Mailand (SID) Olympia in Mailand und Cortina hat offiziell begonnen. Stars, Emotionen und Sicherheitsdruck prägten den Start der vierten Spiele in Italien.

Eishockey-Star Leon Draisaitl schwenkte beherzt die deutsche Fahne in Mailand, Katharina Schmid ließ Schwarz-Rot-Gold vor den Skisprungschanzen in Predazzo regelrecht fliegen: Die ersten Winterspiele in Zentraleuropa seit 20 Jahren und die am weitesten verzweigten in der olympischen Geschichte sind feierlich eröffnet. Zum Finale einer opulenten, mitunter knalligen Show voller italienischem Pathos erleuchteten erstmals gleich zwei olympische Feuer die Nacht: in den gut vier Autostunden voneinander entfernten Hauptorten Mailand und Cortina d’Ampezzo.
Der rituelle Höhepunkt der Entzündung gebührte um 23.26 Uhr den letzten von offiziell 10.001 Fackelläufern, den italienischen Skilegenden Alberto Tomba, Deborah Compagnoni und Sofia Goggia. Italiens Präsident Sergio Mattarella sprach zuvor in der Fußball-Oper von San Siro im Beisein von rund 50 Staatsgästen um Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die traditionelle Eröffnungsformel. An Glanz mangelte es nicht, Weltstars wie US-Diva Mariah Carey („Volare“) oder Star-Tenor Andrea Bocelli („Nessun Dorma“) schmachteten und schmetterten vor den Zuschauern auf den nicht komplett gefüllten Rängen.

„Durch euch sehen wir das Beste in uns. Wir sind alle eins. Möge die Flamme Hoffnung und Freude entfachen“, sagte Kirsty Coventry, die Nachfolgerin von Thomas Bach an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees, in ihrer Rede an die Adresse der Athletinnen und Athleten – und verlieh einmal mehr ihrer Hoffnung Ausdruck auf 16 spektakuläre Entscheidungstage, in denen die globalen Krisen ein wenig in den Hintergrund rücken mögen.

Das gelang schon am Freitag im Rahmen der Show unter dem Motto „Armonia“ (Harmonie) nicht immer: Als Israels Delegation einlief, setzte es laute Pfiffe und Buhrufe, ähnlich reagierte das Publikum bei Einblendung des anwesenden US-Vizepräsidenten JD Vance.
6000 Polizisten und 2000 Militärangehörige waren rund um die Zeremonien im Einsatz, nachdem – zusätzlich zu den Protesten gegen den Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE zum Schutz von Vance – bekannt wurde, dass Russland Cyberattacken auch auf Standorte der Winterspiele lanciert hatte.
Um 21.18 Uhr führten Olympia-Debütant Draisaitl (30) sowie die siebenmalige Skisprung-Weltmeisterin Schmid (29) das Gros der 130 deutschen Athletinnen und Athleten beim Einzug an. Draisaitl war hellauf begeistert: „Das ist ein Moment, den ich niemals vergessen werde. Wahrscheinlich der größte Moment in meinem Leben bis jetzt.“
Weitere Feiern fanden parallel im Alpen-Kleinod Cortina und in Livigno statt – wobei diese und die in Predazzo im Vergleich zur Hauptzeremonie minimalistisch gehalten waren und ohne jegliche Elemente zu Oper, Italo-Pop, Malerei, Schauspiel, Mode, Kulinarik oder Historie auskamen.

