Berlin (SID) Nike Lorenz beendete im vergangenen Jahr ihre Hockey-Karriere. Die ehemalige DHB-Kapitänin spricht offen über den steinigen Weg auf der Suche nach Orientierung.
„Wohin mit mir?“ Diese so simple und doch so große Frage treibt Nike Lorenz derzeit um. Jahrelang bot der Sport der ehemaligen Kapitänin der Hockey-Nationalmannschaft einen Rahmen. Das nächste große Turnier stets in Sicht – etwas, auf das man mit aller Leidenschaft und Energie hinarbeiten kann. Doch was passiert, wenn all das auf einmal wegbricht?
„Im Hockey denkt man immer im Vierjahresrhythmus der Olympischen Spiele, dazwischen bieten einem die Europa- und Weltmeisterschaften Orientierung. Auf einmal gab es diese nächsten Ziele nicht mehr. Das hat mich richtig verunsichert“, schildert Lorenz im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).
Vor etwas mehr als einem Jahr trat die 28-Jährige nach 196 Länderspielen aus der Nationalmannschaft zurück, anschließend war auch im Verein Schluss. Eine bewusste Entscheidung. Jahrelang habe der Sport über allem gestanden, erzählt Lorenz: „Er hatte Einfluss darauf, wo ich studiere, welche Menschen ich kennenlerne, auf meine romantischen, freundschaftlichen und familiären Beziehungen. Er hat entschieden, wie ich mich ernähre, wann und wo ich in Urlaub fahre.“ Dass es das in dieser Form nicht mehr geben werde, sei auch „etwas Befreiendes“.

Zwar sei sie darauf eingestellt gewesen, dass ihr in Zukunft „nichts eine vergleichbare Orientierung geben würde“, doch zumindest teilweise habe sie sich das von der Arbeitswelt erhofft, erzählt die zweimalige Vizeeuropameisterin. Doch dort habe sie „keinen Ansatz gesehen, wonach ich mich ausrichten möchte. Dadurch hat sich das nicht mehr befreiend, sondern überfordernd angefühlt.“
Seinen Platz in einem neuen Lebensabschnitt finden zu müssen – etwas, das viele Menschen auch außerhalb des Profisports kennen. Lorenz geht mit diesem Thema offen auf Social Media um und spricht damit vielen aus der Seele. „Überrascht“ war sie jedoch von dem großen Altersspektrum, aus dem sie Nachrichten erreichten. Das Problem, sich irgendwo reinfinden zu wollen und gleichzeitig festzustecken, gebe es in „vielen Lebensphasen“.
Auch Lorenz ist noch nicht am Ende ihrer Suche angekommen, weiß aber mittlerweile damit umzugehen. Im vergangenen Jahr sei sie noch in „gewissen Denkmustern“ gefangen gewesen. Durch den Sport habe Erfolg für ihr Selbstwertgefühl „eine große Rolle“ gespielt, erklärt Lorenz, die unter anderem 2016 Olympia-Bronze gewann.
Doch wie sieht Erfolg in der Arbeitswelt aus? „Zuerst war da der Gedanke: natürlich, großes Unternehmen, große Verantwortung, viel Geld. Das hat mich mega eingeschränkt in meiner Denkweise“, sagt Lorenz. Durch den Sport habe sie aber auch gelernt, „dass dich Erfolg gar nicht glücklich macht. Es ist immer auch das Streben nach etwas anderem. Wir tun so, als sei Erfolg eine Ziellinie, du kommst aber nie an.“
Irgendwann habe sie hinterfragt, was Erfolg für sie bedeute, erzählt Lorenz: „Mir sind Leidenschaft, Sinn, Wirkung und Freiheit in dem, was ich tue, wichtig. Egal, wo mich das am Ende hinführt, es wird okay sein.“
Einen Traum hat sie aber. Gerne würde Lorenz, die sich auch abseits des Feldes schon immer engagiert hat, etwas gegen die Drop-out-Quote von Mädchen im Sport tun. Sie selbst habe diesem „so viel“ zu verdanken: „Ich glaube, dass es uns allen hilft, ambitionierte Frauen in unserer Gesellschaft groß werden zu lassen, die sich früh genug von Zwängen befreien und machen, worauf sie Bock haben.“