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September 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Bischofshofen (SID) Karl Geigers dritter Platz bei der Vierschanzentournee könnte der entscheidende Durchbruch für die deutschen Skispringer und den neuen Trainer Stefan Horngacher gewesen sein.

Der Oberstdorfer und sein Bundestrainer hatten gerade einen Schlussstrich unter eine wahnsinnige Vierschanzentournee gezogen, als Triumphator Dawid Kubacki unter tosendem Applaus Einzug zur Sieger-Pressekonferenz hielt. „Da oben wollen wir in ein, zwei Jahren auch sein, ganz vorne mitspringen. Nächstes Jahr kommen wir zurück und versuchen es“, sagte Horngacher für seine Verhältnisse ungemein offensiv. Der starke dritte Platz seines Musterschülers Geiger hat die DSV-Adler in den Angriffsmodus versetzt.

„Ich habe hier alles rausgeholt, was in mir drin steckt. Da kann ich stolz sein“, sagte Geiger. Bevor er sich aber in den zweitägigen Heimaturlaub vor dem nächsten Weltcup im italienischen Predazzo verabschiedete, formulierte auch der Senkrechtstarter die nächsten großen Ziele: „Der Gesamtweltcup hat erst angefangen, da kommen noch viele Wettkämpfe, da muss ich dranbleiben.“

Die Aufbruchstimmung im deutschen Team nach dem holprigen Saisonstart unter dem neuen Bundestrainer war in Bischofshofen greifbar. „Die Teambilanz ist absolut positiv“, sagte Horngacher: „Die Stabilität ist noch nicht da. Wenn die Leute ein wenig unter Stress geraten, kommen noch Fehler heraus. Aber absolut jeder in dieser Mannschaft hat Top-10-Niveau.“

Die Marschroute bis Saisonende ist klar: Geiger, der im Kampf um die Große Kristallkugel nur 25 Punkte hinter Spitzenreiter Ryoyu Kobayashi liegt, soll den Gesamtweltcup ins Visier nehmen, „auch wenn es jetzt viel zu früh ist, darüber nachzudenken“, sagte Horngacher.

Gerade für den so stabilen Geiger, der noch keinen Saison-Wettkampf außerhalb der Top 10 beendet hat, ist für den Fight um die Trophäe für den besten Springer des Winters prädestiniert – als bislang letzter Deutscher wurde Severin Freund Gesamtweltcupsieger (2014/15).

Zudem schwirrt jetzt schon der zweite Saisonhöhepunkt in den Adler-Köpfen herum, die Skiflug-WM Ende März in Planica. Dort sollen neben Geiger im deutschen Rekordhalter Markus Eisenbichler und Team-Weltmeister Stephan Leyhe zwei Springer glänzen, die bei der Tournee unter Wert geschlagen wurden. „Der Stephan ist definitiv auf dem richtigen Weg. Bei Markus müssen wir jetzt in Ruhe weiterarbeiten, damit er bei der WM seine Höchstform erreicht“, sagte Horngacher.

Auf dem Weg in die nähere Zukunft könnte ausgerechnet der deutsche Tournee-Schreck und frühere Horngacher-Schützling Kubacki zum Vorbild werden. „Aber der Dawid hat auch drei, vier Jahre gebraucht, um dieses Niveau zu erreichen. In Deutschland stecken wir jetzt mitten in diesem Prozess“, sagte Horngacher.

Geiger sieht im Konkurrenten durchaus Parallelen zu sich: „Er ist mir ein wenig ähnlich, keiner, der übermäßig mit Talent gesegnet ist, sondern der von Jahr zu Jahr besser geworden ist.“ Das macht Mut: Kubacki ist Geiger drei Jahre voraus, der Oberstdorfer hat also noch ein wenig Zeit.

Die karge Zeit bis zum nächsten Einsatz will Geiger nutzen, um kurz den Reset-Knopf zu drücken: „Ich freue mich auf daheim, die Family, die Füße hochzulegen.“ Auch Horngacher muss seinen Akku aufladen: „Ich war zehn Tage von zuhause weg, immer unter Strom. Jetzt geht’s heim, ausspannen, und morgen den Kleinen auf der Schanze trainieren. Und dann geht der Zirkus ja auch schon wieder weiter.“