Sport-Informations-Dienst (SID)

Dabei sein ist Bares: Coventrys sanfter IOC-Umbau

Juli 2026

Köln/Lausanne (SID, 25.06.2026) IOC-Präsidentin Kirsty Coventry schüttet Geld an Olympiateilnehmer aus. Hat sich die Welt der fünf Ringe gewandelt?

Als die „big, big news“ durch Basketball-Idol Pau Gasol verkündet wurde, saß Kirsty Coventry ein wenig stolz im Halbdunkel des Convention Centre in Lausanne, zur linken der IOC-Präsidentin blieb ihr langjähriger Förderer Thomas Bach ohne Regung. Der einstige IOC-Übervater, mittlerweile Ehrenpräsident, musste bei der Reform-Session seiner Nachfolgerin mehr als eine „Korrektur“ (Coventry) seines Kurses zur Kenntnis nehmen. Die plakativste Neuerung: Erstmals in der 132-jährigen Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees gibt es Geld für die Athleten, jeweils 10.000 US-Dollar.

Es war ein Zückerchen, das sich Coventry dramaturgisch perfekt für den Höhepunkt der IOC-Vollversammlung aufgehoben hatte – und das für Außenstehende überraschend kam. Hatte doch Coventry selbst, zweimalige Schwimm-Olympiasiegerin und einstige Athletensprecherin, bis zuletzt jeden Vorstoß von Lobbygruppen zur finanziellen Teilhabe brüsk abgewehrt.

Nun also der Paradigmenwechsel, der vonseiten aktueller und ehemaliger Sportler uneingeschränkt begrüßt wurde. Athleten Deutschland äußerte eine differenzierte Haltung. Die IOC-Maßnahme sei „ein historischer, wenn auch längst überfälliger Schritt“, teilte die Interessenvertretung mit, denn die Einnahmen des IOC seien deutlich höher.

Quelle: AFP

In der Tat, der Fonds umfasst 140 Millionen US-Dollar für einen olympischen Zyklus, mit diesem Geld können entsprechend 14.000 Olympiasportler bedacht werden. Im Zyklus 2021 bis 2024 nahm das IOC 7,7 Milliarden Dollar ein. Orientiert man sich an diesem Wert, würden weniger als zwei Prozent an die Sportler ausgeschüttet.

Und doch, dessen wird sich auch Coventry bewusst sein, ist die Büchse der Pandora geöffnet. Weitere Forderungen dürften folgen. Global Athlete etwa verlangte im Vorfeld der 146. IOC-Vollversammlung 25.000 Dollar pro Olympiateilnehmer; Athleten Deutschland vor einigen Jahren gar ein Viertel der IOC-Einnahmen.

Coventry hat die olympische Welt Bachs in ihrem ersten Amtsjahr an einigen Stellen verändert. Weitere Beispiele? Die Olympischen Jugendspiele stehen auf dem Prüfstand, die von Bach erst 2024 beschlossene Einführung olympischer E-Sport-Spiele mit dem Partner Saudi-Arabien ist einkassiert.

Der Vergabeprozess zukünftiger Spiele – hier wird es für Deutschland besonders interessant – soll transparenter und tiefgründiger werden durch die Einführung einer weiteren Stufe. 2029 werden die Sommerspiele 2036 vergeben. Deutschland, das sich auch um 2040 und 2044 bewirbt, kann sich weiter in Position bringen und nach den IOC-Vorstellungen ausrichten.

Ein weiterer Beschluss vom Mittwoch: Sportarten und Disziplinen im olympischen Programm müssen mehr denn je global attraktiv sein, zugleich sollte die Durchführbarkeit bestenfalls nicht an teure, nicht weiter nutzbare Infrastruktur gebunden sein.

„Ich denke, wir haben in den vergangenen zwölf Jahren Entscheidungen getroffen“, sagte Coventry bezogen auf die Ära Bach (2013 bis 2025): „Wir haben aus diesen Entscheidungen gelernt und treffen nun neue, um den Kurs zu korrigieren. Das müssen wir tun – andernfalls werden wir irrelevant.“

Doch auch Coventry (42) ist Pragmatikerin, ganz in der Tradition von Bach und dessen Vorgängern. Ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump, dessen Land mit Los Angeles die nächsten Sommerspiele in zwei Jahren ausrichtet, gab es zwar bislang nicht. Im März beschloss das IOC aber eine Rückkehr der Geschlechtstests – und begab sich damit auf die Linie des erratischen Troublemakers. Die Maßnahme schließt faktisch Transgender-Athletinnen und einen Großteil der intersexuellen Athletinnen aus.

Weiterhin hat Coventry das in den Ukraine-Angriffskrieg involvierte Belarus begnadigt, für eine mögliche Rückkehr Russlands in die Sportfamilie wurde am Mittwoch der Weg durch eine Änderung der Charta geebnet. Nun heißt es in der IOC-Verfassung, die Unabhängigkeit des olympischen Sports sei „zu allen Zeiten frei von staatlichem, kulturellem, gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Druck“ zu gewährleisten. Das hatte schon etwas von Bach.