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Februar 2024

Sport-Informations-Dienst (SID)

Köln (SID) Was ist eigentlich Hobby Horsing? Laufen da wirklich erwachsene Menschen mit einem Steckenpferd über einen Parcours? Ja, aber … das trifft es nicht ganz.

Liberty ist wahrlich kein Schnäppchen. Aber man bekommt auch etwas für die 249 Euro, die man locker machen muss. Schließlich ist Liberty laut Verkäufer „perfekt zum Springen von Hindernissen, Dressurreiten oder einfach zum Reiten in der Natur“. Liberty ist ein Finnhorse, mit aufsteckbarem Birkenstock gut 80 cm hoch bei einem Gewicht von 850 Gramm. Geliefert wird das, ähm, Steckenpferd in einer hübschen Holzkiste. Liberty ist nämlich ein Hobby Horse.

Wer nun meint, hier sei von einem gehobenen Kinderspielzeug die Rede, liegt nur fast richtig. Hobby Horsing ist ein neuer – ja, was eigentlich? Trend trifft es vielleicht am besten. Ein Trend- und Fitnesssport mit vielen Elementen aus der Gymnastik und durchaus schweißtreibend. Und statt auf Ball, Reifen oder Keulen vertraut der Hobby Horser eben auf ein anderes Sportgerät: Ein Steckenpferd, wie es jeder aus Kindertagen kennt.

Die Heimat des Hobby Horsing ist Finnland, dort gibt es längst nationale Meisterschaften. Das „Springen“ findet auf einem Parcours mit Hindernissen statt, die in ihrer Charakteristik – natürlich nicht in der Höhe – dem echten Springreiten nachempfunden sind. Ein bisschen ruhiger geht es in der „Dressur“ zu, okay, bei Piaffe-Passage und Trab-Traversale gibt es halt auch in echt nix zu springen.

Wer aber jetzt meint, Hobby Horsing sei vor allem eine Lachnummer, bei der unsportliche Menschen versuchen, doch noch irgendwie Bewegung in ihr Leben zu bringen, der irrt gewaltig. Der Selbstversuch zeigt sehr schnell, dass Kondition, Körperbeherrschung und auch ein paar Muskeln gefragt sind. Mit einem Steckenpferd über ein Hindernis springen, das – hahaha – gerade mal 40 cm hoch ist? Keine weiteren Details, bitte. Übrigens: Den Weltrekord hält mit 1,42 m die 14-jährige Deutsche Lotta Mirring. Ein Meter 42!

Mittlerweile gibt es in Deutschland unter dem Dach des Verbandes Hobby Horsing Germany eine stetig wachsende Zahl von Vereinen für die ebenso stetig wachsende Zahl von Menschen jeden Alters, die sich für den neuen Trend begeistern. Und es gibt Vorschriften, die manch einem Betrachter dann vielleicht doch etwas „drüber“ erscheinen mögen. Die Fußhaltung des „Reiters“ sieht je nach Disziplin einen gestreckten oder einen federnden Fuß vor, wobei – ganz wichtig – die Fußspitze zuerst aufgesetzt werden muss. Sieht einfach eleganter aus. Okay.

Es gibt außerdem eine Vielzahl von Disziplinen. Kleiner Auszug gefällig? Stilspringen, Zeitspringen, Mächtigkeitsspringen, Mounted Games, Galopprennen (!), Pas de Deux, Western Pleasure, Superhorse, Pole Dancing, äh, Bending. In Finnland, wie schon gesagt, findet all das auf allerhöchstem Niveau statt, auch die USA gelten mittlerweile als Paradies für Hobby Horser.

Während Hobby Horsing in Finnland in den nationalen Verband integriert ist, wiegelt die Deutsche Reiterliche Vereinigung vorerst ab. „Hobby Horsing ist gedacht als ergänzendes Angebot, um Kinder spielerisch mit dem Thema Pferd in Kontakt zu bringen bzw. zu halten“, heißt es in einem Statement des Dachverbandes: „Aber es kann natürlich die Ausbildung mit dem Pferd in keiner Weise ersetzen.“ Deshalb gebe es „keinerlei Bestrebungen in dieser Richtung“.

Hubertus Schmidt, Mannschafts-Olympiasieger 2016 in Rio, nennt für ein organisiertes Hobby Horsing eine Altersgrenze von maximal zwölf Jahren. Bis zu diesem Alter könne man Kindern dadurch den Reitsport näherbringen, sagte Schmidt dem Magazin St.GEORG: „Aber über zwölf Jahren sehe ich das Problem, dass wir die Heranwachsenden dadurch eher vom Pferd wegbringen.“ Und das Pferd, also das echte, sollte beim Reitsport ja nun wirklich im Mittelpunkt stehen.