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Februar 2024

Landessportbünde

Vielfalt ist ein Gewinn für den einzelnen wie für den Sportverein, für unser Land und unsere demokratische Gesellschaft. So lautete das Resümee von Joachim Schulte, Sprecher von QueerNet Rheinland-Pfalz, in seinem Impulsvortrag bei der Veranstaltung „Vielfalt. Gewinn und Herausforderung für ALLE im Sport.“, zu der der Landessportbund ins ZDF-Sendezentrum auf dem Mainzer Lerchenberg geladen hatte.

Die Veranstaltung war seit Wochen „ausverkauft“, knapp 200 Vertreter*innen aus Sportvereinen und Sportverbänden waren bei dem spannenden Austausch auf dem Fernsehhügel mit von der Partie und nutzten die Chance, mit Expert*innen aus Sport, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft darüber zu sprechen, warum mehr Vielfalt im Sport wichtig ist oder wie eine zukunftsgerichtete und weltoffene Vereins- und Verbandslandschaft geschaffen werden kann.

Wie Schulte im Rahmen seiner inspirierenden Denkanstöße deutlich machte, bildet Sport die gesellschaftliche Vielfalt „in einzigartiger Weise“ ab. „Sport ist für unser friedliches Zusammenleben von zentraler Bedeutung und sorgt dafür, dass alle mitmachen können, dass wir die Unterschiedlichkeit unserer Mitglieder als unsere Stärke verstehen“, so der Pädagoge und Bürgerrechtler, der anhand dreier Überlegungen den Begriff Vielfalt umkreiste und verschiedene Faktoren vorstellte, die uns als Individuum mitbestimmen. „Ausgrenzung hemmt unsere Potenziale.“

Der Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte liege in Deutschland bei 27 Prozent. Da Sport mit einem hohen sozialen Status verbunden sei, gebe es hier ein hohes Potenzial. 66 Prozent der Menschen, die nicht cis-geschlechtlich bzw. heterosexuell seien, trieben Sport. „Vielfalt ist nicht nur Harmonie – zur Vielfalt gehört auch Widerspruch“, stellte Schulte klar. „Vielfalt lässt sich nicht ohne ungleich verteilte Macht und Privilegien denken. Vielfalt ist unsere Lebensgrundlage – es hängt an uns, sie zu bewahren und sie im Sozialen zu gestalten. Denn Vielfalt im Sozialen ist nicht da. Unterschiedliche Menschen sind da- Aber Unterschiedlichkeit garantiert nicht ein Zusammenleben in Vielfalt. Sie muss aktiv hergestellt werden – und dies bedeutet Arbeit.“

Der Mainzer, seit dem Jahr 2012 Träger des Bundesverdienstkreuzes, wörtlich: „Wir können uns dem Zusammenleben in Vielfalt nicht entziehen, wenn wir unser Menschsein und unsere Humanität nicht verlieren wollen.“ Empathisch und zugleich mit kühlem Kopf: so gelte es, Vielfalt zu gestalten. „Vielfalt als Gewinn sehen heißt, dass mit dem Kennenlernen unserer Vereinsmitglieder die Entdeckung menschlicher und sportlicher Potenziale verbunden ist, dass jedes Interesse für den anderen Kräfte für gemeinschaftliches Tun mobilisiert, dass jedes Wissen über meine Rolle und die der anderen Vertrauen schafft für ein Miteinander auf Augenhöhe.“

Joachim Schulte war auch dabei bei einer Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Gästen, die von DOSB-Referentin Katja Lüke moderiert wurde und bei der unter anderem auch die Juristin Fatma Polat, Vorsitzende des Sportvereins Arc En Ciel Mainz, mitdiskutierte. „Durch die Kooperationsvereinbarung von QueerNet und dem LSB hat sich hundertprozentig etwas verändert“, konstatierte Schulte. „Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass es gelungen ist, diese Vereinbarung abzuschließen und dass der LSB von sich aus das Signal gesetzt hat, dass wir gemeinsam überlegen, wie wir auch queere Menschen ansprechen. Queere Menschen sind einfach überall. Man muss einen aktiven Posten setzen, um Menschen, die sich nicht zur Dominanzgesellschaft zählen, tatsächlich auch anzusprechen.“ Seine Forderung: „Einen klaren Fokus der Sichtbarkeit herstellen für die Vielfalt.“

In den Augen von Prof. Tim Bindel, Leiter der Abteilung Sportpädagogik/Sportdidaktik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, heißt Vielfalt: „Das Büffet muss sich ändern. Wir brauchen eine Angebotsbreite und ernstgemeinte finanzielle Zuwendung, dass tatsächlich diejenigen Sport machen sollen, die sonst immer zu kurz kommen.“ Man müsse einen „Schwerpunkt setzen für die, die besondere Zuwendung brauchen. Der Kuchen, von dem so wenige so viel bekommen, muss umverteilt werden – es muss eine Umverteilung von Geldern geben im Sport“. Innen- und Sportminister Michael Ebling befand, es dürfe keinen Verteilungskampf geben. Stattdessen müsse man „schauen, dass wir die Kräfte natürlich stärken“. Martina Halter, Para-Dressurreiterin und Grundschullehrerin, plädierte dafür, „den Nachwuchs zu stärken in der Hoffnung, dass daraus wieder Erfolg resultieren“.

Für Eindruck bei den vielen Sport- und Vielfaltsinteressierten sorgten auch der musikalische Einspieler des Medienpädagogen und Deutschrappers Fidi Baum alias „Graf Fidi“ aus Berlin sowie der bunte „Markt der Möglichkeiten“, der von einer Fotoausstellung des renommierten Frankfurter Fotografen Rafael Herlich eingerahmt wurde – und dem Austausch und der Vernetzung der Zuhörer*innen diente.

Fazit von Claudia Altwasser, LSB-Vizepräsidentin Gesellschaftspolitik: „Wir sind überwältigt, wie viele sportinteressierte Menschen unserer Veranstaltung gefolgt sind.“

Quelle: www.lsb-rlp.de