London (SID) Alexander Zverev zieht nach seiner Extraschicht erstmals ins Viertelfinale von Wimbledon ein und trifft auf seinen Angstgegner. Jan-Lennard Struffs märchenhafte Reise endet.
Alexander Zverev pustete einmal kräftig durch und reckte dann triumphierend die Arme in die Luft, Jan-Lennard Struff schritt am Ende seines Wimbledon-Märchens unter Standing Ovations von Court 1: Während French-Open-Sieger Zverev nach einem durchwachsenen Auftritt erstmals das Viertelfinale im All England Club erreichte und nun bei der Titeljagd auf seinen Angstgegner Taylor Fritz trifft, verpasste der Warsteiner Struff bei seiner Premiere in der Runde der letzten acht gegen den italienischen Topfavoriten Jannik Sinner eine Sensation.
„Wer hätte gedacht, dass ich nur zwölf Jahren brauchen würde, um hier so weit zu kommen„, sagte Zverev augenzwinkernd und blickte sogleich Richtung Finale: „Natürlich möchte ich hier noch drei Matches bestreiten.“
Nachdem Zverev im Duell mit dem an Nummer 13 gesetzten Tschechen Jiri Lehecka vor der Sperrstunde am Montagabend klar auf Siegkurs gelegen hatte, wackelte er nach dem Restart zunächst bedenklich. Doch der Hamburger verhinderte ein weiteres Achtelfinal-Drama auf dem ehrwürdigen Centre Court und feierte durch das 6:4, 7:5, 3:6, 7:6 (8:6) seinen ersten Sieg in Wimbledon gegen einen Top-20-Spieler. Im vierten Anlauf im Achtelfinale gelang ihm endlich der Einzug in das Viertelfinale.
Doch damit gibt sich Zverev nicht zufrieden – schließlich soll es in diesem Jahr auf dem „heiligen Rasen“ noch viel weiter gehen. Mit Fritz wartet nun aber eine für Zverev zuletzt unlösbare Aufgabe: Die vergangenen sieben Spiele verlor der Tokio-Olympiasieger gegen den US-Amerikaner allesamt, darunter jüngst auch im Halbfinale bei den Terra Wortmann Open in Halle/Westfalen sowie 2024 im Achtelfinale von Wimbledon.
Für Struff endete sein Abenteuer beim bedeutendsten Tennisturnier des Jahres gegen Sinner, das Highlight im Londoner Südwesten war dennoch ein riesiger Erfolg. Vor dem Rasenklassiker hatte er seit Oktober bei keinem Turnier im Hauptfeld zwei Matches gewonnen. Nun feierte Struff im 47. Anlauf seine Viertelfinal-Premiere bei einem der vier großen Turniere. Mit seinen 36 Jahren ist er zudem der älteste Spieler, der seit der Einführung des Profitennis 1968 zum ersten Mal in der Runde der letzten acht in Wimbledon und überhaupt bei einem Grand Slam stand.
Bei seinen vier vorangegangenen Siegen in Wimbledon hatte Struff mit seiner kämpferischen Einstellung die Herzen des Publikums erobert, immer wieder arbeitete er sich aus schier aussichtslosen Situationen. Und so war die Unterstützung auch vor dem Duell mit dem schier übermächtigen Sinner groß. „Was für ein geiles Turnier, dass du spielst. Und ich würde sagen: Wenn man Sinner schlagen kann, dann nach den Auftritten von dir bisher“, sagte Rio-Weltmeister Mats Hummels in einer Grußbotschaft bei Instagram. „Viel Glück„, ergänzte dessen früherer DFB-Teamkollege Benedikt Höwedes, „ganz Deutschland drückt dir die Daumen.„
Gegen einen wieder nicht überragenden Sinner zeigte Struff beim Temperaturen um die 30 Grad eine gute Leistung. Doch während er sich in den entscheidenden Momenten Fehler leistete, blieb der Italiener unter Druck stets cool und setzte sich nach 2:35 Stunden Spielzeit durch.
„Im dritten Satz ist mir die Energie für ein, zwei Spiele weggegangen. Das hat er gnadenlos ausgenutzt„, sagte Struff bei Prime. Er sei aber „sehr stolz“ auf eine „unglaublich gute Zeit in Wimbledon“ und wolle „viele positive Dinge mitnehmen„.
Struff sei „ein sehr, sehr harter Gegner“ gewesen, adelte Sinner im Anschluss seinen Gegner: „Er verdient alles, was er in seiner Karriere erreicht hat. Er ist eine großartige Person abseits des Platzes.“
Der Südtiroler zog zum dritten Mal in die Vorschlussrunde von Wimbledon ein, wo eine Neuauflage des letztjährigen Halbfinals gegen Major-Rekordgewinner Novak Djokovic wartet. Der Serbe gewann im längsten Wimbledon-Viertelfinale der Geschichte im Männer-Einzel nach 5:15 Stunden 7:6 (12:10), 3:6, 6:3, 6:7 (4:7), 7:6 (10:4) gegen den kanadischen Weltranglistendritten Félix Auger-Aliassime.