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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Wuppertal (SID) Nein, über die Trennung von Britta Steffen möchte Paul Biedermann nicht reden. Das deutsche Schwimm-Traumpaar ist Vergangenheit, der Weltrekordler blickt nach vorne – auf die letzte Bahn seiner Karriere mit dem Ziel Rio. „Es hängt über all den Sachen, die man macht. Überall haftet Olympia dran“, betont der 29-Jährige im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Die Abschiedstour des Ex-Weltmeisters begann Ende November in Wuppertal bei seiner letzten Kurzbahn-DM und geht in der ersten Dezemberwoche in Israel bei seiner letzten internationalen Meisterschaft weiter. „Natürlich ist es die letzte, aber ich sehe es nicht mit Wehmut“, sagt Biedermann mit Blick auf die Kurzbahn-EM in Netanya (2. bis 6. Dezember): „Ich freue mich, dass es dort noch mal zur Sache geht.“

Auf die Langbahn-EM in London (9. bis 22. Mai 2016) verzichtet der Hallenser, die Konzentration gilt im nächsten Jahr einzig und allein Rio. Seine Bronzemedaille über 200 m Freistil bei der WM im vergangenen Sommer hat ihn bestärkt, dass der Traum von olympischem Edelmetall bei seinen dritten Spielen endlich Realität werden kann. „Es hat mich sehr motiviert, der Abstand zum ersten Platz war nicht so groß.“ 24 Hundertstelsekunden fehlten Biedermann im Kasaner Fußballstadion zu Gold.

Eine Olympia-Medaille ist das Einzige, das dem Doppel-Weltmeister von 2009 noch fehlt. Gewonnen hat er in zwölf Jahren so viel, dass er gar nicht mehr weiß, wo all die Medaillen geblieben sind. „Teilweise in Kisten auf dem Dachboden, teilweise verschenkt“, sagt er. 30-Mal stand er bei Welt- und Europameisterschaften auf dem Podest, 41 deutsche Meistertitel listet der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) auf, er selbst zählt schon lange nicht mehr mit, „höchstens mein Vater“.

An einen Sieg kann Biedermann sich aber besonders gut erinnern – an sein erstes DM-Gold 2003 in Gelsenkirchen, über die 800 m Freistil, die er schon lange nicht mehr schwimmt. „Ich weiß noch, dass ich mich danach auf den Startblock gestellt und den dicken Mann markiert habe – ein bisschen rumgepost.“

Ein Jahr zuvor war er in Goslar zum ersten Mal bei einer Kurzbahn-DM an den Start gegangen – als 16-Jähriger auf Tuchfühlung mit seinen Vorbildern. „Da habe ich all die Leute getroffen, die ich vorher nur aus dem Fernsehen kannte, bin mit ihnen eingeschwommen. Alles war voll, alles war neu.“ Vor allem zum damaligen Doppel-Europameister Thomas Rupprath und der fünfmaligen Weltmeisterin Hannah Stockbauer blickte er auf.

Die ersten Medaillen waren ihm noch besonders wichtig: „Ich hatte mal einige an der Wand hängen, aber dann wurde das Brett zu schwer.“ Denn als Jugendlicher war er meist hinterhergeschwommen. „Meine Freunde konnten bei den Siegerehrungen gleich vorne bleiben, weil sie auf den nächsten Strecken wieder Medaillen gesammelt haben. Und ich hab nie eine bekommen“, erinnert er sich, erst mit „13 oder 14“ gab es endlich Bronze bei einer Jahrgangsmeisterschaft. Die letzte in der Sammlung soll die olympischen Ringe tragen.

 

Das komplette SID-Interview mit Paul Biedermann

SID: „Paul Biedermann, Britta Steffen hat nach Ihrer Trennung gesagt, sie habe sich Kinder gewünscht, bei Ihnen stehe aber noch sehr der Sport im Vordergrund. Das heißt aber nicht, dass Sie nach Rio doch noch weiterschwimmen?“

Paul Biedermann: „Nein, es bleibt dabei, ich möchte nach den Olympischen Spielen aufhören.“

SID: „Die Kurzbahn-DM in Wuppertal war für Sie die vorletzte deutsche Meisterschaft Ihrer Karriere. Wissen Sie eigentlich, an wie vielen Sie teilgenommen haben?“

Biedermann: „Ganz ehrlich, nein. Es müssen schon ein paar gewesen sein.“

SID: „Erinnern Sie sich an die erste?“

Biedermann: „Ich glaube, es war 2002. Da habe ich all die Leute getroffen, die ich vorher nur aus dem Fernsehen kannte, bin mit ihnen eingeschwommen. Alles war voll, alles war neu.“

SID: „Zu wem haben Sie damals besonders aufgeblickt?“

Biedermann: „Thomas Rupprath natürlich, und Hannah Stockbauer.“

SID: „Und Ihr erster deutscher Meistertitel?“

Biedermann: „Das waren die 800 Kraul auf der Kurzbahn, 2003. Ich weiß noch, dass ich mich danach auf den Startblock gestellt und den dicken Mann markiert habe – ein bisschen rumgepost.“

SID: „Heute ist es Routine?“

Biedermann: „Nein, ich habe natürlich ein paar Titel angesammelt, und es ist nicht mehr das ganz Besondere. Aber man muss es sich nach wie vor hart erarbeiten.“

SID: „Laut DSV-Liste haben Sie 41 deutsche Meistertitel gewonnen. Zählen Sie selbst nach?“

