sid

Mai 2024

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Equal Pay, Schwangerschaften, Regelschmerzen: Anlässlich des Weltfrauentags am Mittwoch spricht Athletensprecherin Karla Borger im SID-Interview über die Probleme für Frauen im Profisport.

SID: „Karla Borger, wie sehen Sie die aktuelle Situation von Profisportlerinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen?“

Karla Borger (Athletensprecherin Deutschland): „Prinzipiell sind Frauen im Vergleich zu den Männern benachteiligt, da gibt es verschiedene Aspekte: Medienpräsenz, Verdienstmöglichkeiten. Dazu das Sportmedizinische und die Trainingswissenschaft. Unsere Körper sind einfach anders als Männerkörper. Die Wissenschaft ist viel zu oft auf den männlichen Körper ausgelegt. Die Vereinbarkeit von Sport und Familienplanung ist auch ein Dauerthema, bei dem bisher zu wenig getan wird. Am wichtigsten ist und bleibt aber das Thema Schutz vor Gewalt und Missbrauch.“

SID: „Das Thema Geld wird mittlerweile immerhin öffentlich diskutiert. Alexandra Popp, Kapitänin der deutschen Fußballerinnen, sieht noch eine weite Kluft bei der Bezahlung im Vergleich zu den Männern. Was beobachten Sie?“

Borger: „Im Ausland gab es schon einiges an Veränderungen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das auch in Deutschland kommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass das früher oder später komplett angepasst wird. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht so sein sollte, und finde es erschreckend, dass wir jetzt erst darüber sprechen und darüber nachdenken. Im Radsport und im Skispringen hat sich doch schon einiges getan. Biathlon und Beachvolleyball sind auch positive Beispiele, die Preisgelder waren da schon immer gleich.“

SID: „Wäre Streik eine Option?“

Borger: „Ich bin eher ein Freund davon, das anders zu klären. Aber wenn es nicht anders gelingt und wenn nicht zugehört wird, dann wäre das eine Maßnahme für eine Eskalation, wenn man gar nicht weiterkommt. Ich könnte es durchaus verstehen. Man muss beim Thema Geld aber auch unterscheiden. Einmal sind es die Prämien vom Verband für eine Leistung, hinzu kommen das Gehalt durch den Verein und die Werbeeinnahmen. Das ist eine andere Thematik. Bei der Prämien-Thematik sehe ich keinen Grund, warum bei Frauen weniger Prämien als bei Männern gezahlt werden sollten. Ich bin da auf der Seite von Olaf Scholz.“

SID: „Skispringerin Anna Rupprecht sprach nach dem Gewinn der Goldmedaille bei der Ski-WM zuletzt öffentlich über die Beeinträchtigungen durch Regelschmerzen im Sport und forderte eine Enttabuisierung des Themas. Richtig?“

Borger: „Ja! In Spanien gibt es eine bestimmte Anzahl an Urlaubstagen für Regelschmerzen, in Deutschland sind wir davon noch weit weg. Die Zahl der Frauen mit Problemen ist viel höher als wir denken. Erschreckendes gibt es auch beim Thema Pille-Einnahme zu berichten. Einige Sportlerinnen haben zuletzt angegeben, dass sie die Pille auch ohne Absprache mit ihrem Arzt einnehmen, um keine Blutungen im Wettkampf zu haben. Die Menstruation bleibt dann wegen Überbelastung weg, das ist ein Riesenthema. Wieso redet man erst jetzt darüber? Es ist wichtig, dass auch junge Mädchen sehen: ‚Ich bin damit nicht alleine, es ist völlig normal, dass der Hormonhaushalt im Körper auch im Sport eine Rolle spielt.'“

SID: „Eine weitere riesige Herausforderung für Frauen im Sport sind Schwangerschaften. Angelique Kerber plant schon ihr Comeback, doch für viele Sportlerinnen ist eigener Nachwuchs noch immer gleichbedeutend mit dem Karriereende.“

Borger: „Das stimmt. Es gibt noch immer unüberbrückbare Herausforderungen. Ich habe mit vielen Athletinnen darüber gesprochen, und es gibt große Unsicherheiten hinsichtlich der Haltung von Verbänden. Wie sieht es mit den Kaderplätzen aus? Bekommt man noch Förderung? Oder ist man einfach raus? Der Bundeskaderstatus basiert momentan oft auf persönlichen Entscheidungen von Trainern und Sportdirektoren. Natürlich werden Verbände auch nach Medaillen bewertet, aber das macht es für die Vereinbarkeit von Sport und Familienplanung sehr schwer.“

SID: „Gibt es ein Patentrezept?“

Borger: „Es ist stark abhängig von den Sportarten, wie man das regeln kann. Viele Verbände haben wenig Gelder und dadurch den Druck, Medaillen holen zu müssen. Töpfe für finanzielle Unterstützung für Schwangere wären eine Option. Wenn sich zum Beispiel mehrere Mütter an einem Bundesstützpunkt bei der Kinderbetreuung zusammentun, könnte das ein Ansatz sein. Bei einzelnen Schwangerschaften ist das aber eher schwierig. Sportler wie wir Beachvolleyballerinnen sind abhängig von Sponsorengeldern. Wenn wir nicht spielen können, müssen wir froh sein, wenn der Sponsor dabei bleibt. Wir haben keinen Verein, bei dem wir eine Hallensaison absolvieren, das macht es enorm schwer. Alle, die wie Melanie Leupolz nach ihrer Schwangerschaft in den Sport zurückkehren, sind positive Beispiele, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken und zu zeigen, dass es funktioniert.“

SID: „Klingt nach vielen Sorgen und viel dunklem Tunnel. Sehen Sie Licht?“

Borger: „Der Tanker hat sich in Bewegung gesetzt. Ja. Aber wir brauchen noch mehr Initiativen für gesellschaftliche Veränderungen, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken und zu halten. Und wir brauchen noch mehr mediale Formate, um auf die vielen Themen aufmerksam zu machen. Die Strukturen im Sport sind aktuell noch sehr männlich geprägt, aber es steht ein Generationswechsel an. Schon jetzt ist viel Veränderung drin. Wenn man beispielsweise fünf Jahre zurückspult und mit heute vergleicht, ist ein Riesenschritt getan worden. Man sieht aber immer noch, wie lange es dauert, bestimmte Gedankenstränge zu verändern.“