Paris (SID) Mit seinem Fabelweltrekord stellt Johannes Liebmann bei der EM seine prominenten Teamkollegen in den Schatten. Der 19-Jährige steht erst am Anfang.
Nach wenig Schlaf und frühem Aus im letzten EM-Rennen grinste Johannes Liebmann noch ein bisschen breiter. Freunde und Bekannte hatten in Elmshorn seinen Fabelweltrekord im Kuhstall geschaut. „Ich komme aus dem Norden, da lebt man manchmal auf dem Hof„, kommentierte Deutschlands neuer Schwimmstar am Morgen nach seinem historischen Triumph über 1500 m Freistil das ungewöhnliche Public Viewing in der Heimat.
Obwohl er als Kind Pilot werden wollte und im EM-Becken in Paris schon wieder allen davonflog, ist der 19-Jährige auf dem Boden geblieben – auch wenn er als „German Wunderkind“ und „neuer Superstar“ gefeiert wurde, der sogar bei Olympiasieger Lukas Märtens „Gänsehaut“ auslöste. „Ich bin froh, dass ich durch bin„, sagte der Abiturient, der seinen Europarekord beim Sieg über 800 m mit einem denkwürdigen Weltrekordrennen am Samstagabend noch übertrumpft hatte.

Weil er am Sonntagmorgen über 400 m das Finale deutlich verpasste, wollte der Doppel-Europameister am Abend zum Fan werden und seine Magdeburger Trainingskollegen und Vorbilder in den letzten EM-Rennen anfeuern. Und dann? „Ich freue mich auf meine freie Zeit mit meiner Freundin„, sagte Liebmann, „dann geht’s mit meinem Vater und meiner großen Schwester ins Allgäu, ein bisschen wandern„.
Während sich die überraschte Schwimmwelt wunderte, wer dieses „German Wunderkind„, wie ihn die offizielle Olympiaseite taufte, sei, gab Oliver Klemet die passendste Antwort. „Ein sehr bodenständiger Junge, immer sehr gut gelaunt, sehr fleißig, fragt sehr viel nach bei uns Älteren„, erzählte der Trainingskollege, der in Paris ebenfalls fleißig Medaillen sammelte: „Auch wenn er jetzt der neue Superstar ist, ist er noch wirklich sehr schüchtern.„
Klemets Wortwahl spielte Liebmann prompt bescheiden herunter: „Wir sind gut befreundet, wir bezeichnen uns gegenseitig manchmal als Superstars.“ Er habe „Riesenrespekt vor Olli und den anderen Großen„, fügte er an, „dass ich jetzt irgendwie an denen vorbeigekommen bin, kann ich immer noch nicht ganz fassen.„
Die Großen, das sind die Olympiasieger Märtens und Florian Wellbrock sowie der Olympiazweite Klemet, mit denen er seit seinem Umzug vor drei Jahren aus Schleswig-Holstein nach Magdeburg trainiert – „sie sind alle meine Vorbilder„, wie er vor der EM im SID-Interview sagte, „ich kopiere nichts, aber ich lerne gerne dazu.„
In atemberaubendem Tempo: Innerhalb eines Jahres verbesserte sich Liebmann erst um 13 Sekunden über 800 m und schwamm zweimal Europarekord. Am vorletzten EM-Tag pulverisierte er dann den Weltrekord des US-Olympiasiegers Bobby Finke über 1500 m, durchbrach als Erster die Schallmauer von 14:30 Minuten – und war über 26 Sekunden schneller als vor einem Jahr.
Wo soll das noch hinführen? „Schauen wir mal, wie es nächste Saison weitergeht„, antwortete Liebmann, der sich gerade einen anderen Kindheitstraum erfüllt. „Irgendwas Cooles mit Sport zu machen„, habe er sich gewünscht, „Fußballprofi oder so„. Jetzt wird er nach seinem Abitur Sportsoldat bei der Bundeswehr – und damit quasi Schwimmprofi.
Einer, der erst ganz am Anfang seiner Karriere steht – mit beiden Füßen auf dem Boden, aber scheinbar unendlichen Möglichkeiten.