Sport-Informations-Dienst (SID)

Birmingham als neues München: Deutsches Team mit goldenen EM-Aussichten – Fragen und Antworten zur Leichtathletik-EM

August 2026

Birmingham (SID) Angeführt von Leo Neugebauer und Malaika Mihambo reist das deutsche Leichtathletik-Team mit hohen Erwartungen zur EM nach Birmingham.

Leo Neugebauer geht auf die Suche nach dem perfekten Wettkampf, Malaika Mihambo auf die Jagd nach dem Gold-Triple und Owen Ansah in den schwersten Wettkampf seiner Karriere: Mit vielen großen Hoffnungen und einem großen Fragezeichen reisen die deutschen Leichtathleten zur am Montag beginnenden EM in Birmingham. Dort möchte der DLV weitermachen, wo er bei den letzten „vollwertigen“ Europameisterschaften beim rauschenden Heimspiel in München aufgehört hatte.

Quelle: AFP, Leo Neugebauer (r)

Zu den Führungsfiguren von 2022, als Deutschland die Nationenwertung gewann, sind neue hinzugekommen. Zuvorderst Neugebauer: Der Zehnkampf-Weltmeister von Tokio hat seinen ersten EM-Titel fest im Blick und brennt vor Ehrgeiz. „Ich hatte noch nie irgendeinen perfekten Zehnkampf. Es lief ja immer irgendwas ein bisschen schief“, sagte Neugebauer dem SID. Vielleicht ändert sich das ja schon in Birmingham, wo er im kleinen, aber atmosphärisch großen Alexander Stadium „einfach einen geilen Wettkampf“ erwartet.

Der „unperfekte“ Neugebauer ist mit seinem deutschen Rekord (8961 Punkte) sechstbester Zehnkämpfer der Geschichte – kaum vorstellbar, wo es da an zwei perfekten Tagen hingehen kann. 9000 Punkte? „Das ist echt möglich“, sagte Neugebauer beim DLV-Medientermin vor dem Abflug. Schon dieses Jahr? „Never say never!“

Mit seinem Anspruch, immer nach dem Bestmöglichen zu streben, ist Neugebauer neben Mihambo das Gesicht der deutschen Leichtathletik geworden. Die Weitsprung-Olympiasiegerin von Tokio zeigt sich auch nach anderthalb Jahrzehnten in der Weltklasse ambitioniert wie immer. „Ich bin hoch motiviert und weiß, dass noch einiges in mir steckt“, sagt die Heidelbergerin, die bei ihrer sechsten EM die fünfte Medaille und im Idealfall den dritten Titel holen will.

Vor zwei Jahren in Rom hatte Mihambo bei der wegen der folgenden Olympischen Spiele mit leicht reduziertem Programm ausgetragenen EM das einzige DLV-Gold geholt. Dass nun eher München 2022 (sieben Titel) der Maßstab ist, resultiert auch aus einem unwahrscheinlichen Leistungssprung der deutschen Läufer – auch wenn die Werfer mit Ex-Europameister Julian Weber (Speer) und Hammer-Vizeweltmeister Merlin Hummel ebenfalls Top-Aussichten haben.

AFP, Maleika Mihambo

Doch für die größten Schlagzeilen sorgten die Bahn-Asse, die auch ohne den verletzten Mo Abdilaahi chancenreich wie selten antreten: Emil Agyekum (Hürdenrunde), Robert Farken (1500) und Langstreckler Amanal Petros liefen in der EM-Saison deutsche Rekorde, Frederik Ruppert pulverisierte den Hindernis-Europarekord. „Edelmetall ist das Mindestziel, aber ich habe mich natürlich für eine Goldmedaille vorbereitet“, sagt Ruppert.

Offensiv laufen, offensiv reden – diesem Trend würde gerne Owen Ansah folgen. Doch der schnellste Deutsche der Geschichte kann derzeit zweiteres nicht und ersteres nur unter Vorbehalt. Dem Hamburger droht eine mehrjährige Sperre, seit er Anfang Juli wegen „Reisestress“ einen Dopingtest verweigert hatte. Ein Urteil steht aus, deshalb darf Ansah bei der EM über 100 und 200 m sprinten.    

„Ich habe ein superstarkes Team hinter mir, dadurch habe ich den Kopf frei“, sagt Ansah, der im Juni den deutschen 100-m-Rekord auf 9,98 Sekunden gedrückt hatte. Sein Fall wird in Birmingham aber international zum Thema werden, Ansah gehört zu den Medaillenkandidaten. Und der DLV muss klären, ob Ansah bedenkenlos in der Staffel laufen kann – womöglich könnte eine Sanktion auch die rückwirkende Streichung von Ergebnissen beinhalten.

Bislang schafft es der 25-Jährige, trotz der finsteren Gemengelage seine Leistung abzurufen. Und, vor allem: Mit seinem abgeklärten, besonnenen Auftreten die glänzende EM-Stimmung im deutschen Team nicht zu verdüstern.

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Fragen und Antworten zur Leichtathletik-EM

London war 2017 Gastgeber der Leichtathletik-WM, nun finden 92 Jahre nach der Premiere erstmals Europameisterschaften in Großbritannien statt. Vom 10. bis 16. August werden in Birmingham 51 Entscheidungen ausgetragen. Der SID beantwortet die wichtigsten Fragen zum Großereignis. 

