Hannover (SID) Die Abwehr von Deutschlands Handballern steht felsenfest – und soll für Andreas Wolff und Co. wie beim EM-Coup vor zehn Jahren auch bei ihrer Medaillenmission in Dänemark der wichtigste Erfolgsbaustein werden.
Als Andreas Wolff als Letzter beim offiziellen Teamfoto-Termin der deutschen Handballer eintraf, johlte das gesamte Team. Der Spott seiner Kollegen war dem deutschen Nationaltorhüter angesichts einer kleinen Verspätung sicher. „Bisher haben wir Friede, Freude, Eierkuchen. Die Mannschaft wächst, das merken wir intern, immer mehr zusammen“, sagte Teammanager Benjamin Chatton am Montagvormittag in Hannover.
Mit Spaß und Emotionen, vor allem aber auch mit einer knüppelharten Abwehr und mannschaftlicher Geschlossenheit will Deutschland die erste EM-Medaille seit zehn Jahren holen. Genauso war es 2016, als Wolff und Co. als „Bad Boys“ den Titel gewannen. „Wir haben da alles verprügelt, was auch nur ansatzweise in den Neuner reinkommen wollte“, erinnerte sich Jannik Kohlbacher vor dem EM-Start am Donnerstag (20.30 Uhr/ARD) gegen Österreich in Herning mit einem breiten Grinsen in der ARD.
So leicht wie Wolff, der sich auf dem Weg in die Bildmitte ohne Mühe an seinen Teamkollegen vorbeischob, dürften es die deutschen Gegner beim Turnier kaum haben. Der Schlussmann, Kohlbacher und Rune Dahmke sind die drei verbliebenen 2016er-Europameister im deutschen 18er-Kader, mit dem Wolff nun seine ganz eigene Geschichte schreiben will.

„Das Bad-Boys-Ding war einmalig. Das war ein Überbegriff für mannschaftliche Geschlossenheit, den muss man nicht immer wieder ausgraben“, sagte der 34-Jährige: „Der Erfolg 2016 war, in schwierigen Situationen zusammenzuhalten. Das wird auch für uns wichtig sein – bei Rückständen kühlen Kopf bewahren, uns auf unsere Qualitäten besinnen und zusammen das Spiel erfolgreich gestalten.“
Bereits in den Vorjahren berief sich das DHB-Team von Bundestrainer Alfred Gislason dabei gerne auf seine starke Deckung. Vor der aktuellen EM-Mission, wo nach dem Österreich-Duell in der Vorrunde noch die unangenehmen Serben und hoch eingeschätzten Spanier warten, scheint dies jedoch nicht nur für die Spitze, sondern für weite Teile des Kaders zu gelten.
„Das ist unsere Stärke – dass wir nicht nur einen oder zwei Spieler haben, die überragend decken, sondern 15, 16 Spieler, die teilweise sogar in der Mitte decken können und sich in der Abwehr den Allerwertesten aufreißen, um das bestmögliche Defensivergebnis zu erzielen“, sagte Wolff nach der überzeugenden Generalprobe gegen Vizeweltmeister Kroatien (33:27).
In der Abwehr habe man im Vergleich zum Vorjahr „deutlich mehr Breite“, sagte auch Gislason. So habe man bei der WM 2025, wo im Viertelfinale gegen Portugal das frühe Aus kam, im Innenblock „kaum“ auf Kapitän Johannes Golla oder Julian Köster verzichten können. „Einer von beiden musste immer auf dem Feld stehen. Heute sieht das anders aus. Wir können ihnen mehr Pausen geben.“
Mit Tom Kiesler vom VfL Gummersbach oder dem Berliner Matthes Langhoff bieten sich etwa zwei Turnier-Debütanten als Alternativen an. Und dann gibt es ja auch noch gestandene Spieler wie Kohlbacher oder auch den Hannoveraner Justus Fischer. „Wir haben da wirklich ein Bollwerk stehen“, sagte Kohlbacher. Gislason war „extrem zufrieden, wie die Neuen reingekommen sind – mit welcher Leidenschaft und Aggressivität. Die machen den Eindruck, als wären sie schon jahrelang dabei“, sagte der Isländer glücklich.
Ein Profiteur von dem vielseitigen Defensivspiel ist Golla, der nun mehr Pausen auf der Bank zum Durchschaufen bekommt. „Das spricht für uns als Mannschaft – für den deutschen Handball. Es macht auch Spaß, die Jungs von außen zu sehen“, sagte der Flensburger: „Es ist eine Luxussituation, der man nur Positives abgewinnen kann. Das sind optimale Voraussetzungen für die EM.“
Was steht an?