Passend zur Modemetropole Mailand liefen im Herzen des Stadions von AC und Inter Mailand vier Laufstege zu einer Bühne zusammen. Die Feier enthielt wie üblich viele nationale Elemente. Dem im Vorjahr verstorben Modedesigner Giorgio Armani etwa wurden ebenso Huldigungen zuteil wie dem Multi-Genie Leonardo da Vinci, an dessen Werke auch das Design der goldenen Kessel angelehnt ist, die in den kommenden zwei Wochen am Arco della Pace in Mailand und an der Piazza Dibona in Cortina die Flammen beherbergen. Rund 1250 Freiwillige wirkten auf den Bühnen mit, weitere 700 hinter den Kulissen.
Insgesamt ist Team D mit der Winter-Rekordzahl von 185 Sportlern in Norditalien vertreten. Das erklärte Ziel ist, nach den 116 Wettbewerben bis zur Schlussfeier am 22. Februar einen der ersten drei Plätze im Medaillenspiegel einzunehmen. 2022 in Peking standen zwölf Goldmedaillen und Rang zwei hinter Norwegen zu Buche.
Die Anziehungskraft Olympias für die Sportler ist ohnehin ungebrochen, ungeachtet der großen Entfernungen. Bestes Beispiel ist der für die Edmonton Oilers in der NHL spielende Draisaitl, der erst am Freitagmorgen nach einem Zwölf-Stunden-Flug in Mailand gelandet war. Die Reise soll sich nicht nur für ihn lohnen.
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Wann und wo finden die Olympischen Spiele statt?
Bei den 25. Winterspielen mit den Hauptorten Mailand und Cortina d’Ampezzo (6. bis 22. Februar) werden die Reformen durch das Internationale Olympische Komitee sichtbar: Weitgehend werden bestehende Anlagen genutzt, entsprechend verzweigt sind die Austragungsorte. Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf und Shorttrack finden in der norditalienischen Metropole Mailand statt, der Rest in teils fünf Autostunden entfernten Bergorten: Cortina d’Ampezzo (Ski alpin Frauen, Rodeln, Bob, Skeleton und Curling), Bormio (Ski alpin Männer, Skibergsteigen), Livigno (Ski Freestyle, Snowboard), Val di Fiemme (Ski nordisch) und Antholz (Biathlon). An 13 Wettkampfstätten geht es in 116 Entscheidungen um Medaillen.
Wie viele Sportler sind am Start?
Rund 2900 Athletinnen und Athleten sind dabei, davon 185 aus Deutschland – so viele wie nie zuvor bei Winterspielen. Deutsche Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier sind Eishockey-Star Leo Draisaitl und die siebenmalige Skisprung-Weltmeisterin Katharina Schmid. Sportler aus Russland und Belarus dürfen wegen des Ukraine-Kriegs weiter nur nach vorheriger Gesinnungsprüfung als neutrale Einzelathleten teilnehmen.
Gab es im Vorfeld Probleme?
Natürlich rollten auch diesmal die Bagger, und zwar nicht nur für Renovierungen. In Cortina etwa wurde gegen den Willen des IOC ein neuer Eiskanal errichtet, auch der schleppende Baufortschritt bei der neuen Eishockey-Halle Santagiulia in Mailand sowie die (zu) klein geratene Eisfläche sorgten für Schlagzeilen. Dazu kamen kurzfristig die Proteste gegen den geplanten Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE am Rande der Eröffnungsfeier. Rund 6000 Sicherheitskräfte werden am Freitag in Mailand im Einsatz sein.
Was ist neu im Programm?
Einzige neue Sportart ist Skibergsteigen. Dazu wurden Wettbewerbe in etablierten Sportarten aufgenommen, u.a. Skeleton Mixed-Team, Rennrodel-Doppelsitzer der Frauen, Einzel-Skispringen der Frauen auf der Großschanze. Weiter nicht eingeladen sind die Nordischen Kombiniererinnen – obwohl das IOC Geschlechterparität propagiert und 47 Prozent der Olympia-Starter Frauen sind. Aber die gesamte Sportart steht auf dem Prüfstand, 2030 in den französischen Alpen werden entweder beide Geschlechter vertreten sein oder die NoKo aus dem olympischen Programm ausscheiden.
Wie sind die deutschen Medaillenaussichten?
Anders als bei Sommerspielen ist Deutschland im Winter insgesamt weiter eine der stärksten Nationen – das liegt vor allem an der Überlegenheit in der Eisrinne. 2022 in Peking gab es für Team D zwölf Goldmedaillen, neun davon in Bob, Rodeln oder Skeleton. Olaf Tabor, Vorstand Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) setzt auch diesmal darauf, dass die Eisbahn „eine goldene“ wird. Ziel ist ein Platz unter den Top 3 im Medaillenspiegel.
Wer sind die Stars der Spiele?
Erstmals seit Sotschi 2014 sind wieder die Eishockey-Cracks der NHL dabei, angeführt vom Kanadier Connor McDavid und Deutschlands Topstar Draisaitl. Besonderen Glamour versprechen die Auftritte der US-Stars Lindsey Vonn und Mikaela Shiffrin (Ski alpin) sowie des „Vierfach-Gottes“ Ilia Malinin im Eiskunstlauf.
Wie kann man die Olympischen Spiele verfolgen?
Rund 1,2 Millionen Tickets standen zum Verkauf. Italiens Tourismusministerium rechnet aber mit gut zwei Millionen Besuchern im Zuge der Spiele. Wer in Deutschland die Wettbewerbe sehen will, wird wie bei den vergangenen Auflagen von ARD, ZDF und Eurosport/HBO Max in TV und Stream vom Vormittag bis zum späten Abend umfassend versorgt. Die öffentlich-rechtlichen Sender kündigten jeweils mehr als 100 Live-Stunden im TV und 700 in Streams an. Die ersten Wettbewerbe begannen bereits am Mittwoch, zwei Tage vor der Eröffnungsfeier.