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Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Melbourne (SID) Für Angelique Kerber war es das erste Mal, Novak Djokovic machte das halbe Dutzend in Melbourne voll und rührte seinen Coach Boris Becker damit zu Tränen. „Das war ein gutes Wochenende für das deutsche Tennis“, sagte Craig Tiley, Turnierdirektor der Australian Open, mit einem Augenzwinkern – und vor allem im Hinblick auf Angie Kerber lag er damit goldrichtig.

„Dieser Moment wird für immer in meinem Kopf, in meinem Bauch und in meinem Herzen sein. So ein Gefühl hatte ich noch nie, die Zeit war reif“, sagte die neue Nummer zwei der Welt über die Augenblicke nach dem triumphalen 6:4, 3:6, 6:4-Finalsieg gegen Titelverteidigerin Serena Williams. Die Herald Sun Sunday kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus: „Ein neuer Star ist geboren – KER-BOOM.“

Selbst nach einer durchzechten Party-Nacht im „Club 161“ und „ohne eine Minute Schlaf“ konnte Kerber, die die Anlage nach dem Endspiel erst um drei Uhr in der Früh verlassen hatte, ihr Glück kaum fassen. „Ich bin ein Grand-Slam-Champion, das klingt so verrückt“, sagte die 28-Jährige vor dem Abflug am Sonntag nach Hause: „Ich bin jetzt in der Historie drin.“

Im Gepäck hatte sie neben dem Siegerscheck in Höhe von umgerechnet rund 2,2 Millionen Euro auch die Gewissheit, nach vielen Zweifeln endgültig den Durchbruch auf der ganz großen Bühne geschafft zu haben. „Ich habe bewiesen, dass ich zu den Besten gehöre.“ Und warum erst jetzt? Der Glaube, erklärte Publikumsliebling Kerber, der sei „nun einfach“ da: „Im Finale bin ich locker geblieben. Aber ich weiß gar nicht, warum.“

Bundestrainerin Barbara Rittner traut ihrer Nummer eins 2016 eine Menge zu: „Das wird Angies Jahr“, sagte sie dem SID. Am Sonntagnachmittag Ortszeit – nach dem offiziellen Fototermin mit dem Pokal im Botanischen Garten – flog Kerber via Bangkok und Frankfurt nach Posen. Von dort ging es mit dem Auto ins polnische Puszczykowo, wo sie in der Nähe ihrer Großeltern wohnt. Kerber: „Wir werden mit Sekt anstoßen. Ich freue mich schon sehr auf zu Hause. Meine Familie hat immer zu mir gehalten und mir Kraft gegeben.“

Für Novak Djokovic sind Grand-Slam-Siege dagegen längst Routine. Auch der Serbe gewann seinen ersten bei den Australian Open, 2008 war das, der Finalgegner damals hieß Jo-Wilfried Tsonga, und Djokovic brauchte vier Sätze. In diesem Jahr holte sich der „Djoker“ bereits seine sechste Trophäe in Melbourne ab, er fegte den werdenden Vater Andy Murray in drei Sätzen vom Platz und stockte seine Grand-Slam-Bilanz auf elf Titel auf.

Und er machte Boris Becker glücklich. Der ewige Leimener, der einst mit seinem ersten Sieg bei den Australian Open im Jahr 1991 die Nummer eins der Weltrangliste übernahm und 1996 in Melbourne als bis dato letzter Deutscher einen Grand-Slam-Titel im Herreneinzel gewann, drückte seinen „Nole“ nach dem 6:1, 7:5, 7:6 (7:3) gegen Murray fest an sich und hatte Tränen der Rührung in den Augen.

„Novak war noch nie besser als in den vergangenen 18 Monaten“, hatte Becker bereits vor dem Endspiel geschwärmt. Die Antwort seines Schützlings folgte nach einer weiteren Gala auf dem Fuße. „Ich liebe alle meine Teammitglieder und möchte Danke sagen. Wir verfolgen jeden Tag gemeinsam unsere Ziele, das ist ein einmaliges Gefühl“, meinte der „Djoker“, der wegen seiner Dominanz den neuen Spitznamen „Roboto-vic“ verpasst bekam.