Die 17. Auflage der Handball-Europameisterschaft geht in drei Ländern an vier Spielorten über die Bühne. Die Hallen stehen in Herning (Dänemark), Oslo (Norwegen) sowie Malmö und Kristianstad (jeweils Schweden). An allen Standorten finden Vorrundenspiele statt. Die zwei Hauptrundengruppen steigen in Herning und Malmö, die Finalspiele (ab 30. Januar) in Herning. Deutschland absolviert das gesamte Turnier in der Jyske Bank Boxen in Herning.
Wie lautet das Ziel?
Halbfinale! Dies formulierte Bundestrainer Alfred Gislason bereits bei der Bekanntgabe seines 18-köpfigen Kaders im Dezember angriffslustig. Was ihn zuversichtlich stimmt? „Wir haben mehr Breite als oft zuvor“, sagte der Isländer im SID-Interview. Zudem ist der Kader an vielen Stellen mit Weltklasse-Spielern gespickt: Ob Andreas Wolff im Tor, Juri Knorr auf der Spielmacherposition, Julian Köster oder Johannes Golla in der Abwehr. Performt die erste Reihe auf höchstem Niveau und kann zugleich durch das mit vier Turnierdebütanten gespickte Team regelmäßig entlastet werden, ist eine Medaille möglich. Mut macht zudem, dass – anders als in den anderen Jahren – das DHB-Team bislang von verletzungsbedingten Rückschlägen verschont geblieben ist.
Welche Gegner warten auf Deutschland?
Bereits die Vorrundengruppe A mit Österreich am Donnerstag (20.30 Uhr/ARD) sowie Serbien (17. Januar) und Spanien (19. Januar/ebenfalls 20.30 Uhr) hat es in sich. In der Hauptrunde würden im Kampf um das Halbfinale dann vier echte Hochkaräter warten: Olympiasieger und Weltmeister Dänemark, Titelverteidiger Frankreich, der WM-Vierte Portugal und Co-Gastgeber Norwegen sind die realistischsten Gegner. Der Weg in die Medaillenspiele ist steinig, bereits der Silber-Coup bei den Olympischen Spielen 2024 zeigte aber, dass Deutschland ein anspruchsvoller Weg liegen könnte. Ein dritter EM-Triumph nach 2004 und 2016 wäre dann aber doch eine dicke Überraschung.
Wie ist der EM-Modus?
Die Vorrunde wird in sechs Vierergruppen ausgetragen. Die ersten beiden Mannschaften jeder Gruppe ziehen in die Hauptrunde ein, in der es dann zwei Sechsergruppen gibt. Die Punkte gegen das ebenfalls qualifizierte Team werden in die zweite Turnierphase mitgenommen. Die beiden bestplatzierten Teams der beiden Hauptrundengruppen erreichen das Halbfinale, die Drittplatzierten spielen den fünften Platz aus.
Wer sind die Favoriten?
Über allen steht Weltmeister und Olympiasieger Dänemark. Die Übermannschaft von Trainer Nikolaj Jacobsen jagt aber seit geraumer Zeit vergeblich dem EM-Titel hinterher, der bislang letzte EM-Triumph gelang einer dänischen Mannschaft vor 14 Jahren. So setzten sich bei der jüngsten EM in Deutschland im Endspiel von Köln die Franzosen durch, die ebenso wie Kroatien, Spanien oder die talentierten Isländer zum erweiterten Favoritenkreis zählen.
Wo werden die EM-Spiele übertragen?
ARD und ZDF übertragen alle deutschen EM-Auftritte live im linearen Fernsehen, außerdem gibt es mehrere Partien ohne deutsche Beteiligung im kostenlosen Livestream der öffentlich-rechtlichen Sender im Internet zu sehen. Wer damit nicht genug hat, kann sämtliche 65 EM-Partien live und auf Abruf im Netz beim Streamingdienst Dyn verfolgen.
Wie ist die deutsche Form?
In zwei Härtetests gegen Vizeweltmeister Kroatien präsentierte sich das deutsche Team starker Verfassung. Sowohl beim ersten Aufeinandertreffen in Zagreb (32:29) als auch bei der Generalprobe am Sonntag in Hannover (33:27) war eine sattelfeste Abwehr der Schlüssel zum Erfolg, zudem überragten jeweils die Torhüter David Späth (Spiel eins) und Andreas Wolff (Spiel zwei). „Wir haben zwei absolute Härtetests mit Bravour bestanden“, urteilte Anführer Golla. Am Dienstag reist das DHB-Team ins dänische Silkeborg und bezieht rund 40 Kilometer östlich von Herning wie im Vorjahr bei der WM sein Teamquartier.

Was noch zu sagen wäre…
„Schon zwei Niederlagen könnten das Aus im Kampf ums Halbfinale bedeuten. Deswegen ist unser erstes Ziel, alles daran zu setzen, die Gruppe zu gewinnen.“ (Bundestrainer Alfred Gislason im SID-Interview zur Zielsetzung für die Vorrunde).