Quelle: AFP, Julian Weber

Wie groß ist der Stellenwert der EM?

Sehr groß. In nichtolympischen Jahren sind die Europameisterschaften der Saisonhöhepunkt für Europas Elite, dementsprechend starten alle (gesunden) Stars. 2024 wurde kurz vor den Sommerspielen von Paris wie üblich ein reduziertes Programm (ohne Marathon und lange Geh-Distanz) absolviert. Die deutsche Heim-EM 2022 in München stand im Schatten der WM von Eugene, die wenige Wochen zuvor mit einem Jahr Verspätung wegen der Corona-Krise ausgetragen wurde. Die letzte „konkurrenzlose“ EM gab es somit 2018 in Berlin. Zudem sind die Titelkämpfe eine wichtige Standortbestimmung auf halbem Weg zu den Olympischen Spielen 2028.   

Welche internationalen Stars starten?    

Zehn Weltmeister und Weltmeisterinnen von Tokio 2025 treten in Birmingham an, zudem sechs Olympiasieger und -Siegerinnen von Paris 2024. „A-Promi“-Status tragen vor allem die Weltrekordler Armand Duplantis (Schweden/Stabhochsprung), Karsten Warholm (Norwegen/400 m Hürden) und Jaroslawa Mahutschich (Ukraine/Hochsprung) sowie Italiens Tokio-Olympiasieger Marcell Jakobs (100 m/Staffel). 

Wie sind die deutschen Aussichten? 

Vor vier Jahren in München war Deutschland mit siebenmal Gold und 16 Medaillen erfolgreichste Nation. 2024 in Rom holte nur Weitspringerin Malaika Mihambo Gold, insgesamt elf Medaillen waren aber zufriedenstellend. Das München-Ergebnis scheint außer Reichweite, zu stark ist die Konkurrenz aus Großbritannien, Italien, Frankreich und den Niederlanden. Dennoch schickt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) diverse Titelkandidaten ins Rennen. Neben Tokio-Olympiasiegerin Mihambo (Weitsprung) reisen Leo Neugebauer (Zehnkampf), Julian Weber (Speerwurf), Frederik Ruppert (Hindernis) und Amanal Petros (Marathon) als Goldhoffnungen an. Große Medaillenchancen haben zum Beispiel Paris-Olympiasiegerin Yemisi Mabry (Kugel), Dauerbrennerin Gesa Krause (Hindernis) oder Emil Agyekum (400 m Hürden) und Robert Farken (1500 m) aus dem boomenden Männer-Laufbereich. Langstrecken-Ass Mo Abdilaahi musste verletzungsbedingt kurzfristig absagen.

Wie stellt sich die Lage bei Owen Ansah dar?

Schwierig. Der schnellste Deutsche, der im Juni den nationalen 100-m-Rekord auf 9,98 Sekunden drückte, hatte Anfang Juli „im Reisestress“ einen Dopingtest verweigert. Dem Hamburger droht eine mehrjährige Sperre. Eine Entscheidung der Nationalen Anti-Doping-Agentur steht aus. Weil Ansah nicht positiv getestet wurde, ist er nicht suspendiert und darf bis zum Urteil laufen – zuletzt wurde er deutscher Meister über 100 und 200 m. Bei der EM soll Ansah beide Einzelstrecken besetzen, über 100 m ist er Europas Nummer drei. Ob bei einer Sperre rückwirkende Sanktionen greifen, ist unklar – ein Staffel-Start Ansahs ist nicht risikofrei.  

Was ist neu?

51 Entscheidungen bedeuten eine Rekordzahl für Europameisterschaften. Neu dabei ist die 4×100-m-Mixedstaffel. Die Geher-Distanzen werden an die gängigen Laufdistanzen angeglichen: Statt 20 und 50 km – wie jahrzehntelang praktiziert – feiern nun Halbmarathon (21,0975 km) und Marathon (42,195) internationalen Premiere. 

Was ist mit Russland?

Der Kontinentalverband folgt der Linie des Weltverbandes, die Verbände Russlands und Belarus‘ sind wegen des Angriffs auf die Ukraine weiterhin vom internationalen Geschehen ausgeschlossen. Auch neutrale Athleten sind nicht zugelassen. Der russische Verband ist wegen Dopingvergehen bereits seit 2015 suspendiert.   

Was muss man über das Stadion wissen? 

Das Alexander Stadium ist nach den Fußball-Arenen Villa Park (Aston Villa) und St. Andrew’s Stadium (Birmingham City) sowie dem Edgbaston Cricket Ground nur das viertgrößte Stadion der 1,1-Millionen-Einwohner-Stadt Birmingham. Für die Commonwealth Games 2022 wurde das Alexander Stadium umgebaut, bei der EM fasst die kompakte Wettkampfstädte im Norden der Stadt 18.000 Zuschauer.

Wo ist die EM im TV zu sehen?

ARD und ZDF übertragen fast alle Wettkämpfe inklusive der Morgen/Mittag-Sessions im täglichen Wechsel im Hauptprogramm sowie im Stream. Auch Eurosport zeigt die EM im Free-TV und/oder Stream.