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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Houston/Köln (SID) Die New England Patriots haben nach einer sensationellen Aufholjagd den wohl aufregendsten Super Bowl der Geschichte gewonnen. Erstmals fiel die Entscheidung in der Verlängerung, Quarterback Tom Brady und Cheftrainer Bill Belichik sind nach dem fünften gemeinsamen NFL-Titel endgültig unsterblich.

Nervös lief Tom Brady in der Kabine auf und ab. Er blickte in jede Ecke, etwas fehlte. „Hat jemand mein Trikot genommen?“, rief der Superstar einigermaßen verzweifelt, dann durchwühlte er noch einmal seine Tasche. Nichts. Das Erinnerungsstück an den wohl aufregendsten Super Bowl in der Geschichte der National Football League war einfach weg. Doch der nun auch ganz offiziell erfolgreichste Quarterback der NFL-Historie wird den Verlust nach dem fünften Triumph mit seinen New England Patriots verschmerzen können.

„Das werden wir für den Rest unseres Lebens nicht vergessen“, jubelte Brady nach dem größten Comeback seit Einführung des Super Bowls, seine Tränen waren getrocknet. Mit 25 (!) Punkten hatten die Patriots im dritten Viertel des Finalspiels gegen die Atlanta Falcons zurückgelegen, doch Brady grub sein Team in Houston/Texas aus dem tiefen Loch und führte es zu einem 34:28 in der Verlängerung. Nie zuvor hat es beim Spektakel eine solche Aufholjagd gegeben, noch nie fiel die Entscheidung in der Overtime.

Brady und sein Trainer Bill Belichik haben einmal mehr etwas geschafft, was zuvor keinem gelungen war. Mit ihrer jeweils siebten Finalteilnahme sorgten beide für NFL-Rekorde, durch den fünften gemeinsamen Gewinn der Vince Lombardi Trophy nach 2002, 2004, 2005 und 2015 stehen nun beide alleine auf Platz eins der Bestenlisten. Kein Quarterback und kein Headcoach hat so häufig den Super Bowl gewonnen.

Roger Goodell gratulierte beiden, doch die Reaktion fiel kühl aus. Denn der NFL-Boss war maßgeblich daran beteiligt, dass Brady wegen seiner angeblichen Verwicklung in die sogenannte Deflategate-Affäre zu Anfang der Saison für vier Spiele gesperrt war. „Das war zweifelsfrei unser süßester Sieg“, sagte Teambesitzer Robert Kraft voller Genugtuung, Goodell schlich sich unter den Pfiffen der Fans vom Podium.

Natürlich ließ es sich der neue US-Präsident nicht nehmen, seine Freude mit der Welt zu teilen. „Welch ein großartiges Comeback und welch ein Sieg der Patriots“, schrieb Donald Trump nach dem 51. Super Bowl bei Twitter: „Tom Brady, Bob Kraft und Coach B sind wahre Sieger. Wow!“ Trump hatte das Spiel in seinem Golfclub in Palm Beach/Florida verfolgt.

Zu Anfang muss sich der 70-Jährige allerdings wie in einem Albtraum gefühlt haben. Nichts gelang den Patriots, Brady wurde fünfmal mit dem Ball zu Boden gebracht. Atlanta zog auf 28:3 davon, doch dann holte Quarterback Matt Ryan ein Fluch ein. Der 31-Jährige, tags zuvor als wertvollster Spieler der Hauptrunde ausgezeichnet, ist der achte MVP in Folge, der im Super Bowl den Kürzeren zog. „Ich kann nichts sagen. Mir fehlen die Worte“, erklärte Ryan nach der größten Enttäuschung seines Lebens.

Sein Gegenüber wurde abgefeiert. „Macht Platz für den GOAT“, den Größten aller Zeiten, wurde gerufen, als Brady die Kabine betrat. „Nein, nein, nein“, sagte der, er mag die Bezeichnung nicht. Dass sie zutrifft, weiß er wohl. Der Spielmacher passte für 466 Yards Raumgewinn, Rekord im Super Bowl. Genauso wie die drei Touchdowns und 20 Punkte von Running Back James White, der in der Verlängerung für die Entscheidung sorgte. „What a game!“, was für ein Spiel, schrieb Fox Sports. Mehr als 27,6 Millionen Tweets wurden weltweit unter dem Hashtag „SB51“ abgesetzt.

