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November 2021

Sport-Informations-Dienst (SID)

Wolfsburg (SID) Mit einer tadellosen Leistung hat sich Ivana Martincic als erste Schiedsrichterin in über 113 Jahren deutscher Länderspielgeschichte Respekt verschafft.

Was auch immer Scherzbold Thomas Müller ihr nach dem Abpfiff gesagt haben mag, Ivana Martincic reagierte erfreut und schenkte dem feixenden Münchner ein Lächeln. Auch im Spiel hatte sich die Kroatin, die als erste Schiedsrichterin überhaupt eine Partie der deutschen Männer-Nationalmannschaft leitete, nicht aus der Ruhe bringen lassen. Martincic trat freundlich, aber bestimmt und vor allem nahezu fehlerfrei auf – obwohl sie vor der Premiere etwas nervös gewesen war.

Es sei für sie „eine große Ehre“, das WM-Qualifikationsspiel der DFB-Auswahl in Wolfsburg gegen Liechtenstein (9:0) pfeifen zu dürfen, hatte die 36-Jährige im Vorfeld dem SID gesagt. Kroatiens Schiri-Chef Bruno Maric hatte gar von einem „historischen Tag“ gesprochen und überhaupt keine Zweifel an einem gelungenen Auftritt gehegt: „Sie kann das!“

Und das bewies Martincic später auf dem Rasen – auch wenn das Spiel hektischer begann als ihr vermutlich lieb war. Nach einem brutalen Tritt des Liechtensteiners Jens Hofer gegen den Hals von Leon Goretzka hatte die Schiedsrichterin überhaupt keine andere Wahl, als bereits nach zehn Minuten die Rote Karte zu zücken und auf den Elfmeterpunkt zu zeigen.

Völlig richtig lag Martincic auch bei der Gelben Karte für Antonio Rüdiger nach einem Ellenbogeneinsatz im Kopfballduell. Rüdiger hatte Glück, dass es die Kroatin kurz vor der Halbzeit bei einer letzten Ermahnung beließ, nachdem der Chelsea-Profi seinen Gegenspieler im Gerangel den Kopf weggedrückt hatte. Und als Linksverteidiger Christian Günter in zweiten Halbzeit einen Elfmeter schinden wollte, fiel Martincic nicht darauf rein.

Die im Schnitt 6,5 Millionen TV-Zuschauer und 25.984 Besucher in der ausverkauften VfL-Arena merkten deutlich, dass da keine Anfängerin am Werk war. Seit 2008 greift die Tochter eines ehemaligen Zweitliga-Schiedsrichters zur Pfeife, in ihrer Heimat ist sie eine ähnliche Pionierin wie es einst Bibiana Steinhaus-Webb in Deutschland gewesen war.

Martincic stammt aus der Kleinstadt Koprivnica und spielte früher selbst Fußball. 2008 griff sie auf Anraten ihres Vaters, eines ehemaligen Zweiliga-Schiedsrichters, auch zur Pfeife – und legte eine rasante Karriere hin. „Am Anfang war es nicht einfach“, sagte sie Sportske Novosti, Fußball sei in Kroatien meist noch Männersache, „aber die Erfahrungen haben mich gestärkt“.

Zweimal hat sie Länderspiele der DFB-Frauen geleitet: 2018 gegen Italien (5:2) und 2020 gegen Schweden (1:0). Seit 2019 gehört sie der FIFA-Elitegruppe an. Am 10. September leitete sie als erste Frau ein Spiel der ersten kroatischen Männer-Liga HNL. Einen Monat später pfiff sie das EM-Qualifikationsspiel der U21-Junioren von Lettland gegen San Marino.

Ihr „größter Wunsch“ ist ein Einsatz bei der Frauen-EM 2022 in England und „natürlich“ beim heißen Männer-Klassiker Dinamo Zagreb gegen Hajduk Split. Der nationale Verband kämpft für sie und rühmt sich, zur europäischen „Avantgarde“ zu zählen: Neben Kroatien haben aktuell nur Frankreich, Tschechien, Wales und die Ukraine Schiedsrichterinnen in ersten Männer-Ligen.

Das bisher größte Spiel ihrer Karriere war aber der Auftritt in Wolfsburg – doch vielleicht kommt da noch Größeres. „Die Vereine und Spieler brauchen Zeit, um mich zu akzeptieren“, sagte Martincic. Ihre Leistung von Donnerstagabend hat auf jeden Fall dabei geholfen.