Hamburg (SID) Am Wochenende drohen in Deutschland – wie schon im Juni – erneut Temperaturen um die 40 Grad. Spitzensport-Veranstaltungen sollen trotz der Extrembedingungen stattfinden. Ist das verantwortbar?
Die Gluthitze im Land brachte auch Eva Lys gehörig ins Schwitzen. Profitennis, ächzte die 24-Jährige bei Instagram, fühle sich unter diesen Bedingungen „nach einem fragwürdigen Lebensentwurf an“. Wenig später verlor Lys bei rund 32 Grad Celsius ihre Auftaktpartie beim Rasenturnier in Bad Homburg – und entging so unfreiwillig einer noch höheren körperlichen Belastung.
Am Wochenende nämlich, als die Entscheidungen fielen, drohten Temperaturen um die 40 Grad. Gespielt wurde trotzdem. Auch andernorts stand der Spitzensport nicht still. Das Leichtathletik-Meeting in Ratingen fand ebenso statt wie die Deutschen Meisterschaften der Radprofis in Thüringen.
Doch ist Leistungssport an diesen Hitze-Wochenenden überhaupt verantwortungsbewusst umsetzbar? „Jein“, sagt die Ärztin und Hitze-Expertin Andrea Nakoinz im SID-Gespräch: „Für die meisten Menschen in Deutschland kommen wir da gerade ganz klar an die Grenze.“ Nakoinz ist Haupt-Autorin des im vergangenen Jahr vom Bundes-Gesundheitsministerium herausgegebenen Empfehlungspapiers „Musterhitzeschutzplan“. Sie sieht den deutschen Sport im Umgang mit Hitze „insgesamt schlecht“ aufgestellt und sorgt sich nun um den Umgang mit den Bedingungen: „Das ist eine schwüle Hitze, die wir in diesem Ausmaß in Deutschland nicht gewohnt sind.“
Kollabierende Läuferinnen, taumelnde Tennisspieler, sogar Todesfälle: In der jüngeren Vergangenheit sind hitzebedingte Zwischenfälle bei Sport-Ereignissen immer häufiger in die Öffentlichkeit gelangt. Der Klimawandel macht Extremwetter wahrscheinlicher und erschwert so die Bedingungen für Sportler. Die Gefahr eines Hitzschlags mit ernsthaften gesundheitlichen Folgen wächst.
In Bad Homburg setzte der Veranstalter auf Kühlschläuche, Eis und jede Menge Flüssigkeitszufuhr auf den Courts. Die Zuschauer wurden regelmäßig daran erinnert, sich vor der Sonne zu schützen und genug zu trinken. Zudem gilt die „Heat Rule“ der WTA auch beim Turnier in Hessen. Grundlage ist der sogenannte WBGT-Index, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit und andere Faktoren berücksichtigt. Überschreitet er einen bestimmten Wert, sind zusätzlich Abkühlungspausen erlaubt. Geht er noch weiter nach oben, werden die Matches unterbrochen.
Solch klare Vorgaben aber gibt es nicht überall. Besonders kritisch sieht Nakoinz die großen Laufevents. „Insgesamt habe ich das Gefühl, es herrscht zu oft die Hoffnung vor, ‚es trifft uns nicht'“, sagt die Expertin: „Das Bewusstsein steigt, aber was fehlt ist Verbindlichkeit.“
Nakoinz‘ Forderung: Sportartübergreifende Regeln sowie klare Abbruchkriterien, an denen sich Veranstalter orientieren können und müssen. „Politik und Verbände müssen Entscheidungen treffen, die dann auch durchgezogen werden. Dann gäbe es Rechtssicherheit“, sagt sie. „Dann könnten sich Veranstalter auch dagegen versichern, denn das wirtschaftliche Risiko ein Event abzusagen, ist eben riesenhoch.“
Bislang werde zu viel Verantwortung auf die Athleten abgeschoben. Besonders bei Amateuren, die die körperlichen Grenzen schlechter einschätzen könnten, sei das gefährlich. „Wer zwölf Monate für einen Halbmarathon trainiert hat, der nimmt dann nicht nicht daran teil“, befürchtet Nakoinz.
Langfristig würden Events häufiger in kühleren Monaten stattfinden müssen. Zudem gelte es „klimaangepasste Sportstätten“ zu bauen, sagt die Ärztin. Kurzfristig helfen vor allem leicht umsetzbare Maßnahmen. Wo es möglich ist, für Schatten sorgen, Kühlwesten beim Radsport, viele Wasserstellen beim Halbmarathon.
Nakoinz‘ Fazit: „Wenn man vorbereitet ist und die Sicherheit der Sportlerinnen und Zuschauer sicherstellen kann, dann kann man das schon machen.“ Aber: „Ob das auch möglich ist, ist eine ganz andere Frage.“