Den Sieg widmete Brady seiner kranken Mutter Galynn. Einziger Wermutstropfen für den 39-Jährigen war das unauffindbare Trikot: „Es wird sicher bald bei eBay landen.“

Die größten Aufholjagden der Sportgeschichte (zusammengestellt vom SID)

Der 34:28-Sieg der New England Patriots über die Atlanta Falcons nach Verlängerung im 51. Super Bowl gilt nach zwischenzeitlichem 25-Punkte-Rückstand als eine der größten Aufholjagden im Sport. Der SID erinnert an andere Ereignisse mit historischen Wendungen:

  • 4. Juli 1954 – Deutschland – Ungarn 3:2 (2:2): Rahn konnte schießen, Rahn schoss, Rahn traf: Mit dem 3:2 in der 84. Minute des WM-Endspiels gegen den haushohen Favoriten bescherte „Boss“ Helmut Rahn Nachkriegs-Deutschland nicht nur das „Wunder von Bern“, sondern krönte auch eine legendäre Aufholjagd. Die Elf von Trainer Sepp Herberger lag nach acht Minuten 0:2 in Rückstand. Doch Max Morlock und Helmut Rahn glichen noch vor der Pause aus und bereiteten den Weg zum Triumph.
  • 20. Oktober 1973, Fußball – 1. FC Kaiserslautern – FC Bayern München 7:4 (1:3): Bayern München führte im Bundesliga-Spiel beim 1. FC Kaiserslautern bereits 3:0 und 4:1, doch dann schlugen die Hausherren auf dem Betzenberg ab der 58. Minute mit sechs Toren zurück und gewannen 7:4.
  • 9. März 1986: Eishockey – Düsseldorfer EG gegen Kölner Haie: 5:1 stand es in der zweiten Drittelpause für die Düsseldorfer EG im zweiten Play-off-Finale gegen den Erzrivalen Kölner Haie. Spiel vier schien in trockenen Tüchern. Doch es kam anders. Zwischen der 48. und 55. Minute traf der KEC fünfmal und drehte die verloren geglaubte Partie zum 6:5. Die Haie gewannen anschließend auch ihr zweites Heimspiel und feierten den Meistertitel.
  • 19. März 1986, Fußball – Bayer Uerdingen – Dynamo Dresden 7:3 (1:3): Im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger war Bundesligist Bayer Uerdingen nach dem 0:2 im Hinspiel beim DDR-Oberligisten Dynamo Dresden und einem 1:3-Halbzeitrückstand praktisch ausgeschieden. In der zweiten Hälfte erzielte die Mannschaft von Trainer Karl-Heinz Feldkamp im „Wunder von der Grotenburg“ allerdings sechs Tore und zog mit einem 7:3 ins Halbfinale ein.
  • 23. Juli 1989, Radsport – Greg LeMond – Laurent Fignon: Vor dem abschließenden 24,5 km langen Zeitfahren hatte der US-Amerikaner Greg LeMond angesichts von 50 Sekunden Rückstand auf den Franzosen Laurent Fignon eigentlich keine Chance auf den Sieg bei der Tour de France 1989. Dank eines erstmals eingesetzten Triathlon-Lenkers holte LeMond jedoch auf und gewann schließlich mit acht Sekunden Vorsprung – der knappste Sieg der Tour-Geschichte.
  • 3. Juli 1993: Wimbledon – Steffi Graf gegen Jana Novotna: Im Wimbledonfinale bahnte sich eine große Überraschung an. Steffi Graf kassierte im dritten Satz gegen Jana Novotna das zweite Break zum 1:4, die Tschechin sah wie die sichere Siegerin aus und hatte bei eigenem Aufschlag Spielball zum 5:1. Doch die Partie kippte. Novotna verschlug plötzlich einfachste Bälle. Steffi Graf nutzte die Schwäche eiskalt aus und holte sich mit 6:4 den Triumph. Novotna ließ sich in Tränen aufgelöst bei der Siegerehrung von der Herzogin von Kent trösten.
  • 27. August 1995, Formel 1 – Michael Schumacher von 16 auf 1: Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher startete nur von Position 16 in den Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps. Bei wechselhaften Bedingungen auf der „Ardennenachterbahn“ überholte Schumacher Fahrer um Fahrer und siegte mit klarem Vorsprung vor Vizeweltmeister Damon Hill.
