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Juli 2019

Sport-Informations-Dienst (SID)

Berlin/Brüssel (SID) Elf deutsche Radprofis starten am 6. Juli in die 106. Tour de France. Die großen Sprinterfolge der Vorjahre dürften ausbleiben, dafür will eine neue Generation von Fahrern auf sich aufmerksam machen.

Marcel Kittel? Legt eine Radsport-Pause ein. John Degenkolb? Verfolgt unfreiwillig andere Pläne. Andre Greipel? Ist nur noch Außenseiter. Die Zeit der großen deutschen Sprinter-Festspiele bei der Tour de France ist vorerst vorbei.

Wenn die Frankreich-Rundfahrt am 6. Juli in Brüssel in die 106. Ausgabe startet, sind Etappensiege in Serie unwahrscheinlich. Eine junge und aufstrebende neue Fahrergeneration dürfte allerdings mit anderen Qualitäten glänzen.

Stärker als in der jüngeren Vergangenheit ist mit deutschen Fahrern in den Bergen zu rechnen, auch auf mittelschweren Etappen sind die Erfolgschancen gestiegen. Zudem winkt die erste Spitzenplatzierung in der Gesamtwertung seit zehn Jahren. „Ein Platz unter der ersten Zehn ist das Ziel, und das ist auch vollkommen realistisch“, sagte Emanuel Buchmann dem SID.

Der Kletterspezialist vom deutschen Team Bora-hansgrohe ist erst 26 Jahre alt und startet dennoch bereits in seine vierte Tour de France. Die Lehrjahre haben ihre Wirkung nicht verfehlt, nie war Buchmann auf dem Rad stärker, aggressiver und selbstbewusster als in der laufenden Saison. „Ich habe nochmal einen Schritt gemacht, an den Ergebnissen sieht man das auch“, sagte Buchmann.

Das Criterium du Dauphiné etwa, ein anspruchsvolles und prestigereiches Vorbereitungsrennen auf die Tour, hatte Buchmann im Juni als Dritter abgeschlossen. Der Ravensburger ist bei der Tour 2019 der deutsche Fahrer mit den besten Chancen im Gesamtklassement.

Auffallen dürfte aber auch Teamkollege Maximilian Schachmann, nicht nur, weil er als frisch gekürter deutscher Meister das Trikot mit dem schwarz-rot-goldenen Brustring trägt. Der 25-Jährige startet ambitioniert in seine erste Große Schleife. Beim Bora-Team, das in Marcus Burghardt einen dritten und erfahrenen deutschen Fahrer nominiert hat, wird Schachmann zunächst Helferdienste verrichten.

Als reiner Wasserträger wären die Qualitäten des hochveranlagten Jungprofis allerdings verschenkt. Schachmann träumt davon, „etwas abzuschießen“, also, einen Etappensieg zu feiern: „Ich will immer etwas erreichen, das liegt in meiner Natur.“ Chancen dürfte Schachmann besonders auf mittelschweren Etappen haben, die dem Charakter der Ardennen-Klassiker ähneln.

Deutlich defensiver formuliert der jüngste der deutschen Riege seine Ziele. Lennard Kämna, 22, feiert sein Frankreich-Debüt für das von Nikias Arndt angeführte Team Sunweb. „Ich freue mich riesig, es ist eine coole Sache. Ich will alles aufsaugen, ich hoffe auf ein paar schöne Erfahrungen“, sagte er.

Schöne Tour-Erfahrungen hat Tony Martin reichlich gesammelt. Fünf Etappensiege hat das Zeitfahr-Ass auf dem Konto, er war 2015 der bislang letzte deutsche Radprofi, der das Gelbe Trikot trug. Mit seiner Erfahrung soll sich Martin beim Team Jumbo-Visma einbringen. Das Erstarken der Nachwuchsfahrer freut den 34 Jahre alten Routinier. „Wir sind als Nation nicht schwächer gestellt als in den Vorjahren“, sagte Martin.

Zu den Erfolgsgaranten der Vorjahre gehört auch Sprinter Andre Greipel. Elf Tagessiege hat der „Gorilla“ auf dem Konto, neben Kittel (14) hat der 36-Jährige den größten Anteil an 32 deutschen Etappensiegen seit 2011. Von seiner Bestform scheint Greipel, der mit dem französischen Team Arkea-Samsic nur Außenseiterchancen hat, aber weit entfernt.

Greipels größter Rivale im Massensprint ist trotz des Namens nicht Rick Zabel. Der Sohn von Sprint-Legende Erik Zabel startet erneut für Katusha-Alpecin, muss sein Glück aber eher als Ausreißer suchen. Der Roubaix-Zweite Nils Politt könnte mit seiner Tempohärte glänzen und für eine Überraschung sorgen. Das Terrain von Simon Geschke (CCC Team) sind die Berge, Bahnspezialist Roger Kluge (Lotto-Soudal) ist als Sprinthelfer für Caleb Ewan eingeplant