllers Status des unantastbaren Immer-Spielers. Hofmann war bei Flick zuletzt auf der rechten Seite gesetzt, links spielte Sané zweimal sehr bemüht, aber ebenso harmlos. Gnabry war rechts gegen Ungarn ein Totalausfall, Müller nicht im Spiel – Musiala zeigt aber immerhin, dass nicht alle Bayern-Profis ein Formtief lähmt.

Flick spielt auf Zeit. „Es kann noch so viel passieren“, betonte der Bundestrainer: Formschwankungen, Leistungsexplosionen oder Verletzungen. Warum sollte er sich sieben Wochen vor dem ersten WM-Spiel gegen Japan (23. November) festlegen? Beide seien wichtig, antwortete er auf die Frage, ob nun Müller UND Musiala einen Stammplatz haben.

Musiala reiste am Dienstag mit den Kollegen Richtung München, wo er am Wochenende auch die Bayern aus der Lethargie riss. Havertz blieb in seiner sportlichen Heimat London – und er bekam noch einen Spruch von Oliver Bierhoff mit.

Zwei Tore in Wembley, das sei ja schön, sagte der DFB-Geschäftsführer, und er zwinkerte: „Ist anscheinend nicht so schwierig.“ Schließlich hatte er Deutschland dort 1996 mit einem Doppelpack zum EM-Titel geschossen.