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September 2020

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Berlin (SID) Auch Feiern geht bei Pep Guardiola nur mit Stil. Mit etwas Rotwein und in möglichst sicherem Abstand zu den Party-Löwen im Team des neuen und alten deutschen Fußball-Meisters genoss der Star-Trainer im schicken grauen Designeranzug seinen ersten nationalen Titel mit Bayern München.

Für ein paar Stunden dürfte der Spanier einmal nicht an Balleroberung oder falsche Neun gedacht haben, ehe er sich um kurz nach vier Uhr in der Früh von der Münchner Meisterfeier aus der Kitty Cheng Bar in Berlin-Mitte verabschiedete.

Bis dahin hatte der Perfektionist in Guardiola für kurze Zeit Pause. „Wenn du etwas gewinnst“, sagte der 43-Jährige, „dann musst du das genießen. An einem Tisch, ein bisschen Rotwein, ganz kontrolliert.“

Kontrolle will Guardiola auch auf dem Platz sehen, in der Bundesliga-Saison haben seine Spieler diese Forderung nahezu perfekt umgesetzt. Der früheste Titel-Gewinn der Geschichte durch das 3:1 (2:0) bei Aufsteiger Hertha BSC trägt eindeutig Guardiolas Handschrift. Er hat den ohnehin dominierenden Triple-Sieger der Vorsaison in seiner neunmonatigen Amtszeit noch einmal einen Schritt nach vorne gebracht.

Er habe der Mannschaft „in punkto Dominanz und Ballbesitz klar seinen Stempel aufgedrückt“, schwärmte selbst Bundestrainer Joachim Löw. Wenn ein Trainer ein funktionierendes System „weiterführt und punktuell verändert“, sagte Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer, „dann muss das ein ganz großer Trainer und ein großer Mensch sein.“ Neben den unbestrittenen fachlichen Qualitäten zeichne Guardiola auch seine ganz spezielle Aura aus, meinte Sammer: „Die Spieler müssen neben dem Inhalt auch dem Menschen folgen.“

Zum Menschen Guardiola zählt neben Erfolgsbesessenheit und Akribie auch Demut. Kurz nach dem Schlusspfiff im Berliner Olympiastadion telefonierte er erst mit seiner Frau, dann dachte der ehemalige spanische Nationalspieler auch schon an Uli Hoeneß. „Diese Meisterschaft ist für Uli Hoeneß. Er ist die wichtigste Person in diesem Verein“, sagte Guardiola über den ehemaligen Bayern-Präsidenten, der bald seine Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung antreten wird.

Guardiola bedankte sich namentlich auch bei Sammer und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, „dass ich hier sein und diese überragenden Spieler trainieren darf“. Der Meistertitel sei für ihn etwas Besonderes, sagte Guardiola, der mit dem FC Barcelona 14 Titel geholt hatte, denn „es ist das erste Mal, dass ich weg von zu Hause etwas gewonnen habe.“

In seiner spanischen Heimat reagierten die Medien mit Hochachtung auf Guardiolas Triumphzug durch die Bundesliga. „Er hat eine Riesenmannschaft, aber den Titel muss man erst gewinnen. Pep hat es gemacht. Mit Jupp Heynckes gleichzuziehen, das ist nicht einfach“, schrieb die spanische Zeitung El Mundo Deportivo.

Um endgültig aus Heynckes‘ Schatten zu treten, muss Guardiola in dieser Saison aber wohl auch den DFB-Pokal und die Champions League gewinnen. In der Bayern-Führung sieht man sich in der Entscheidung zum Trainerwechsel schon jetzt bestätigt. „Der positive Fanatismus, mit dem dieser erstaunliche Trainer arbeitet, ist tatsächlich eine neue Dimension“, schrieb Rummenigge unlängst im Bayern-Magazin.

Eine neue Dimension wäre auch die erfolgreiche „Verteidigung“ des Titel-Triple. Dafür wird Guardiola noch mehr als Moderator gefragt sein, denn freiwillig wird sich keiner der selbstbewussten 18 Nationalspieler in den wichtigen K.o.-Spielen der Champions League oder im DFB-Pokalfinale auf die Bank setzen. Wenn es einer schafft, dann Guardiola, glaubt Bastian Schweinsteiger: „Er ist ein Trainer, der ganz genau weiß, was die Spieler fühlen und denken.“

Vor Spielern wie Schweinsteiger sollte sich der Trainer aber nach dem Schlusspfiff am letzten Spieltag gegen den VfB Stuttgart hüten. Guardiola ahnt bereits, dass spätestens dann die Feier nicht ganz so stilecht ablaufen und er einen zweiten Designeranzug brauchen wird. Arjen Robben warnte seinen Coach schon mal: „Die Bierdusche kommt noch.“