Chicago (SID) Für die DFB-Auswahl beginnt ihr amerikanischer Traum. Dabei kämpft das Team auch mit den äußeren Umständen.
Bei der Passkontrolle nach der Einreise mussten sich Bundestrainer Julian Nagelsmann und seine Nationalspieler noch ein wenig in Geduld üben – nach der Ankunft von Nachzügler Kai Havertz und der ersten Nacht im Nobelhotel in Chicago aber legten sie richtig los. Der Bundestrainer bat seine Mannschaft am Mittwoch um 11.00 Uhr Ortszeit auf das Gelände von MLS-Klub Chicago Fire zu einem Geheimtraining, die Akklimatisierung soll schließlich so schnell wie möglich erfolgen.

„Jeder weiß, was bevorsteht. Jeder ist sehr motiviert. Man hat das Gefühl, dass sich jeder extrem reinhaut“, fasste es Kapitän Joshua Kimmich zusammen. Havertz traf nach dem verlorenen Champions-League-Finale unter großem Hallo im Waldorf Astoria ein, für die WM-Generalprobe am Samstag gegen die USA (20.30 Uhr MESZ/RTL) hat Nagelsmann dem Offensivspieler bereits einen Startelfeinsatz zugesichert.
Angesichts des Anstoßes um 13.30 Uhr Ortszeit könnte der letzte Test nicht nur sportlich einen Vorgeschmack auf das XXL-Turnier geben: Bei schwülwarmen Temperaturen sind auch Gewitter möglich. Davon bekam die DFB-Auswahl bei einem kleinen Spaziergang zum Lake Michigan und der ersten Einheit im strahlenden Sonnenschein in der „Windy City“ noch nichts mit, doch schon am Donnerstag sollen die Temperaturen in der drittgrößten US-Metropole auf 30 Grad klettern.
Die klimatischen Bedingungen könnten auch bei der am 11. Juni beginnenden WM in den USA, Mexiko und Kanada ein entscheidender Faktor werden. Als Entschuldigung will Nagelsmann das aber nicht gelten lassen. „Das Wichtigste ist, dass das Klima für alle Teams gleich ist“, sagte der 38-Jährige. Natürlich gebe es Mannschaften, „die es vielleicht mehr gewöhnt sind als wir. Aber ich finde, dass sehr viel davon abhängt, wie du das als Trainer und als Trainerteam vorlebst.“
In den klimatisierten Zimmern ihres Fünf-Sterne-Hotels kommen Manuel Neuer und Co. erwartungsgemäß nicht ins Schwitzen. Doch neben den Profis des FC Bayern und von Borussia Dortmund, die im vergangenen Jahr bei der Klub-WM teils leidvolle Erfahrungen mit dem Klima in den USA gemacht haben, weiß auch Rudi Völler, was auf die DFB-Stars zukommen kann.

„Selbst wenn einer ein bisschen mehr gewöhnt ist, sind 40 Grad trotzdem warm“, sagte der DFB-Sportdirektor, der 1994 beim letzten WM-Vorrundenspiel gegen Südkorea in Dallas (3:2) mit einer außergewöhnlichen Bitte an Coach Berti Vogts herangetreten war. „Berti wollte mich eigentlich aufstellen. Ich sagte zu ihm: Berti, ich bin 34 Jahre alt, das wäre mir zu heiß. In der nächsten Runde ja, gerne, aber nicht heute“, berichtete Völler und ergänzte zur Beruhigung: „Dallas hat mittlerweile ein Dach, da ist es zehn Grad kühler. Man kann da mittlerweile Fußball spielen.“
Der Weg der DFB-Auswahl zum fünften Stern führt erst mal ohnehin nicht über Dallas. Nagelsmann und die medizinische Abteilung sind dennoch gefordert. „Wir haben ein hervorragendes medizinisches Team, das extrem viele Maßnahmen getroffen hat, um die Körpertemperatur runterzukühlen während des Spiels“, sagte der Bundestrainer, der zudem die Trinkpausen in den beiden Halbzeiten begrüßt. Im Training würden sich die Spieler dann auch mal „ein eiskaltes Handtuch in den Nacken“ legen. So könne man „die Trainingsqualität und die Frische der Spieler aufrechthalten“.
Nach Ausreden suchen diese aber nicht. Es sei zwar „nicht leicht“, räumte Nico Schlotterbeck ein: „Aber jeder spielt mit den gleichen Bedingungen, deswegen hoffe ich, dass wir das am besten hinkriegen.“
Und so schlimm wie 1994 muss es ja nicht werden. Jürgen Kohler bekam damals sogar den berühmten Stinkefinger von Stefan Effenberg gegenüber den Fans gar nicht mit. „Es war so heiß, ich hatte gar keine Energie, auf irgendetwas anderes außer den Ball zu schauen“, sagte der Weltmeister von 1990.



