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November 2022

Landessportbünde

In der aktuellen Diskussion um eine Reform des deutschen Hochleistungssports ist das Thema „Talente“ ein wichtiger Aspekt. Neben Trainingsmethodik und grundsätzlicher Systemkritik ist die Frage nach ausreichend Talenten von zentraler Bedeutung. Dies war auch Thema eines Moduls beim diesjährigen Landestrainer-Hauptseminar.

Die Diskussion um Talentfindung und -entwicklung wird vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der Folgen von Bewegungsarmut vor allem von Kindern und Jugendlichen in Deutschland geführt. Werden sich zukünftig also immer weniger Kinder und Jugendliche entscheiden, Leistungssport zu treiben? Mit Blick auf die sportfachliche und sportpolitische Aktualität des Themas stellten sich diese Frage Ende September im Rahmen des Landestrainer-Hauptseminars 2022 auch Landestrainer aus zwölf Sportarten.

Konzepte meist kurzfristig gedacht und nicht praxisorientiert

Im Rahmen der Vorbereitungen dazu wurde deutlich, dass die Überlegungen und Konzepte hierzulande meist kurzfristig gedacht und wenig praxisorientiert sind. Im Workshop „Talentfindung und -entwicklung in Baden-Württemberg“ wurde zunächst über den Begriff „Talent“ diskutiert. Zum anderen ging es darum, welche Voraussetzungen an die Talente im Bereich des Leistungssports gestellt werden sollten. Angeregt durch Impulsreferate über die Praxis der Talenterkennung in Baden-Württemberg diskutierten die Teilnehmer und kamen zu einigem Konsens.

Talentfindung und -entwicklung in Deutschland

In vielen Fachverbänden und Landessportbünden in Deutschland kommen in Bezug auf die Talenterkennung häufig Selektionsstrategien – Tests mit dem Ziel, möglichst früh begabte Kinder und deren späteres Potential zu erkennen – zum Einsatz. Der wissenschaftliche Bezug dieser Strategien ist in die  „Begabungsforschung“ einzuordnen und steht zunehmend in der Kritik, vor allem in Bezug auf die Qualität von Prognosen. Deshalb sollte die Berufung in einen Kader anhand dieser Strategien einer kritischen Überprüfung unterzogen werden, so eines der Ergebnisse des Workshops. Wenn keine für eine Weltspitzenleistung adäquaten Zielkorridore eröffnet würden, seien eine hohe Dropout-Quote und die vordergründige Förderung von Sportlern, die körperlich recht früh sehr weit entwickelt sind, zu erwarten. Sogenannte „Whispering Talents“, zunächst leistungsunauffällige Kinder und Jugendliche, fielen dann aus dem Raster.

Herangehensweise anderer Nationen

Im Vergleich dazu: Die Herangehensweise in den meisten erfolgreichen Sportnationen sieht Strategien mit dem Ziel einer möglichst hohen  „Transformationsrate“ vom erfolgreichen Junioren-Sportler auf die Olympiateams vor. Hierzu versucht man, die Qualität der Einschätzung von Potentialen ständig zu verbessern und Nachwuchssportler und deren Entwicklung mit Hilfe von „Monitoring-Systemen“ zu erfassen. Im Mittelpunkt steht also die Entwicklung eines vollständigen Repertoires an Bewegungsfertigkeiten. Der Prozess, nicht die punktuelle Leistung, steht im Fokus.

Ergebnisse der Arbeitsgruppen

In den Gesprächen und Referaten im Rahmen des Workshops wurde hervorgehoben, dass man bei der Betrachtung von „Talent“ im Sport in Deutschland von einer punktuellen Leistungseinschätzung zu einer ganzheitlichen und langfristigen Denkweise – „Der Mensch hinter dem Talent.“ – übergehen sollte. Neben der körperlichen Entwicklung müssen dabei psychologische und kognitive Aspekte gleichrangig beachtet werden.

