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Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

München (SID) Vor einem Jahr bootete Joachim Löw Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng aus. Die Stimmen nach einer Rückkehr der Rio-Weltmeister ebben nicht ab – doch Löw lässt nur geringe Chancen.

Die jüngsten Nachrichten aus Manchester und München ließen Joachim Löw gleich in doppelter Hinsicht aufatmen. Das gelungene Comeback von Leroy Sane und Niklas Süles erste Laufeinheiten haben die personelle Lage in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 100 Tage vor EM-Beginn entspannt – und die Rufe nach einer Rückholaktion der Rio-Weltmeister leiser werden lassen. Völlig verstummt sind sie freilich nicht.

Auch ein Jahr nach der spektakulären Ausbootung von Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng am 5. März 2019 (Faschingsdienstag) machen sich viele Experten für das Trio als EM-Teilnehmer stark. Und Löw? Der Bundestrainer vermeidet ein klares Nein, ist aber sehr weit entfernt von einem Ja. Seine Jungstars wie Sané oder Serge Gnabry hätten „jetzt ihre Chance verdient, das darf man nicht einfach so über den Haufen werfen“, betonte er.

Sein letztes Wort? „Wenn einer top spielt, dann wird da möglicherweise ein Umdenken stattfinden“, meinte Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Das aber tun ja alle drei Profis mit Abstrichen seit geraumer Zeit. Dass einer von ihnen bei den Länderspielen Ende am 26. März in Madrid gegen Spanien und fünf Tage später in Nürnberg gegen Italien Löws Aufgebot angehören wird, gilt dennoch als ausgeschlossen.

Konkret auf Müller angesprochen, nannte Löw die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr erst vor drei Wochen „relativ gering“ – mit der Einschränkung: „Wenn die jüngeren Spieler fit sind.“ Müller reagierte trotzig. Die Aussage „verwundert mich nicht“, sagte er, die EM interessiere ihn ohnehin nicht. „Mich interessiert, dass wir drei Titel holen.“ Wir, die Bayern.

Die anderen beiden dürften im Falle des Falles aufgeschlossener sein. Hummels sagte zuletzt zwar, er werde seinen Sommer „in verschiedenen Urlauben mit Familie und Freunden“ verbringen. Dass er gerne noch mal für die DFB-Elf auflaufen würde, gilt aber als offenes Geheimnis. Boateng sagte dem SID: „Wenn es irgendwann eine Chance gibt, bin ich nicht abgeneigt.“ Zwischen ihm und Löw, den er sehr schätze, gebe es kein böses Blut.

Doch Boateng ist wie seine Weltmeister-Kollegen Realist. „Ich glaube, dass sich der Bundestrainer sehr klar geäußert hat, dass er mit jungen Spielern zur EM fahren will. Das muss man respektieren, das ist seine Linie“, sagte er.

Löw aber ist schlau genug, sich ein winziges Hintertürchen offen zu lassen. Sollten im Vorfeld der EM mit dem deutschen Auftaktspiel gegen Weltmeister Frankreich am 16. Juni „Dinge passieren, mit denen man gerade nicht rechnet, dann muss man sehen…“, sagte er.

Ähnlich äußert sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Die sportliche Leitung wolle den Jungen „weiter Raum geben“, sagte er, aktuell sei die Stimmung in der Truppe ebenso gut wie die Entwicklung der Youngster. Aber: „Ich bin mir sicher, dass alle Spieler von Jogi immer wieder neu bewertet werden. Denn am Ende steht der Erfolg der Mannschaft, er ist das Wichtigste.“

Falls es wie erwartet nicht zu einer Rückkehr reichen wird, bliebe Müller, vielleicht auch Hummels noch Olympia in Tokio (24. Juli bis 9. August). Die Teilnahme an den Sommerspielen, sagte Müller immerhin, sei eine „coole Spinnerei“.