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Februar 2024

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Neu-Isenburg (SID) Hansi Flick startet in die Mammutaufgabe Heim-EM 2024 mit einem Vertrauensvorschuss der DFB-Spitze. Viel Zeit für die notwendigen Veränderungen bleibt dem Bundestrainer nicht.

Der Urlaub muss warten. Bevor sich Hansi Flick mit seinen Liebsten ein paar freie Tage gönnt, beackert der Bundestrainer nach dem Vertrauensbeweis der DFB-Spitze noch wichtige Themenfelder. Die Liste ist lang, die Zeit knapp. Flicks klarer Auftrag bis zum Eröffnungsspiel in München bei der extrem bedeutsamen Heim-EM 2024 lautet: Die deutsche Nationalmannschaft muss endlich wieder titelreif werden.

Was Flick in den ersten 15 Monaten seiner Amtszeit nicht gelungen ist, muss der 57-Jährige nun in 553 Tagen vollbringen. „Wir haben volles Vertrauen in Hansi Flick, dass er diese Herausforderung gemeinsam mit seinem Team meistern wird“, betonte DFB-Präsident Bernd Neuendorf nach dem zweieinhalbstündigen Gespräch mit Flick und Hans-Joachim Watzke vor den Toren Frankfurts.

Flick versicherte den besorgten Bossen, er werde für das erhoffte Sommermärchen 2.0 aus dem erneuten WM-Debakel „die Lehren ziehen“. Das beruhigte. DFB-Vize Watzke schöpfte aus den „sehr in die Tiefe gehenden“ Ausführungen entsprechend „viel Hoffnung und Kraft“.

Spieler-Flüsterer Flick muss die Zügel anziehen. Sein Wutausbruch in der Halbzeitpause des letzten Gruppenspiels gegen Costa Rica (4:2) dürfte ein erster Fingerzeig in diese Richtung gewesen sein.

Bisher hat sich der Bundestrainer immer schützend vor seine Mannschaft gestellt, zwischen den WM-Spielen großzügig den Besuch der Familien im Teamquartier gestattet. Dies stieß teilweise auf Kritik. Watzke dürfte es im Kopf gehabt haben, als er sagte: Es müssten keine „wesentlichen Dinge“ geändert werden, „aber ein paar Dinge abseits, wo wir vielleicht unterschiedlicher Meinung waren“.

Entscheidend ist die Ausarbeitung eines tragfähigen und erfolgversprechenden Konzepts für die EURO 2024. Flick braucht einen Kader, der nach drei Turnier-Enttäuschungen wieder begeistert. Dafür muss er selbst seinen in Bayern-Zeiten so erfolgreichen Spielstil überprüfen.

In Katar wurde das gnadenlose Pressing nur phasenweise durchgezogen und brachte nicht den gewünschten Erfolg. „Disziplin, Zuverlässigkeit, Kampf, Verbissenheit und Leidensfähigkeit – das sind Attribute, die uns ausgezeichnet haben, die uns erfolgreich gemacht haben“, sagte der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack.

Eine komplette Abkehr vom bevorzugten System wird es nicht geben. Daher muss Flick die richtige Spielerwahl treffen und darf dabei vor unliebsamen, gar schmerzhaften Entscheidungen nicht zurückschrecken. Thomas Müller (33) und Ilkay Gündogan (32) machen sich Gedanken über ihre Zukunft in der Nationalmannschaft. Manuel Neuer (36) will weitermachen, doch Flick wäre gut beraten, den Konkurrenzkampf zu erhöhen.

Gleichzeitig muss er die Generation um Joshua Kimmich auch im DFB-Trikot endlich titeltauglich machen, zudem die Talente Youssoufa Moukoko (18), Armel Bella Kotchap (20) und Karim Adeyemi (20) näher an die Startelf heranführen. „Mein Trainerteam und ich blicken optimistisch auf die Europameisterschaft“, betonte Flick.

Für eine erfolgreiche EM bedarf es anders als in Katar einer eingespielten Elf. Flick muss die Test-Länderspiele ab März nutzen, um eine stabile Achse zu errichten. Bei der WM sei „nicht alles schlecht gewesen“, betonte Watzke, „aber am Ende war es auch nicht gut genug“.

Ebenso wichtig wie die sportliche Aufarbeitung wird es, den verlorenen Kredit bei den Fans zurückzugewinnen und die Anhänger hinter der Mannschaft zu versammeln. „Schulterschluss und Kräfte bündeln, damit wir da nach vorne kommen“, fasste Bayern-Präsident Herbert Hainer die Aufgabe zusammen. Mehr Nahbarkeit, weniger Abschottung sind dringend angeraten, um für einen Stimmungswandel zu sorgen.

Der viermalige Welt- und dreimalige Europameister gehört nicht mehr zur Weltspitze. Jetzt müssen Flick und der DFB an den richtigen Stellschrauben drehen – eine Schlüsselrolle wird der Nachfolger von Oliver Bierhoff einnehmen.

Neuendorf erbat sich bei der Suche Zeit, der Name Fredi Bobic hält sich hartnäckig. Der Grundsatz bei der Suche lautet für Watzke: „Genauigkeit vor Schnelligkeit.“ Man habe „keinen Zeitdruck“. Flick dürfte erst nach seinem Urlaub erfahren, mit welchem starken Mann an der Seite er das havarierte Nationalmannschaftsschiff wieder flottmachen soll.