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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

München (SID) Felix Neureuther erhebt sich nach einem langen Gespräch von seinem Platz, und plötzlich wird das ganze Ausmaß seiner Verletzung offensichtlich. Der Mann, der in den nächsten zwei Wochen Olympia-Medaillen für Deutschland holen soll, kommt kaum in seine dicke Winterjacke. Der Rücken zwickt, mal wieder.

„Ich brauche jetzt Ruhe“, sagt Neureuther. Wüsste man nicht, dass er trotz der Dauerbaustelle Rücken und anderer schmerzhafter Blessuren seit zwei Jahren Rennen um Rennen gewinnt, müsste man glauben, dass Neureuther den großen Erwartungen in Sotschi nie und nimmer gerecht werden kann. Aber der Ski-Rennläufer Felix Neureuther hat diese Rennen gewonnen, dazu Silber bei der WM 2013. Manchmal ist er mit gleich mehreren schmerzstillenden Spritzen im Rücken gefahren.

„Ein bisschen Pause, und dann geht’s schon wieder“, sagt Neureuther deshalb lapidar. Während Maria Höfl-Riesch, die andere große deutsche Ski-Hoffnung für Olympia, am 4. Februar ins Flugzeug steigte, ließ sich Neureuther noch pflegen.

Auf die Olympia-Generalprobe mit dem Riesenslalom in St. Moritz hatte er wegen der Rückenprobleme verzichtet. Auch, weil er nicht noch „sehr viel mehr kaputt machen“ wollte. Und um seinen Start bei den Spielen nicht zu gefährden.

Sotschi und dort eine, vielleicht sogar zwei Medaillen, das ist sein großes Ziel. Doch Neureuther denkt bereits über den Saisonhöhepunkt hinaus. Die vielen Verletzungen, der verkorkste Sommer mit der missglückten Knöchel-OP und jetzt die Rückenbeschwerden haben den einstigen Draufgänger nachdenklich gemacht. „Es gibt auch noch ein Leben nach dem Sport“, sagt er. Es klingt ein bisschen müde.

Wie schon im Sommer rennt Neureuther nun von Arzt zu Physiotherapeut zu Heilpraktiker, sitzt Stunden über Stunden im Auto, quält sich, hofft, bangt – immer das Ziel im Kopf: Fit werden für Olympia! Das, sagt er, „kostet so viel Energie. Deswegen habe ich auch gesagt, nach der Saison muss ich mir echt mal eine Auszeit nehmen – und mal weg von dem Ganzen.“ Denn so viel Energie sei in seinem Körper gar nicht mehr vorhanden.

Neureuther wollte nach der Saison auf eine Rucksacktour gehen. Aber, meint er scherzhaft, „das ist ja wieder schlecht für den Rücken“. Stattdessen will er jetzt „irgendwohin, einfach weg, auf eine einsame Hütt’n“. Er freue sich „brutal“ auf diesen „Traum“, den er sich da im Sommer verwirklichen werde. Auf dieser Hütte will er einer Entscheidung über seine Zukunft als Profisportler näherkommen.

Erste Antworten auf die Frage, ob sich die Quälerei noch lohnt, hat Neureuther bereits in dieser so erfolgreichen Saison gefunden. Drei Rennen hat er gewonnen, darunter zum zweiten Mal den Slalom-Klassiker in Kitzbühel und erstmals einen Riesenslalom. „Ich kann nur funktionieren, wenn ich Spaß habe“, sagt Neureuther. Und ja, er habe Spaß in diesem Winter. Trotz der ewigen körperlichen Leiden. Trotz oder gerade wegen der Konkurrenz mit Assen wie Ted Ligety oder Marcel Hirscher.

„Wildfremde Menschen“ seien ihm wegen seiner jüngsten Erfolge auf offener Straße um den Hals gefallen, erzählt Neureuther: „Es ist schön, wenn man die Leute mit so etwas Banalem wie Skifahren glücklich machen kann.“ Eigentlich sei er aber „ein zurückgezogener Mensch, der es extrem genießt, wenn er seine Ruhe hat“.

Davon wird er in Sotschi ab dem Tag seiner Anreise am 14. Februar kaum etwas finden. Doch seine Sehnsucht nach Stille ist groß. Nicht auszuschließen, dass sie nach Olympia stärker wird als die Gier nach neuen Siegen.