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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Berlin (SID) Vor 25 Jahren hatte die DDR ihren letzten Auftritt bei Olympischen Spielen. Und was für einen: Mit 37 Goldmedaillen belegte das ostdeutsche Team den zweiten Rang in der Nationenwertung – noch vor den USA.

Als die Krise im Lande schon überall spürbar war und immer mehr Menschen die Flucht ergriffen, da liefen die Spitzen-Athleten der DDR noch einmal zur Höchstform auf. Bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul vor 25 Jahren holte das kleine Land (knapp 17 Millionen Einwohner) 37 Goldmedaillen und verwies am Ende sogar die USA (244 Millionen Einwohner) auf Platz drei. Noch ahnte niemand, dass es der Abschied von der Olympia-Bühne sein sollte.

Gleich mehrere DDR-Athleten schrieben vom 17. September bis 2. Oktober 1988 Geschichte. Olaf Ludwigs Triumph beim Straßenrennen und Henry Maskes Box-Gold im Mittelgewicht ließen die DDR auf großer Bühne noch einmal glänzen. Erfolgreichste Sportlerin der ersten Spiele Südkoreas war die Leipziger Schwimmerin Kristin Otto, die sechsmal Gold gewann. Auch die Ruderer (8-mal Gold) und Leichtathleten (6) trugen zum Gelingen bei.

„Die Olympischen Spiele in Seoul waren für mich ein unvergessenes Erlebnis. Der Olympiasieg war die Krönung meiner Karriere als Amateurradsportler“, sagte Ludwig dem SID. Der Sprinter aus Gera hatte in Seoul zuvor im Sattel versagt, ging mit viel Wut ins Rennen. „Als ich ihn beim Start sah, wusste ich: heute brennt die Luft“, erinnert sich Ludwigs Frau Heike, die den Triumph vor dem heimischen TV miterlebte.

Pikant: Der damals 28 Jahre alte Ludwig ließ in Bernd Gröne und Christian Henn gleich zwei Konkurrenten vom „Klassenfeind“ BRD hinter sich. „Der Sieg vor den beiden BRD-Fahrern war die vorweggenommene Wiedervereinigung“, schmunzelt Heike Ludwig noch heute. Ehemann Olaf stieg nach der Wiedervereinigung bei den Profis ein, gewann drei Etappen und das Grüne Trikot bei der Tour de France. Im Anschluss an die Karriere folgten Jahre als Funktionär und in leitenden Positionen bei Profiteams.

Auch Box-Gentleman Maske legte nach seinem Olympia-Gold im Mittelgewicht eine imposante Profi-Karriere hin. Im vereinten Deutschland begründete der heute 49-Jährige mit seinen Kämpfen beim Privatsender RTL einen Box-Boom und verteidigte seinen WM-Titel zehn Mal. Sein größter Kampf blieb jedoch der Sieg von Seoul gegen den Kanadier Egerton Marcus. „Der Moment, wenn Du weißt, eigentlich kann kein anderes Urteil kommen, und trotzdem wird es dann noch gesagt. Fantastisch“, erinnerte sich der gebürtige Brandenburger noch heute an das Highlight seiner Box-Karriere.

Ins Rampenlicht rückte auch der Segler Jochen Schümann. Der spätere „Weltsegler des Jahres“ gewann vor der Küste von Busan eine seiner drei Goldmedaillen. Der Köpenicker erlernte das Segeln auf dem Berliner Müggelsee und eroberte von da aus die Welt. Schümann, heute im bayerischen Penzberg beheimatet, vergoldete seine Karriere nach Olympia und Mauerfall ebenfalls bei den Profis. Als Sportdirektor des Schweizer Teams Alinghi gewann er 2003 und 2007 den America’s Cup.

Den Start bei Olympia und den Ausflug in die freie Welt genossen die DDR-Athleten auf ihre Weise. Christian Schenk, in Seoul als Sieger im Zehnkampf zum „König der Athleten“ gekrönt, hoffte auf besondere Begegnungen. „Ich erinnere mich noch gut an Seoul, als ich mit meinem Zehnkampf-Kollegen Torsten Voss beim Frühstück saß und dachte, wie es wäre, Steffi Graf zu treffen“, berichtete Schenk und gestand: „Als ich ihr dann später begegnet bin, habe ich Gänsehaut bekommen.“

Tennis-Queen Steffi Graf war damals schon ein gefeierter Star und setzte dem erfolgreichsten Jahr ihrer Karriere mit dem Sieg in allen vier Grand-Slam-Turnieren durch das Gold von Seoul die Krone auf. Fortan sprach man vom „Golden Slam““, erreicht hat dies bislang niemand mehr. Die langjährige Nummer eins der Tennis-Welt holte eine von insgesamt elf Goldmedaillen für die BRD, die in der Nationenwertung hinter der Sowjetunion, der DDR, den USA und Gastgeber Südkorea immerhin Platz fünf belegte.