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Februar 2024

Sport-Informations-Dienst (SID)

Nogaro (SID) Auch im Radsport wächst der Einfluss staatlicher Unterstützung aus dem Nahen Osten. Die wirtschaftliche Schere zwischen den Teams wird größer. Bora-hansgrohe-Teamchef Ralph Denk spricht sich für eine 50+1-Regel wie im Fußball aus.

Das Sondertrikot zum Jubiläum liegt bei Bora-hansgrohe wieder in den Koffern. Anlässlich der zehnten Teilnahme bei der Tour de France war der deutsche Radsport-Rennstall zum Auftakt der Großen Schleife in einem speziellen Outfit an den Start gegangen. Der hellgrüne Stoff darf nun aber nicht mehr getragen werden – die Ähnlichkeit zum Grünen Trikot des Punktbesten war dem Veranstalter ASO zu groß.

Das Jersey war als Hommage an die Bora-Erfolgsgeschichte gedacht, an den Aufstieg vom Zweitligisten zur festen Größe in der World Tour. Alle Ziele wurden nicht erreicht. Von seinem vor ein paar Jahren formulierten Traum, einmal das beste Team der Welt zu stellen, hat sich Teamchef Ralph Denk vorerst verabschiedet. Das wirtschaftliche Spielfeld hat sich geändert. Neue Akteure dominieren das Geschäft. „Wir sind da angekommen, wo der Fußball jetzt auch ist“, sagte Denk.

Immer mehr Geld fließt in den Profi-Radsport. Es ist vor allem immer mehr Geld aus dem Nahen Osten. Tour-Topfavorit Tadej Pogacar ist für die meisten Teams unbezahlbar. Bei UAE Emirates besitzt er einen langfristigen und gut dotierten Vertrag. Das Königreich Bahrain (Bahrain Victorious) hat Chancen auf Etappensiege. Und auch Saudi-Arabien, das Milliarden in den Weltsport pumpt, erhöht seine Power im Peloton.

Beim Team Jayco AlUla ist der Wüstenstaat bereits als Co-Namensgeber involviert. Der Großangriff steht aber erst noch bevor: Dem Vernehmen nach übernimmt Saudi-Arabien über das Städtebauprojekt Neom City zur kommenden Saison den derzeit besten Rennstall Jumbo-Visma.

Superstars wie Tour-Titelverteidiger Jonas Vingegaard oder Allrounder Wout van Aert könnten zu rollenden Werbefiguren der Saudis werden. Den Trend der explodierenden Teambudgets und sich vergrößernden wirtschaftlichen Schere zwischen den Mannschaften dürfte das zudem nur verstärken.

Bora-hansgrohe setzt auf eine klassische Betreibergesellschaft und finanziert sich in erster Linie über Sponsorenverträge. Budgetär liegt der Raublinger Rennstall damit im Mittelfeld. Die wichtigsten Geldgeber Bora und hansgrohe haben sich bis 2027 verpflichtet. Und dann?

„Der Radsport ändert sich, genauso wie der Fußball“, sagte Denk. Eine Zusammenarbeit mit Geldgebern aus dem Nahen Osten schließt er nicht grundsätzlich aus, schließlich hätten auch DAX-Konzerne Beteiligungen in diesen Regionen.

„Natürlich muss ich die Augen offenhalten, ob wir mit diesem Konstrukt, mit dem wir aktuell aufgestellt sind, mittelfristig mit den besten Mannschaften mithalten können“, sagte Denk: „Das ist schon mein Job. Ich wäre blauäugig zu sagen: Das Geschäftsmodell Bora-hansgrohe, das ist jetzt so und das bleibt die nächsten zehn Jahre so.“

In einem Markt, der derzeit kaum gesteuert ist, könnte der Weltverband UCI entgegenwirken. Denk schwebt „eine Art 50+1 wie im deutschen Fußball“ vor. Auch ein Budget-Cap oder eine Draft-Regel wie im US-Sport seien spannende Ideen für mehr Chancengleichheit unter den Teams. „Es gibt Möglichkeiten zu regulieren. Die Frage ist: Will unser Weltverband das? Oder wollen sie möglichst hohe Teambudgets?“, sagte Denk.