  • 14. April 1996: US Masters – Greg Norman gegen Nick Faldo: In Augusta stand der Australier Greg Norman vor seinem ersten Triumph beim US Masters. Das grüne Sieger-Jackett hätte er bei sechs Schlägen Vorsprung im Duell mit dem Engländer Nick Faldo vor der Schlussrunde eigentlich schon anziehen können. Doch der „weiße Hai“ verlor seinen Biss und spielte nur eine 78. Zum dritten Mal nur Platz zwei. Fünf Schläge lag Norman am Ende zurück. Elf Schläge auf einer Runde verloren, eine Welt. Faldo kam zu seinem dritten Masterssieg.
  • 26. Mai 1999, Fußball – Manchester United – FC Bayern München 2:1 (0:1): Im Champions-League-Finale 1999 führte Fußball-Rekordmeister Bayern München dank eines Tores von Mario Basler (6.) bis zur Nachspielzeit mit 1:0. Dann trafen Teddy Sheringham (90.+1) und Ole Gunnar Solskjaer (90.+3) und rissen die Bayern aus allen Träumen.
  • 20. Oktober 2004, Baseball – Boston Red Sox – New York Yankees 4:3: Die seit 1918 titellosen Boston Red Sox lagen im Halbfinale der Baseball-Profiliga MLB gegen den Erzrivalen aus New York schon aussichtslos 0:3 hinten. Dann gewannen sie jedoch die weiteren vier Spiele, zogen in die World Series ein und kürten sich nach einem 4:0 gegen die St. Louis Cardinals zum Champion.
  • 25. Mai 2005, Fußball – FC Liverpool – AC Mailand 6:5 (0:3) n.E.: Im Endspiel der Champions League 2005 hatte der AC Mailand zur Halbzeit klar mit 3:0 in Führung gelegen. Liverpool schlug mit dem eingewechselten deutschen Nationalspieler Dietmar Hamann in der zweiten Halbzeit durch drei Treffer binnen sechs Minuten zurück und hatte im Elfmeterschießen das Glück auf seiner Seite.
  • 30. September 2012, Golf – Europa – USA 14,5:13,5: Beim Ryder Cup 2012 führten die USA vor den abschließenden Einzeln am Sonntag 10:6, brauchten nur noch vier Punkte aus zwölf Begegnungen. Doch Titelverteidiger Europa schlug zurück, Deutschlands Top-Golfer Martin Kaymer verwandelte den entscheidenden Putt zum „Wunder von Medinah“.
  • 16. Oktober 2012 – Deutschland – Schweden 4:4 (3:0): 60 Minuten lang feierten die Berliner Zuschauer mit der Nationalmannschaft ein rauschendes Fußballfest. 4:0 führte das Team von Joachim Löw in der WM-Qualfiikation – ehe eine historische Aufholjagd seinen Lauf nimmt. Angeführt von Superstar Zlatan Ibrahimovic kommen die Schweden gegen eine auf einmal total verunsicherte DFB-Elf Tor um Tor heran, in der Nachspielzeit macht Rasmus Elm das deutsche Debakel perfekt. Einen Drei-Tore-Vorsprung hatte eine DFB-Auswahl letztmals 1912 verspielt. Endstand damals gegen Ungarn: 4:4.
  • 25. September 2013, Segeln – Team Oracle – Team New Zealand 9:8: Der Sieg der Neuseeländer beim 34. America’s Cup war beim zwischenzeitlichen 8:1 schon zum Greifen nah, es fehlte nur noch ein Sieg. Doch dann gewann das Team aus den USA acht Rennen in Serie und verteidigte seinen Titel beim wichtigsten Segel-Wettbewerb der Welt.
  • 19. Juni 2016, Basketball – Cleveland Cavaliers – Golden State Warriors 4:3: Die Golden State Warriors waren nach vier Spielen nur noch einen Sieg von der Titelverteidigung entfernt. Doch dann gewannen die Cavaliers um Superstar LeBron James drei Partien in Folge und holten ihren ersten Titel. Es war die erste erfolgreiche Aufholjagd nach einem 1:3-Rückstand im Finale in der NBA-Geschichte.