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Februar 2024

Sport-Informations-Dienst (SID)

Bischofshofen (SID) Skispringen in Brasilien oder Dubai? Die Tournee fast ohne Schnee hat revolutionäre Ideen der FIS befeuert. Die Athleten sind skeptisch.

Andreas Wellinger fliegt durch das ausverkaufte Maracana-Stadion? Ryoyu Kobayashi hebt in einer Halle in Dubai ab? Wenn Sandro Pertile über die Zukunft des Skispringens spricht, leuchten seine Augen. „Wir hatten gerade eine Vierschanzentournee mit grünen Wiesen. Vielleicht war das eine Ausnahme, vielleicht aber auch nicht“, sagt der Renndirektor des Weltverbandes FIS. Sein Credo: „Wir sollten offen für neue Wege sein.“

Wie diese Wege in Zeiten des Schneemangels aussehen könnten, zeichnete Pertile am Rande der Tournee in Bischofshofen detailliert auf. Mit einer mobilen Schanze will der Italiener perspektivisch den Skisprung-Zirkus auf der ganzen Welt aufführen. „Das könnte zum Beispiel im Maracana in Brasilien sein, da könnte man auf Matten eine riesengroße Show bieten“, sagte er. China sei ein weiterer Markt für solche Show-Wettkämpfe, auch eine Indoor-Anlage mit Kunstschnee in Dubai denkbar.

Erste Pläne für eine auf- und abbaubare Anlage liegen bereits vor. Laut Pertile ist eine mobile Schanze mit der Hillsize 150 das Ziel, dort wären Sprünge von etwa 150 m möglich. Noch ist das alles freilich Theorie. „Es braucht sicher einen Fünf-Jahres-Plan – und dann muss man das Projekt finanzieren. Das Ziel ist, in zehn Jahren bereit zu sein“, sagt er.

Die Springer sind allerdings noch nicht überzeugt. „Ich persönlich muss nicht nach Dubai fliegen, um zu springen. Das sehe ich als ein bisschen sinnlos an“, sagte Philipp Raimund, gab aber auch zu: „Dass die Möglichkeit besteht, ist natürlich interessant.“ Auch Stephan Leyhe reagierte skeptisch: „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Brasilianer etwas mit Skispringen anfangen können.“

Das Wort Klimaschutz kam Pertile nicht über die Lippen. Energiefressende Skihallen sind auch in Deutschland längst Realität, in Dubai gibt es seit Jahren eine Eishockey-Liga. Ist Pertile also ein Visionär oder Träumer? Fest steht: Anders als Biathlon oder Langlauf funktioniert Skispringen auch ohne echten Schnee. Im vergangenen Winter fand in Wisla erstmals ein Weltcup auf Matten statt, im Juni war Skispringen Teil der European Games in Polen.

Pertile hält deshalb eine acht Monate dauernde Saison für möglich. „Ein Plan könnte sein, den Weltcup mit einer Hybrid-Periode zu beginnen. Man könnte schon im Oktober mit drei, vier Wettbewerben auf Matte starten“, sagte er. Leyhe sieht auch das skeptisch. „Irgendwann hat der Körper seine Grenzen. Acht Monate durchspringen, das wird kein Sportler schaffen. Da wird man Pausen machen müssen.“

Wohin geht die Reise also? Wird das Skispringen bald sogar eine Sommersportart? Pertile zögert. „Bis Olympia in Mailand sind wir sicher ein Wintersport“, sagt der Italiener. Auf lange Sicht müsse das so aber nicht bleiben: „Wir bieten Emotionen. Und deswegen kann dieser Sport auch in Brasilien attraktiv sein.“