Paris/Köln (SID) Florian Wellbrock ist ein Phänomen. Er hat den deutschen Schwimmsport ganz allein aus der größten Krise seiner Geschichte gezogen. Er hat als erster deutscher Schwimmer nach mehr als drei Jahrzehnten Olympiagold gewonnen. Er ist mit zehn WM-Titeln, vor allem mit den neun davon im Freiwasser, in die Dimensionen der ganz Großen vorgestoßen.

Er hat aber auch Niederlagen eingesteckt, mal unerklärliche, mal erklärbare, aber immer schmerzhafte. Bei Weltmeisterschaften im Becken nach grandiosen Siegen im Freiwasser, oder im kalten Meer vor Becken-Medaillen, bei Olympia 2024 überall. Er ist schnell sehr steil aufgestiegen, abgestürzt, aber immer wieder hochgekommen. Wie im letzten Jahr mit dem historischen Vierfach-Gold von Singapur.
Dass Wellbrock jetzt auch noch den letzten fehlenden Titel seiner Karriere, das EM-Gold im Freiwasser, gewinnt, ist speziell. Nicht nur weil es in Paris geschah, wo er vor zwei Jahren so tief fiel. Sondern auch, weil er sich selbst nicht erklären kann, wie es geschah. Eigentlich war in dieser Saison nach starkem Beginn und den inzwischen gewohnten souveränen Siegen beim Weltcup-Auftakt so ziemlich alles schiefgelaufen.
Krankheitsbedingte Pausen, schwache Leistungen bei den weiteren Weltcups, die verpasste EM-Qualifikation im Becken – der ein oder andere fragte schon, ob es das für den inzwischen 28-Jährigen gewesen sein sollte. Ob Olympia 2028 in Los Angeles für ihn nicht zu spät käme.
Und dann besiegte er, nicht in der Dominator-Manier der letzten WM, aber kaum weniger beeindruckend, die versammelte Weltelite bei der EM auf der wichtigsten Freiwasserdistanz. Dieser Europatitel, der ihm erstaunlicherweise in seiner glänzenden Vita noch fehlte, ist sportlich nicht weniger wert als eine Weltmeisterschaft oder ein Olympiasieg. Denn alle Konkurrenten, die er in den letzten Jahren schlug oder die ihn schlugen, waren da. Und für sie alle war es der Saisonhöhepunkt.
Mit anderen Worten: Selbst wenn er nicht in Bestform ist, kann er jeden schlagen. Warum? Er selbst sprach von einer „mentalen Meisterleistung“. Seit der Olympiapleite hat er verstärkt daran gearbeitet, sich selbst den Druck zu nehmen und wieder mehr Spaß an seinem Sport zu finden. Wenn dann noch die Bedingungen so sind, wie er sie gerne hat – warmes, ruhiges, sauberes Wasser – dann ist er nicht zu stoppen. Und plötzlich ist ein Florian Wellbrock, der auch 2028 im Meer vor Los Angeles mit dann 30 Jahren triumphiert, gar nicht mehr so unrealistisch, wie es noch vor wenigen Wochen schien. Er ist halt ein Phänomen.