WAS STEHT AN?
Vom 11. Juni bis 19. Juli steigt in den USA, Mexiko und Kanada die Fußball-Weltmeisterschaft – das größte Turnier der FIFA-Geschichte. Insgesamt 48 Nationalteams kämpfen in 104 Spielen um den Titel. Das Eröffnungsspiel steigt im legendären Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, das Finale im MetLife Stadium in New York. Für viele Fans in Europa bedeutet das allerdings ein besonderes Stehvermögen: Zahlreiche Partien werden wegen der Zeitverschiebung erst spätabends oder nachts angepfiffen.
WER SIND DIE FAVORITEN?
Titelverteidiger Argentinien gehört mit Superstar Lionel Messi erneut zum engsten Favoritenkreis – auch wenn offen ist, welche Rolle der inzwischen 38-Jährige noch spielen wird. Ebenfalls hoch gehandelt werden WM-Dauerbrenner wie Frankreich, Spanien, England und Brasilien. Besonders Europameister Spanien reist mit einer jungen, technisch hoch veranlagten Mannschaft an. Frankreich besticht durch enorme individuelle Qualität von Spielern wie Kylian Mbappé. Allerdings: Bislang gab es außerhalb des europäischen Kontinents mit Spanien (2010 in Südafrika) und Deutschland (2014 in Brasilien) erst zwei Weltmeister aus Europa.
WIE STEHEN DIE DEUTSCHEN CHANCEN?
Unter Bundestrainer Julian Nagelsmann wirkt die Mannschaft nach den enttäuschenden Turnieren der vergangenen Jahre stabiler. Ein Titelgewinn wäre nach den Vorrunden-Blamagen von 2018 und 2022 dennoch eine große Überraschung. Das Achtelfinale scheint realistisch, danach wird vieles von Form, Auslosung und Momentum abhängen. In der Vorrunde warten zunächst Curacao (14. Juni), die Elfenbeinküste (20. Juni) und Ecuador (25. Juni) als Gegner auf die DFB-Elf.
WAS IST NEU?
Die WM wird größer denn je: Statt bislang 32 nehmen erstmals 48 Teams teil. Dadurch steigt die Zahl der Spiele von 64 auf 104. Von den zwölf Vierergruppen erreichen jeweils die zwei besten Mannschaften sowie die acht besten Gruppendritten die K.o.-Runde. Dadurch gibt es erstmals ein Sechzehntelfinale, für die Finalisten steigt die maximale Zahl der Spiele somit von sieben auf acht. Außerdem wird das Turnier erstmals in drei Ländern gespielt – den USA, Mexiko und Kanada. Für die FIFA ist die WM ein gigantisches Prestigeprojekt, Kritiker sprechen dagegen von einer weiteren Aufblähung des Kalenders.
WARUM STEHT DAS TURNIER IN DER KRITIK?
Kritisiert werden vor allem die teilweise extrem hohen Ticketpreise und die starke Kommerzialisierung des Turniers. Zudem sorgt die politische Bühne in den USA für Diskussionen. FIFA-Präsident Gianni Infantino pflegt ein demonstrativ gutes Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump, was vielen Beobachtern zu nah erscheint. Auch Sicherheitsfragen und mögliche Einreiseprobleme für Fans werden angeprangert.
WELCHE STARS SIND DABEI?
Die WM dürfte die letzte große Bühne für Messi (38) und wohl auch für den Portugiesen Cristiano Ronaldo (41) werden. Für beide wäre es WM-Teilnahme Nummer sechs – das wäre neuer Rekord. Im Fokus stehen außerdem der Franzose Mbappé (27), der Engländer Harry Kane (32), der Spanier Lamine Yamal (18) sowie der Brasilianer Vinícius Júnior (25). Viele Experten erwarten ein Turnier der neuen Generation, wozu mindestens Messi, Ronaldo und wohl auch Kane nicht mehr gehören.
WELCHE ROLLE SPIELT DAS WETTER?
Eine große. Vor allem in den USA werden im Sommer Temperaturen deutlich über 30 Grad erwartet. Deshalb plant die FIFA bei großer Hitze zusätzliche Trinkpausen während der Spiele. Einige Begegnungen könnten sogar unter extrem schwülen Bedingungen stattfinden – ein möglicher Wettbewerbsfaktor, auf den es sich vorzubereiten gilt. Immerhin: in Atlanta, Dallas (Arlington) und Houston wird in geschlossenen, klimatisierten Arenen gespielt.
WO SIND DIE SPIELE ZU SEHEN?
In Deutschland zeigt die Telekom mit einem Abo von MagentaTV alle 104 WM-Spiele live, davon 44 exklusiv. ARD und ZDF übertragen insgesamt 60 Partien im Free-TV, darunter die Spiele der deutschen Nationalmannschaft, das Eröffnungsspiel, die Halbfinals und das Finale.