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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

München/London (SID) 2008 und 2012 fanden die Olympischen Spiele ohne den deutschen Bahnrad-Vierer statt. In Rio ist das einstige Flaggschiff wieder dabei und will auch zuvor bei der WM in London seinen Aufwärtstrend fortsetzen.

Bundestrainer Sven Meyer hat schon viel bewegt. Er sei „der Motor“ der Aufschwungs, sagt BDR-Sportdirektor Patrick Moster über ihn. Aber Meyer ist mit seinen 30 Jahren noch lange nicht am Ziel, vor allem ein Gedanke treibt ihn: Der einst so ruhmreiche deutsche Bahnrad-Vierer soll wieder Olympiasieger werden. Noch nicht in Rio, das wäre illusorisch, aber irgendwann danach ganz bestimmt.

„Das ist die Vision“, sagte Meyer dem SID vor der WM in London (2. bis 6. März), die zugleich die Generalprobe für Brasilien ist. Auf dem Olympia-Oval von 2012 soll dabei erst einmal der Abstand zu den übermächtigen Briten und Australiern weiter verringert werden, auch für den Saison-Höhepunkt im August ist das die Maßgabe.

Wozu das dann reicht? „Das kleine Finale ist das Maximalziel in London und in Rio“, sagt Meyer, „und um unseren Trend zu bestätigen, sollten wir bei der WM deutschen Rekord fahren.“ Das wäre auf den 4000 Metern dann eine Zeit unter 3:57,166 Minuten.

Es ist nicht lange her, da war diese Marke für das frühere Flaggschiff des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) unerreichbar, da war der Vierer als Zaungast bei den Spielen in Peking und London am absoluten Tiefpunkt angelangt. Meyer hat dann alles auf den Kopf gestellt: Trainingsmethodik und Struktur. Die Fahrer wurden zentral in einem Team versammelt, und langsam ging es vorwärts. „Wir haben einen radikalen Neuanfang gestartet und gesagt: wenn ihr wollt, ziehen wir jetzt voll durch“, erzählt Meyer.

Alle wollten, es gab ja ohnehin keine Alternative. Souverän gelang die Qualifikation für Rio, was seit längerer Zeit schon Raum für Detailarbeit gibt, denn vor allem auf den ersten 1000 Meter gibt es Defizite. „Das ist über viele Jahre extrem vernachlässigt worden“, sagt Meyer, und deshalb ist geduldige Aufbauarbeit nötig gewesen. „Um Weltklasse zu entwickeln, dauert es in der Regel acht bis zehn Jahre“, sagt Moster, der das BDR-Team derzeit zur „erweiterten Weltspitze“ zählt.

Das heißt immerhin, dass der BDR-Vierer wieder eine realistische Medaillenchance hat. Wenn diese im Lee-Valley-Velopark genutzt werden sollte, dann wäre es das erste Mal seit 2002, dass eine deutsche Mannschaft wieder auf dem WM-Podium steht. Ein WM-Titel ist bereits 16 Jahre her, damals gab es in Sydney auch das letzte Olympia-Gold. „Wir können konstant vorne reinfahren“, sagt Meyer, der acht Fahrer auf „sehr hohem Niveau“ zur Auswahl habe.

Umso schwieriger fiel ihm die WM-Nominierung, weil jeder wusste, dass die fünf WM-Fahrer mit Blickrichtung Olympia einen Vorteil haben würden. Meyer sprach deshalb von den „härtesten und schwersten Tagen meines Lebens. Das war schlimmer als die Trennung von meiner Freundin“, gestand er.

Henning Bommel, Maximilian Beyer und Leon Rohde, die alle nicht berücksichtigt wurden, hätten noch eine Chance, sagt Meyer zwar, er betont jedoch auch: „Das Ziel ist schon, mit einer konstanten Truppe zusammenzuarbeiten, um sich hundertprozentig auf die Arbeit zu konzentrieren. In gewisser Weise ist es ein Vorentscheid in Richtung Rio.“

Also ein Vorentscheid für die unumstrittenen Domenic Weinstein und Kersten Thiele sowie für Nils Schomber, Theo Reinhardt und Rückkehrer Leif Lampater, der als Einziger schon über Olympia-Erfahrung verfügt. „Wir werden auf jeden Fall schlauer aus der WM herausgehen“, sagt Meyer, der für den BDR ein echter Glücksfall war und ist: „Ohne ihn, ohne sein Engagement hätte es diese Leistungen nicht gegeben“, findet Moster.