Biedermann: „Ich nicht, höchstens mein Vater.“

SID: „Wo sind all die Medaillen geblieben?“

Biedermann: „Teilweise in Kisten auf dem Dachboden, teilweise verschenkt.“

SID: „Welche Bedeutung hat ein einzelner dieser zahllosen Titel?“

Biedermann: „Man freut sich in dem Moment über den Titel und weiß auch, wie viel Geld und Arbeit man da reingesteckt hat. Aber im Schwimmen sammeln sich einige an. Das heißt aber nicht, dass man respektlos damit umgeht. Ich hatte mal einige an der Wand hängen, aber dann wurde das Brett zu schwer. Es war auch Zeit, sich nicht immer vorzuhalten, was man schon erreicht hat, sondern sich zu sagen: Du musst nach wie vor dafür arbeiten, damit du es auch weiterhin erreichst.“

SID: „In der Jugend sind Sie eher hinterhergeschwommen.“

Biedermann: Meine Freunde konnten bei den Siegerehrungen gleich vorne bleiben, weil sie auf den nächsten Strecken wieder Medaillen gesammelt haben. Und ich hab nie eine bekommen, das war schon ein bisschen traurig. Aber ich habe mich im Training durchgebissen und wurde dann mit Bronze über 200 m Schmetterling bei einer Jahrgangsmeisterschaft belohnt. Da war ich 13 oder 14.“

SID: „International haben Sie mittlerweile 30 Medaillen gewonnen. Die Kurzbahn-EM in Israel Anfang Dezember wird Ihre letzte internationale Meisterschaft. Verspüren Sie Wehmut?“

Biedermann: „Natürlich ist es die letzte, aber ich sehe es nicht mit Wehmut. Ich freue mich, dass es dort noch mal zur Sache geht.“

SID: „Mit welchen Zielen gehen Sie in die Kurzbahn-Saison?“

Biedermann: „In diesem Jahr spielt sie für mich eine wirklich untergeordnete Rolle. Ich bin voll im Zyklus Richtung Olympische Spiele. Darauf ist auch das Training ausgerichtet. Ich konnte noch gar keinen Wettkampf schwimmen, hatte auch gar keine Meldezeit für die DM.“

SID: „Was werden Sie am meisten vermissen, wenn nach Olympia der Leistungssport vorbei ist?“

Biedermann: „Das Training, das Wissen, in zwei Stunden richtig was geschafft zu haben. Aber es gibt auch viele Sachen, auf die ich mich freue.“

SID: „Worauf besonders?“

Biedermann: „Dass ich früh um sieben nicht ins Wasser springe. Die Freiheit, machen zu können, worauf man Lust hat. Dass man nicht bei jeder Kleinigkeit fürchten muss, dass man sich erkältet. Dass man einfach ein bisschen entspannter sein kann.“

SID: „Wie sieht Ihre berufliche Zukunft nach Olympia aus?“

Biedermann:  „Ich habe ein konkretes Jobangebot in Halle, außerdem laufen verschiedene Projekte zusammen mit meinem Vater. Es ist aber noch nicht spruchreif.“

SID: „In achteinhalb Monaten sind die Olympischen Spiele. Wie nah ist Rio?“

Biedermann: „Es hängt über all den Sachen, die man macht. Überall haftet Olympia dran. Ich freue mich darauf, ich freue mich auf die Zeit, die ich noch habe und will dann einfach noch mal so gut wie möglich sein.“

SID: „Hat Ihnen WM-Bronze im Sommer in Kasan noch einmal einen besonderen Schub für Olympia gegeben?“

Biedermann: „Es hat mich sehr motiviert, der Abstand zum ersten Platz war nicht so groß. Ich habe noch genügend Sachen, an denen ich arbeiten kann.“

SID: „Woran vor allem?“

Biedermann: „Im technischen Bereich, Start, Wende. Da versuchen wir, die Fehler auszumerzen.“

SID: „Haben Sie Ihrer Oma mittlerweile erklärt, dass Sie nicht schwerhörig sind?“

Biedermann: „Das war ja nur ein Gag. Ich hätte auch sagen können: Ich habe immer Wasser im Ohr, deshalb höre ich schlecht.“

SID: „Aber der Start ist trotzdem ein Problem, auch wenn’s nicht an den Ohren liegt?“

Biedermann: „Eigentlich nicht. Ich habe einen sehr guten Wert bei der Kraft beim Absprung. Die kann ich nur entwickeln, indem ich die Hundertstelsekunde länger auf dem Startblock stehe, die für alle anderen so aussieht, als ob ich hinterherspringe. Aber ich profitiere davon, dass ich mit mehr Kraft und Geschwindigkeit ins Wasser komme.“

SID: „Also sind es vor allem die Wenden, die es zu verbessern gilt?“

Biedermann: „Generell ist man nie perfekt in seiner Technik. Deswegen wird jetzt noch versucht, an jeder Kleinigkeit zu feilen.“

SID: „Gehen Sie nach den Terroranschlägen von Paris mit einem mulmigen Gefühl in die EM oder zu Olympia?“

Biedermann: „Es macht natürlich sehr betroffen und sorgt auch für ein komisches Gefühl. Aber der Sport steht für den friedlichen Wettstreit. Im Olympischen Dorf leben über 10.000 Athleten zusammen, gehen gemeinsam in eine Mensa essen, treffen sich, unterhalten sich. Der Sport hat nach wie vor eine große Rolle für Integration und Zusammenleben.“