Soziale Umfeldfaktoren immer bedeutender

Besonders auffallend: Vor allem die sozialen Umfeldfaktoren, als auch die psychologischen Voraussetzungen der Athleten scheinen sportartübergreifend einen  immer größer werdenden Einfluss darauf zu haben, wie sich Talente erfolgreich finden und entwickeln lassen. Hans-Jörg Thomaskamp, langjähriger  Bundestrainer der Männer im Hochsprung, stellte dies in seinem Impulsvortrag als besonders entscheidend heraus. Eine „langfristige Stabilität in der  Betreuung“ sollte dabei mit der Ausschöpfung der lokalen Gegebenheiten einhergehen. Außerdem bedarf es seiner Meinung nach einer Karriereplanung, die es verhindert, dass zu früh „nach oben geschielt wird“. Völlig unklar ist bislang jedoch, was ein erfolgreiches soziales Umfeld ausmacht, wie sich dieses konkret  auswirkt und wie es gegebenenfalls positiv beeinflusst werden kann. Das soziale Umfeld stellt also eine Art Leistungsreserve dar, die es zu optimieren gilt.

Auch Infrastruktur entscheidend

Hierbei geht es um weit mehr als nur Personengruppen wie die Familie, den Freundeskreis, das Trainerteam. Es geht auch um die Planung der schulischen  Karriere, die Wege zwischen den Trainingsstätten oder auch die ärztliche Betreuung. Unumstritten bleibt, dass in der Sportpraxis diesbezüglich bereits erste Schritte unternommen wurden. Dies sieht man vor allem in der dualen Karriereplanung von Athleten. Mit den Elite- und Partnerschulen des Sports, den Partnerhochschulen oder der Spitzensportförderung im Rahmen einer Berufsausbildung bei der Landespolizei werden den Nachwuchsathleten im Land bereits wichtige Stützen im Umfeld geboten.

Sportartspezifische Einflussfaktoren

Neben den sozialen Umfeldfaktoren spielen sportartspezifische Fragestellungen eine wichtige Rolle. So lassen sich sportartspezifisch und in Sportarten wie der Leichtathletik sogar disziplinabhängig gänzlich verschiedene anthropometrische – die Maßverhältnisse des Menschen betreffend – und physiologische – die Funktionsweisen des Organismus betreffend – Faktoren finden, die bei der Identifikation von Talenten herangezogen werden. Dies beschrieb auch der langjährige Landestrainer und Leistungssportkoordinator der Sportart Basketball, Reiner Braun, in seinem Gastreferat. Auch das Sichtungsalter unterscheidet sich von Sportart zu Sportart. In Abhängigkeit vom Höchstleistungsalter einer Sportart werden zehn bis dreizehn Jahre vor Eintritt in diese Alterspanne die Talentsichtungsmaßnahmen durchgeführt (vgl. Tabelle).

Förderung vor Ort

Keine Frage, Talentsichtung und -gewinnung sind für den Leistungssport ein elementares Instrument, um die Sportelite von morgen aufzubauen. Den Vereinen kommt eine herausragende Bedeutung bei der Talenterkennung und -erfassung zu, denn junge Menschen kommen zunächst im Verein in Kontakt mit dem außerschulisch organisierten Sport. Solange es die Bedingungen zulassen, sollte die Förderung von Talenten vor Ort ermöglicht und unterstützt werden. Das Training muss dabei altersgemäß und auf ein adäquates Gesamtniveau ausgerichtet werden. Hierarchien, Delegations- und Wechselzwänge werden zunehmende kritisch gesehen, auch unter den baden-württembergischen Landestrainern. Im föderalen Sportsystem der Bundesrepublik, mit seinen autonomen Verbänden und Vereinen, seien Konzeptionen, die von Hierarchie und Anordnung „von oben nach unten“ ausgehen, wohl eher nicht zielführend bei der Erreichung der Weltspitze.

Optimierung nötig

Die Orientierung an dieser und an sportart- und disziplinspezifischen Anforderungsprofilen sind für eine erfolgreiche Talententwicklung unabdingbar. Hierfür ist, so die Workshop-Teilnehmer, ein Paradigmenwechsel weg von punktueller Testung und Leistungserfassung, hin zur Priorisierung und Qualitätsverbesserung des Prozesses der Talententwicklung sowie des langfristigen Leistungsaufbaus nötig. Die Einschätzung der Trainer sollte bei der Beurteilung eines Nachwuchsathleten vorrangig einbezogen werden, so die Experten.

Quelle: www.lsvbw.de