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Dezember 2020

Sport-Informations-Dienst (SID)

Troon/Frankfurt (SID) Sophia Popov hat mit ihrem British-Open-Sieg ein Golf-Märchen geschrieben. Als erste Deutsche gewann sie ein Major – dabei hatte sie fast schon ihre Karriere beendet.

Auf den letzten Metern ihrer fantastischen Golf-Reise wähnte sich Sophia Popov in einem Film – einem ganz berühmten Film. „Das sah aus wie bei Herr der Ringe“, sagte die 27-Jährige, die mit Tränen in den Augen über die Anlage an der puristischen Westküste Schottlands geschlendert war: „Aber es war total schön.“ Weil die Krönung mit dem ersehnten Schatz ja kurz bevorstand.

Völlig überraschend triumphierte Popov bei der British Open, als erste deutsche Proette überhaupt trug sie sich am 23. August in die Siegerliste bei einem Major-Turnier ein. Popov erfüllte sich ihren Traum im Royal Troon Golf Club in beeindruckender Art und Weise unter bemerkenswerten Bedingungen: Aufgrund der Corona-Pandemie fehlten nämlich die Zuschauer, der Kurs war nicht zugepflastert mit Tribünen, die Sicht auf die einzigartige Landschaft dafür glasklar.

„Ein wenig bizarr und unwirklich“ fühlte sich das für die Siegerin an, die ihre Freude zwar mit Caddie und Freund Max teilen konnte, sonst aber eine gedämpfte Atmosphäre erlebte. „Könnte ich vielleicht eine Umarmung haben?“, fragte sie nach dem finalen Putt deshalb ihre Flight-Partnerin Minjee Lee – die dem Wunsch selbstverständlich nachkam.

Popov ist schließlich beliebt auf der Tour, was vermutlich auch mit ihrer schwierigen Vergangenheit und dem unbändigen Willen zu tun hat. Vor allem zu Beginn der Profi-Karriere hatten nämlich gesundheitliche Probleme den ganz großen Durchbruch verhindert, „mir wurden einige Steine in den Weg geworfen“, sagte sie. Erst nach vielen Arztterminen wurde eine Infektionskrankheit (Lymeborreliose) diagnostiziert, die mit der richtigen Ernährung und Sport in Schach gehalten wird.

Das bewahrte die gebürtige US-Amerikanerin jedoch nicht vor sportlichen Rückschlägen. Im Februar 2019 hatte sie die erhoffte Qualifikation für die LPGA Tour, die Serie mit den wichtigen Turnieren also, um einen Schlag verpasst. Popov stand am Scheideweg, „beinahe“ hätte sie ihre Karriere beendet. „Zum Glück habe ich es nicht getan“, sagte sie nun.

Zuletzt hatte sie vermutlich sogar ein bisschen davon profitiert, dass sie den Sprung auf die große Bühne (vorerst) verpasst hatte. Wegen der Corona-Krise pausierte die LPGA Tour, Popov spielte hingegen bei kleineren Turnieren und feierte auf der Cactus Tour drei Siege. Die British Open, für die sie sich erst Anfang August qualifiziert hatte, betrachtete Popov als „Bonus-Turnier“.

Die wahrscheinlich besten vier Tage der Laufbahn, die „mein Leben auf den Kopf gestellt haben“, bieten ihr nun ganz neue Möglichkeiten. Um die Starterlaubnis auf der LPGA Tour muss sich Popov vorerst keine Gedanken mehr machen, und auch finanziell hat sich der Triumph mehr als ausgezahlt: Zu den umgerechnet 91.500 Euro, die Popov bislang auf der Tour kassiert hatte, kamen stolze 575.000 Euro dazu. „Ich kann immer noch nicht glauben“, schrieb Popov am Montag auf Instagram, „was gestern passiert ist“.